Ursachen des Elbphilharmonie-Desasters

Schöner Scheitern

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Foto: Schauplatz eines Desasters: Die Baustelle der Elbphilharmonie.

Hamburg - Überforderung, Unfähigkeit, Täuschung: Ein Bericht listet die Ursachen des Elbphilharmonie-Desasters auf. Die Frage ist: Kann man daraus lernen?

Oben zerrt der Wind an schützenden Planen, hieven Kräne die letzten tonnenschweren Glasteile an ihren Platz in der Fassade, schwere Hammerschläge dringen von der Baustelle herab. Unten, am Fuß dessen, was Hamburgs Wahrzeichen werden könnte, wird Bayerisch gesprochen.

Franziska Goth und Johannes Ludsteck, er VWL-Student, sie Sozialpädagogin, sind aus Regensburg angereist. Sie gehören zu jenem steten Strom von Besuchern, der selbst bei so widrigem Wetter zur Elbphilharmonie-Baustelle pilgert, die Köpfe hebt, staunt, fotografiert. „Is scho a super Sache“, sagt er anerkennend. Der gewaltige Ärger um Kosten und Termine? Ja, irgendwas haben sie darüber gelesen. Aber jetzt, wo sie hier stehen, ist auch das Wenige fast vergessen. „Ein enorm imposanter Bau“, sagt sie.

Es macht das Staunen zweifellos leichter, wenn man sich der Elbphilharmonie aus größerer Entfernung nähert.

Derzeit konkurrieren jedenfalls zwei sehr unterschiedliche Perspektiven auf eines der umstrittensten Bauprojekte Deutschlands: die des faszinierten Besuchers, der diesen schon jetzt so märchenhaft schwebenden Glasbau auf dem alten Kaispeicher bewundert – und die des entsetzten politischen Beobachters, der fassungslos auf ein kaum für möglich gehaltenes Ausmaß an Unvermögen schaut.

Letztere könnte den Blick auf die Elbphilharmonie nun erst mal wieder dominieren – dank des Berichts des Untersuchungsausschusses, dessen Entwurf Eingeweihte in dieser Woche an einige Medien weiterreichten. Detailliert listen die Autoren darin auf, was während Planung und Bau alles schiefging – und weil das nicht eben wenig ist, ist der Bericht 724 Seiten stark. Es ist ein mächtiges Dokument des Dilettantismus, der Überforderung, der überbordenden Eitelkeiten und auch der bewussten Täuschung – alles zusammen hatte schwere Folgen: Die kalkulierten Kosten für das Konzerthaus stiegen von ursprünglich 77 auf inzwischen 789 Millionen Euro an. Die anfangs für 2010 geplante Eröffnung ist mittlerweile auf 2017 verschoben. Was eines Tages der Stolz der Stadt werden soll, dient jetzt zusammen mit dem neuen Berliner Flughafen und „Stuttgart 21“ als Symbol deutscher Probleme mit Großprojekten.

Erstmals nennt der Bericht ausdrücklich die Schuldigen an dem Desaster – und listet dabei fast alle auf, die während der Ära Ole von Beusts und seines Nachfolgers Christoph Ahlhaus (beide CDU) mit dem Projekt betraut waren. Ganz oben: von Beust selbst, der Erste Bürgermeister, der das Projekt bei jeder Gelegenheit beförderte und befeuerte, sich um die Details der Umsetzung dann aber offenbar kaum kümmerte. Die Verantwortung für die Elbphilharmonie übertrug von Beust der städtischen Realisierungsgesellschaft ReGe und entzog sie absichtlich einer zu engen behördlichen Kontrolle. Pech nur, dass sich deren Chef Hartmut Wegener laut Bericht als einerseits unfähig („ohne entsprechendes eigenes Fachwissen“, zitiert „Spiegel Online“) und andererseits frei von Selbstzweifeln („ungebrochen selbstbewusstes Auftreten“) erwies. Wegeners Nachfolger Heribert Leutner soll dann sogar bewusst gegenüber der Bürgerschaft die Überforderung der ReGe verschleiert haben. Beschämend ist der Bericht für alle: für Kultursenatorin Karin von Welck (soll Kostensteigerungen gegenüber der Bürgerschaft verschwiegen haben), für eine beratende Anwältin der ReGe (soll Unterlagen überhaupt nicht gelesen haben), für den Baukonzern Hochtief (setzte den Angebotspreis bewusst niedrig an und überzog die ReGe dann mit Nachforderungen), für die Architekten Herzog & de Meuron (hätten Fristen nicht eingehalten).

Die Schuldigen

Ole von Beust: Der damalige Erste Bürgermeister wollte die Elbphilharmonie. Laut Bericht soll er die Aufsicht über die städtische Realisierungsgesellschaft zu lax organisiert und Kostensteigerungen verschwiegen haben. Das Vertrauen in die Gesellschaft sei so groß gewesen, „dass es keine ausreichende Kontrolle gab“, rechtfertigte er sich später.

Karin von Welck: Die parteilose Kultursenatorin war ab 2008 für das Projekt zuständig. Sie soll die Führung der Realisierungsgesellschaft nur unzureichend kontrolliert haben. „Das Projekt wurde in seiner Struktur neu aufgestellt“, versicherte sie im Januar 2009 – aber zu viel blieb beim Alten.

Hartmut Wegener: Der Sozialdemokrat war bis 2008 Geschäftsführer der städtischen Realisierungsgesellschaft ReGe – und ist laut Abschlussbericht einer der Hauptverantwortlichen für Kostenanstieg und Bauverzögerungen: Er habe dafür gesorgt, dass „fortwährend ein weitaus zu optimistisches Bild der Kosten gezeichnet wurde“.

So deprimierend diese Liste des Scheiterns ist, so unterhaltsam ist sie wegen ihrer teils deutlichen Schuldzuweisungen. Wichtiger, wenn auch mühsamer, ist die Aufarbeitung der strukturellen Fehler. Da war also eine Stadt, die in Sachen Kultur von jeher einen kleinen Komplex mit sich herumträgt – und da waren Politiker, die diesen sehr unbescheiden auf einen Schlag beseitigen wollten. Dazu rechneten alle Beteiligten die wahren Kosten von Anfang klein, um das Projekt nicht zu gefährden – und sorgten mit ihren Entscheidungen dann dafür, dass das möglichst spät herauskam: Ausgeschrieben wurde die Elbphilharmonie 2006 abenteuerlicherweise, ohne dass überhaupt die Bauplanung abgeschlossen gewesen wäre. Die Folge: Es gab nur einen einzigen Bewerber, Hochtief – der dann aber nicht die Ausführung planen durfte, die noch bei den Architekten verblieb. Die Folge: eine chaotische Doppelstruktur. Der Baukonzern revanchierte sich mit eifrigen Nachforderungen – mit deren Prüfungen wiederum die städtische Realisierungsgesellschaft komplett überfordert war. Zwischen 2009 und 2012, so hat es das „Hamburger Abendblatt“ einmal recherchiert, quollen 126 146 Seiten aus dem einzigen Faxgerät der Gesellschaft.

Der Bericht belegt: Hamburg hat bei der Elbphilharmonie so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man bei einem Projekt dieser Güteklasse überhaupt machen kann. Lässt sich daraus wenigstens etwas lernen? Lassen sich aus dem Desaster an der Elbe Lehren ziehen, die Blamagen wie diese oder jene am Berliner Flughafen künftig vermeiden? Das ist zumindest die Hoffnung von Shervin Haghsheno.

Der 38-jährige Professor ist Experte für Großprojekte am Karlsruher Institut für Technologie. Seine Diagnose ist ernüchternd: „Bei komplexen Bauprojekten haben wir in Deutschland enorme Schwierigkeiten.“ Der früher weltweit tadellose Ruf des Projektmanagements made in Germany: gründlich beschädigt nach den Nachrichten aus Hamburg, Berlin und Stuttgart. England oder auch Australien seien mittlerweile weit im Vorsprung.

Haghsheno sitzt in einer Reformkommission des Bundesbauministeriums, die bis zum nächsten Jahr Vorschläge erarbeiten soll. Ein Hauptproblem nach Meinung Haghshenos: Kommunen und Länder überschätzen ihre Fähigkeiten und planen selbst komplexe Vorhaben „aus Bordmitteln“: „Professionelles Projektmanagement wird in Deutschland massiv unterschätzt“, klagt Haghsheno. Baufirmen sollten in die Planungen früh einbezogen werden, um Kosten realistisch abschätzen zu können. Weiterhin fatal aus Haghshenos Sicht: der deutsche Glaube an völlig harmonisches Bauen. „Konflikte sind gerade bei Großprojekten völlig normal“, erklärt er. „Deshalb sollte gleich zu Beginn ein Schlichtungsverfahren festgelegt werden.“

Und was tut man gegen Politiker, die beim Werben für ihre Vorhaben Kosten bewusst zu niedrig ansetzen? „Ein unabhängiges Gremium sollte jedes Vorhaben obligatorisch prüfen“, sagt Haghsheno – dazu sollte sich die öffentliche Hand selbst verpflichten.

Haghsheno ist überzeugt: Diese Reformen hätten ein Desaster wie jetzt in Hamburg weitgehend verhindert. Allerdings macht er sich über die Umsetzung auch wenig Illusionen. „Widerstand droht aus der Wirtschaft ebenso wie aus der Politik. Die Umsetzung erfordert Mut von allen Beteiligten.“

Immerhin scheint die Elbphilharmonie inzwischen auf einem guten Weg zu sein. Arbeiter haben mit der Montage der Dachflächen begonnen, im Saal bringen sie die Tausenden Gipsplatten an die Wände. Hochtief hatte zuletzt angegeben, dem Zeitplan sogar ein wenig voraus zu sein. Die Touristen gehen schon jetzt beeindruckt wieder nach Hause. Nur ob sie wiederkommen, ist nicht klar. „Wir interessieren uns nicht so für klassische Musik“, sagt der Bayer Ludsteck. Aber das ist dann ein anderes Problem.

Chronik eines Debakels

  1. Juli 2005: Seit Jahren diskutiert Hamburg über eine neue Konzerthalle – jetzt wird die Machbarkeitsstudie zur Elbphilharmonie vorgelegt. Die Kosten werden auf 186 Millionen Euro geschätzt. Die Stadt soll nur 77 Millionen Euro tragen.
  2. November 2006: Bürgermeister Ole von Beust gibt bekannt, dass die Baukosten auf 241,3 Millionen Euro steigen, die Stadt soll 114,3 Millionen Euro zahlen.
  3. November 2008: Kultursenatorin Karin von Welck teilt mit, dass sich die Kosten für den Steuerzahler auf 323 Millionen Euro verdreifachen.
  4. Mai 2010: Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss soll die Ursachen der Kostensteigerungen herausfinden.
  5. Januar 2011: Laut Untersuchungsausschuss belastet der Bau den Haushalt mit 351,3 Millionen Euro.
  6. November 2011: Hochtief stellt die Bauarbeiten ein – der Baukonzern zweifelt an der Statik des Dachs.
  7. Februar 2012: Die Stadtentwicklungsbehörde hält die Dachkonstruktion für sicher – Hochtief soll weiterbauen.
  8. Mai 2012: Das erste Ultimatum der Stadt an Hochtief verstreicht.
  9. Juni 2012: Das zweite Ultimatum der Stadt an Hochtief verstreicht.
  10. Juli 2012: Hochtief baut weiter.
  11. Dezember 2012: Neue Verträge werden ausgehandelt. Hochtief soll unter Übernahme sämtlicher Risiken die Elbphilharmonie zu Ende bauen – zum Festpreis von 575 Millionen Euro.
  12. April 2013: Bürgermeister Olaf Scholz beziffert die Gesamtkosten für den Steuerzahler auf 789 Millionen Euro. Rechnet man Spenden und private Investoren hinzu, kommt man auf Gesamtkosten von weit über 800 Millionen – Stand Januar 2014.

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