Füller sind Trend

Schreib mal wieder

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Immer noch gefragt: Füller.

Hannover - Die Tastatur hat die Handschrift weitgehend verdrängt. Dennoch ist der Füllhalter auch 130 Jahre nach seiner Erfindung gefragt. Vor allem deutsche Produkte sind weltweit gefragt. Eine Spurensuche.

Als 2009 die „Füller-Affäre“ ans Licht kam, gab es einen Aufschrei der Empörung beim Bund der Steuerzahler: 115 Bundestagsabgeordnete hatten 396 hochwertige Füllfederhalter im Gesamtwert von 68 800 Euro als „Büromaterial“ bestellt. Dass nur wenig später US-Präsident Barack Obama bei der Unterzeichnung seiner Gesundheitsreform 22 Edelfüllhalter benutzte, um sie anschließend an verdiente Reformmitstreiter zu verteilen, wurde allgemein eher als stilvoll anstatt als dekadent bewertet. In jedem Fall zeigen die Beispiele, dass gerade auf der politischen Bühne ein Füller mehr als nur ein Schreibgerät ist: Er ist ein Prestigeobjekt. Und zwar sowohl eines mit Vergangenheit als auch mit Zukunft.

Rund 130 Jahre nach seiner Erfindung durch den New Yorker Versicherungsmakler Lewis Edson Waterman ist der Füllhalter immer noch ein beständiges Stück Schreibkultur, das vor allem deutsche Firmen wie Lamy, Pelikan oder Montblanc stetig weiterentwickeln.

Von billig bis sündhaft teuer

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2013 in Deutschland hergestellte Füllhalter im Wert von 94 Millionen Euro exportiert. 2009 waren es noch 75 Millionen Euro. Dabei handelt es sich nicht um Patronenfüller für Schulkinder. „Die finden letztlich nur noch Absatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo der Füller in der Grundschule nach wie vor Pflicht ist“, sagt Manfred Meller, Geschäftsführer des Industrieverbandes Schreiben, Zeichnen und Kreatives Gestalten (ISZ). International konzentriere sich die Nachfrage eher auf hochpreisige Premiumprodukte.

Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel: Nach Angaben des Heidelberger Traditionsunternehmens Lamy, das mit einem Jahresumsatz von 65 Millionen Euro im Bereich Schreibgeräte Marktführer in Deutschland ist, sind stylische Trendfüller wie der neonfarbene Lamy Safari vor allem in Asien beliebt. Der ist schon für rund 17 Euro zu haben. Klassische Modelle wie der von Pelikan 1929 entwickelte Kolbenfüllhalter im grün-schwarz gestreiften „Stresemann“-Look beginnen dagegen erst bei 295 Euro. Das heute unter dem Namen „Souverän“ bekannte Modell zähle zu den beliebtesten Produkten bei Pelikan, sagt Unternehmenssprecherin Simone Bahrs.

Genau wie die Schulfüller werden auch die edleren Varianten bei Pelikan im Werk Vöhrum bei Peine produziert. „Eine eigene Produktion in Deutschland zu haben, ist für uns wichtig, um dem Anspruch auf höchste Qualität gerecht zu werden“, betont Bahrs. Füllhalter herzustellen sei auch im digitalen Zeitalter durchaus noch wirtschaftlich. Bahrs spricht gar von einer „Renaissance in puncto Schreiben“. Immer mehr Menschen würden sich darauf zurückbesinnen, dass eine Grußkarte oder ein handgeschriebener Brief persönlicher sei als eine am Computer getippte Nachricht. Ein Indiz für die Wiederentdeckung der Schreibkultur könnte sein, dass Kalligrafie, die Kunst des schönen Schreibens, in vielen Großstädten mittlerweile fester Bestandteil von Kursprogrammen an Volkshochschulen ist.

Füller als Statussymbol

Selbst, wenn es in den vergangenen Jahren wieder mehr geworden sein sollten: Die Grußkartenschreiber sind nicht diejenigen, die die Einnahmen im Füllhaltergeschäft hochtreiben. Auch in der Wirtschaft oder der Politik, wo gewichtige Verträge oder Gesetze in der Regel mit Füllhaltern unterzeichnet werden, dürften sich - Prestigeobjekt hin oder her - nur verhältnismäßig wenige Schreibgeräte finden, die fünf- oder gar sechsstellige Beträge wert sind. Es sind die Sammler, die bereit sind, ein solches Vermögen auszugeben, um beispielsweise einen Montegrappa Dragon zu besitzen. Wie einst Schauspieler und Montegrappa-Werbebotschafter Sylvester Stallone, der diesen Füller jedoch verloren hat und dem Finder mit 40 000 Dollar das Fünffache vom Neupreis bot. Es ist nicht bekannt, ob die Edelfeder jemals wieder aufgetaucht ist. Womöglich schlummert sie als Wertanlage in einem Tresor. Denn der Höchstpreis für ein solches Modell des italienischen Schreibgeräteherstellers Montegrappa liegt im Netz mittlerweile bei stolzen 55.000 Dollar. Zwar bestehen Edelfüllhalter auch aus Edelmetallen, -steinen, oder -hölzern. Und auch der Herstellername spielt eine Rolle. Doch der Grund für hohe Liebhaberpreise ist meist die geringe Stückzahl. Je weniger Exemplare es von einem Modell gibt, umso nachhaltiger kann der Wertzuwachs sein. Aus der Kollektion Graf von Faber-Castell etwa gibt es jedes Jahr einen exklusiven „Pen of the Year“, dessen Fertigung auf ein Jahr begrenzt ist.

Auch die Hamburger Firma Montblanc hat jedes Jahr eine neue limitierte Auflage im Programm. Einzig der Montblanc Hemingway von 1992 sprengte in der Firmengeschichte bislang die Gesetze des Marktes: Trotz einer Stückzahl von 20 000 hat sich der Verkaufspreis von seinerzeit 950 D-Mark auf heute rund 3000 Euro mehr als vervierfacht. Wer im Besitz eines solchen Schatzes ist und jetzt Angst hat, ihn wie Stallone zu verlieren, muss im Alltagsgeschäft nicht auf Kugelschreiber umschwenken: Es gibt Einwegfüller. Zum Beispiel von Pilot Varsity. Im Dutzend für rund 30 Euro.

Von Kerstin Hergst

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