Aushilfskapitäne

Schippern wie vor 90 Jahren

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Ehrenamtliches Engagement: Sicher legt Alfred Huck die Fähre, hier mit einer Gruppe radelnder Frauen, am Anleger Varenholz an.

Kalletal - Sie sind Kapitäne, und sie machen dies ehrenamtlich. Seit 1924 gibt es die Gierseilfähre zwischen Varenholz und Veltheim. Fährmann Alfred Huck bringt die Fahrgäste, Wanderer oder Fahrradtouristen an den Wochenenden sicher von der einen Weserseite zur anderen.

Auf der Veltheimer Seite steht ein Denkmal, welches an das größte Unglück des deutschen Militärs in Friedenzeiten erinnert: An dieser Stelle ertranken im Jahr 1925 einundachtzig Soldaten der 6. Infanterie-Division der Reichswehr beim Übersetzen von Veltheim nach Varenholz.

Huck ist bisher der letzte Fährmann, der die Lizenz zum Übersetzen hat. Damit diese traditionelle Verbindung aber nicht eingestellt wird, lassen sich Wolfgang Pape und Martin Deppe vom Heimatverein in Varenholz derzeit zu ehrenamtlichen Fährleuten ausbilden. Der Heimatverein in Varenholz ist zukünftig, zusammen mit der Gemeinde Kalletal, auch maßgeblich verantwortlich für den Fährbetrieb.

Beinahe hätte der Betrieb vor Kurzem vollständig eingestellt werden müssen. Anfang Juli hatten Unbekannte das Fährschiff gestohlen. Als der Fährmann Pape am Morgen im ostwestfälischen Veltheim zum Dienst erschien, war das Schiff verschwunden. Er hatte die Gierseilfähre am Vorabend am Ufer befestigt und mit Kette und Vorhängeschloss gesichert. Die Wasserschutzpolizei Minden ordnete eine umfangreiche Suchaktion an, für die auch ein Polizeihubschrauber angefordert wurde. Nach einigen Stunden entdeckte ein Sportbootfahrer das Boot sechs Kilometer flussabwärts im Bereich Vlotho-Uffeln. „In der Zwischenzeit mussten wir zahlreiche Wanderer und Radfahrer vertrösten“, sagt Pape.

Die Hochseilfähre wird vor allem von Sonntagsausflüglern auf dem Fahrrad gerne in Anspruch genommen. Wer in Rinteln startet und eine Rundstrecke entlang der Weser fahren möchte, der verkürzt seinen Weg um die Hälfte, wenn er die Fähre benutzt. Die nächste Brücke Weser abwärts zur Weserüberquerung ist in Vlotho.

Die Mitglieder des Heimatvereins Varenholz haben an der lippischen Anlegestelle zusätzlich noch ein kleines Häuschen errichtet, um den Fahrgästen vor oder nach dem Übersetzen die Möglichkeit zu einer kurzen Rast zu geben. Sie pflegen das Umfeld und sorgen für Reparaturen der rund zehn Meter langen Fähre im Winter. Das An-und Abfähren zum Saisonanfang und-ende wird vom Verein jedes Mal groß gefeiert. Ende Juli lockt alljährlich das Piratenfest Hunderte Besucher an.

Die historische Weserfähre verkehrt an den Wochenenden und Feiertagen von 10 Uhr bis 18 Uhr. Eine Überfahrt kostet für einen Erwachsenen einen Euro, Kinder bezahlen 80 Cent, Familien 3 Euro. Ein Fahrrad kostet 50 Cent. Wer von Varenholz aus hinüber möchte, der muss am Anleger mit dem Hammer auf die Glocke schlagen. Kurze Zeit später ist dann der Fährmann mit seiner Fähre zur Stelle. Bei Hochwasser, Dunkelheit und schlechter Sicht findet kein Fährbetrieb statt. Schulklassen und andere Gruppen ab zehn Personen haben bei rechtzeitiger Anmeldung unter Telefon (0571) 791285 die Möglichkeit, die Fähre auch außerhalb der festgesetzten Fährzeiten zu benutzen.

von Reiner Toppmöller

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