Skandal in der Fleischbranche

Schlachthöfe beuten Osteuropäer aus

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Foto: Skandal in niedersächsischen Schlachterei: Nach NDR-Informationen werden dort illegale Leiharbeiter aus Osteuropa regelrecht ausgebeutet.

Hannover - Eine Bootsfirma an der Costa Brava in Spanien vermittelt illegale Leiharbeiter in niedersächsische Schlachthöfe? Laut Recherchen des NDR ist das gelebte Praxis in der Fleischbranche. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt.

Wegen möglicher illegaler Beschäftigung von Leiharbeitern in Niedersächsischen Schlachthöfen ermittelt jetzt auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Nach Recherchen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) wurden die aus Osteuropa stammenden Leiharbeiter bei einem mittelständischen Schlachtbetrieb im Landkreis Vechta sowie bei weiteren namhaften Fleischbetrieben eingesetzt.

Im Zentrum der Ermittlungen steht der deutsche Inhaber eines Unternehmens in Spanien – die Firma an der Costa Brava trägt den Namen Nautiboot und hat tatsächlich einmal Boote verkauft. Heute handelt sie mit Billigarbeitern aus Osteuropa für Schlachtbetriebe. Mehr als 1000 Rumänen soll Nautiboot in Niedersachsen beschäftigt haben.

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ist seit zwei Jahren einem Firmengeflecht auf der Spur, zu dem auch Nautiboot gehört und dessen Fäden im westfälischen Kamp-Lintfort zusammenlaufen, bei einer Firma Namens ACO. Hinter Nautiboot und ACO steht laut NDR derselbe Mann: Ralf R. Neben ihm gibt es 21 weitere Verdächtige. Im Mai haben die Düsseldorfer Ermittler 90 Büros und Wohnungen durchsuchen lassen. 450 Beamte von Staatsanwaltschaft, Zoll und Steuerfahndung haben Computer und Unterlagen beschlagnahmt, die derzeit ausgewertet werden.

Der Verdacht: Dubiose Vermittlungsfirmen beschaffen Fleischbetrieben billige Arbeiter aus Osteuropa, die für 5 Euro brutto auch in Niedersachsen Tiere zerlegen, ohne geregelte Arbeitszeit, ohne Krankenversicherung. Untergebracht werden die Menschen in Massenunterkünften. Wer sich beschwert, wird bedroht. Wer krank wird, fliegt raus.

Die Masche ist immer dieselbe, wie der Film „Lohnsklaven in Deutschland“ nachzeichnet (ARD, Montag 24. Juni, 22.45 Uhr): Der Schlachthof spart beim Stammpersonal. Die Arbeit wird per Werksvertrag neu vergeben. Inhalt zum Beispiel: Das Schlachten von einer Million Hähnchen. Die Werkvertragsfirma besorgt in Osteuropa die Arbeiter. Dazu schließt sie Verträge über einzelne Arbeitsleistungen mit Firmen aus dem Ausland ab, wie etwa Nautiboot. Damit gilt ausländisches Arbeitsrecht, Sozialabgaben werden im Ausland fällig. Der Verdacht der Staatsanwaltschaften: Einziges Ziel ist die Hintertreibung von Sozialabgaben. Denn tatsächlich werden die Leiharbeiter in den Unternehmen nicht anders eingesetzt als festangestellte Mitarbeiter. Sie werden nur schlechter bezahlt und schlechter behandelt.

In einem ähnlich gelagerten Fall hat erst vor Kurzem die Staatsanwaltschaft Oldenburg Anklage gegen den Verantwortlichen eines Schlachtbetriebes in Wildeshausen erhoben, der zum Wiesenhof-Imperium gehört. Angeklagt ist außerdem der Geschäftsführer eines Subunternehmers, der mit Geestland Putenspezialitäten Werkverträge abgeschlossen hat. Dieses Subunternehmen hatte wiederum Werkverträge mit einer Firma aus Bulgarien geschlossen, die Arbeiter aus Osteuropa zum Schlachten nach Wildeshausen schickte. Auch hier lautet der Verdacht: Illegale Leiharbeit, um Sozialabgaben zu sparen.

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