Zeitumstellung

Schluss mit dem Blödsinn!

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Geschenkte Stunde: Bei der Umstellung auf Winterzeit hat der Tag 25 Stunden.

Hannover - Hand aufs Herz: Wer wusste heute Morgen wirklich, wie spät es war, als der Wecker klingelte? Und wer wird nicht erschrocken sein, wenn es heute Nachmittag viel zu früh dunkel wird? Schuld ist wieder einmal die Zeitumstellung. Aber muss das wirklich sein? Eine Analyse von Imre Grimm.

Am Sonntag hat die Atomuhr an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig mal wieder neu darüber entschieden, wie spät es ist. Ob draußen in der Welt Züge fahren oder nicht. Ob morgens die Kühe schreien, weil ihr Euter sich nicht an Atomuhren hält. Und ob Millionen muffelige Kinder mit halboffenen Augen Cornflakes mümmeln oder friedlich in ihren Betten schlummern. Der Funkuhr-Langwellensender DCF.77 hat den Deutschen turnusmäßig eine Stunde mehr Schlaf gegönnt. Das ist nett. Einerseits. Andererseits ist es Blödsinn. Zeitumstellung – oder wie manche sagen: der Jetlag des kleinen Mannes. Die Deutschen sind des Unfugs müde. Zweimal im Jahr stürzt eine künstliche Direktive den Biorhythmus von 80 Millionen menschlichen und Milliarden tierischen Organismen in diesem Land ohne Not ins Chaos. Es ist ein Anachronismus aus einer Zeit mit vierstelligen Postleitzahlen, roten Kaugummiautomaten und „Trimm Dich“-Pfaden.

Mehr Tageslicht, weniger Energieverbrauch. Das war bei der Einführung 1980 das Ziel, nachdem man unter dem Eindruck der Ölkrise eine alte Idee aus dem Ersten Weltkrieg hervorgekramt hatte. Es hat nie funktioniert. Und es wird im Zeitalter des Energiesparbirnenzwangs noch hinfälliger werden. Die paar Watt, die wir beim Licht sparen, ballern wir an Heizungsenergie doppelt wieder heraus, weil wir an kühlen Sommermorgenden die Heizlüfter voll aufdrehen.

Zeitumstellung widerspricht der Natur

Was also soll der Unfug noch? Die Symptome einer Gesellschaft im kollektiven Tran sind vielfach beschrieben: mehr Unfälle, teure Logistikprobleme, verstärkter Herbstblues, Schlafmittelboom, erhöhtes Herzinfarktrisiko. Diverse Studien zeigen, dass die Umstellung der Natur des Menschen widerspricht – ganz egal, ob er Frühaufsteher („Lerche“) ist oder Langschläfer („Eule“). Für vier von fünf Deutschen bedeutet die Sommerzeit, dass ihr Körper zweimal im Jahr den Strapazen einer Reise nach Marokko ausgesetzt wird – mit allen biologischen Folgen.

Wozu das Ganze? Der Hormonhaushalt braucht bis zu vier Monate, um sich einzupendeln. Folge: Wir leben fast durchgehend neben der Spur. Die innere Uhr richtet sich nun mal nach der Sonne – ob wir aufstehen oder nicht. Ohnehin beginnen die Arbeits- und Schultage –aufgrund eines hartnäckigen gesellschaftlich-historischen Leistungsideals – viel zu früh für den Organismus des Homo Sapiens. 62 Prozent der Deutschen sind „Eulen“. „Die Zeitumstellung spiegelt weder eine biologische noch eine umweltbedingte Notwendigkeit wieder“, sagt der Münchener Chronobiologe Till Roenneberg („Wie wir ticken“).

500 Millionen Europäer sind betroffen

Warum also hält dieses Land dann eisern an dem zweckfreien Gebaren fest? Nur damit es sommers auf der Terasse ein Stündchen später dämmert? Findet es irgend jemand angenehm, im Winter im Dunkeln aufzustehen? Wir tun es trotzdem, „weil alle es so machen“. So lautet im Prinzip die Antwort der Bundesregierung. Seit 1994 ist die Sommerzeit EU-weit einheitlich geregelt. Im Wirtschaftsministerium heißt es nüchtern: „Die Harmonisierung der Sommerzeit ist für ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes unerlässlich.“ Und so lange die anderen dabei bleiben ...

Soll heißen: Brüssel regelt zwar den Krümmungsgrad von Salatgurken und leistet sich eine 52-seitige Schnullerkettenverordnung, nimmt aber in Kauf, dass 500 Millionen Europäer zweimal im Jahr wochenlang bettreif herumschlurfen wie Professor Hastig aus der „Sesamstraße“. Und das nur, damit es in Lissabon und Bukarest gleichzeitig neun Uhr ist. Dabei zeigen die USA, dass eine Binnenwirtschaft nicht gleich rauchend zusammenbricht, bloß weil zwischen Ost und West ein paar Stunden Zeitunterschied herrschen. Wie kann es sein, dass zwei Drittel der Deutschen den Irrsinn ablehnen und sich trotzdem seit 33 Jahren nichts tut? Bei der Praxisgebühr hat es immerhin „nur“ acht Jahre gedauert, eine wirkungslose Entscheidung zu kassieren.

Also: Aufwachen! Schluss mit dem künstlich geschaffenen Zeitzirkus. Zurück zur Normalzeit („Winterzeit“). Es wäre ein Leichtes, dem Spuk ein Ende zu bereiten: Es müsste im März 2014 einfach nur nichts passieren. Wäre doch schön, wenn in aufgeregten Zeiten irgend etwas mal wieder „normal“ würde. Und sei es die Zeit selbst.

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