Erdbeben-Überlebende im Dauer-Stress

Mit Schuhen ins Bett

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Foto: Ein Mann trägt seine Enkelin nachdem die beiden aus einer vom Erdbeben betroffenen Region gerettet wurden.

Kathmandu - Viele Menschen in Nepal haben in den vergangenen Wochen mehr als 100 Erdbeben gespürt - und leben nun in ständiger Panik. Sie springen auf, wenn eine Tür knallt, ein Hund bellt oder ihr Magen knurrt. Kinder leiden besonders unter dem Dauer-Stress.

"Einer meiner Patienten, ein kleiner Junge, geht mit seinen Schuhen ins Bett, damit er gleich losrennen kann, wenn wieder ein Erdbeben kommt", erzählt Arjun Kunwar. Er ist Psychiater in der Metro Clinic in Nepals Hauptstadt Kathmandu - und behandelt seit drei Wochen Menschen, die in ständiger Angst vor der nächsten Katastrophe leben. "Eines der Kinder kann nicht schlafen und lässt auch die anderen Familienmitglieder nicht zur Ruhe kommen, weil es immer denkt, es könnte ein Erdstoß kommen." Überall in Nepal sind die Menschen am Rand ihrer Kräfte - körperlich und auch mental. Sie haben nach dem Beben vom 24. April mehr als 8000 Tote bestattet. Tausende sind verletzt, Hunderttausende haben ihre Häuser verloren, und Millionen benötigen Nahrungsmittel.

Auch emotionale erste Hilfe wird benötigt

Dabei wissen sie noch nicht einmal, ob das Schlimmste schon vorbei ist. Ob also noch ein großes Nachbeben folgt, oder - wie in den vergangenen Tagen - nur kleinere. "Ich kann nicht mehr sagen, ob ich es bin, der zittert, oder die Erde", meint Bibek Bhandari. Auch der Nepalese Amrit Sharma erzählt auf Twitter, er schlafe quasi immer mit einem offenen Auge. "Die unheimlichste Erfahrung nach dem Erdbeben ist es, sich hinzulegen, um ein Nickerchen zu halten, und dann nicht zu wissen, ob gerade ein Nachbeben passiert oder das eigene Herz rast." Mindestens vier Menschen, sagen die nepalesischen Behörden, seien bei dem großen Nachbeben nicht durch einstürzende Häuser gestorben, sondern bei einem Herzinfarkt. Die Vereinten Nationen sind der Ansicht, dass emotionale erste Hilfe vor allem für Kinder genauso wichtig ist wie Unterkünfte, Essen und sauberes Wasser.

"Viele Kinder leiden unter Alpträumen, manche stehen so unter Stress, dass sie nicht schlafen können, während andere ihre Eltern gar nicht mehr loslassen wollen", sagt Rownak Khan vom Kinderhilfswerk Unicef. Bei jedem neuen Beben sehe er, wie sich die Menschen umarmten und weinten. Das Haus von Minerva Shrestha in der Stadt Nuwakot stürzte beim großen Beben der Stärke 7,8 ein. Danach zog die junge Mutter mit ihrem kleinen Kind in ein Zelt im Vorgarten von Verwandten in der Hauptstadt Kathmandu. "Seit dem Erdbeben hat sich die Persönlichkeit meines Sohnes völlig verändert", sagt Shrestha. "Schon beim kleinsten Geräusch oder Bewegung erschrickt er und weint und weint und will nicht essen."

Junge will Selbstmord begehen

Psychologe Kunwar erklärt, täglich kämen mehrere Eltern mit völlig verängstigten Kindern zu ihm. Deswegen trainiere er seit Tagen Kinderärzte und Lehrer, damit sie mit gestressten Kindern umzugehen lernen. Auch Hilfsorganisationen gehen in die Flüchtlingscamps, um mit entspannenden Massagen zu helfen oder Blumen zur Aufmunterung zu verschenken. "Viele Menschen fühlen sich so ruhelos und hilflos", sagt Kunwar.

Einer seiner Patienten, ein 13 oder 14 Jahre alter Junge, habe sogar Selbstmord begehen wollen. "Er hatte schon ein Seil gekauft." Hoffnung auf die Zukunft macht der indische Psychologe Nimesh Desai, der nach dem schweren Erdbeben in Gujarat 2001 jahrelang Studien durchführte. "Die allermeisten Menschen sind nach wenigen Wochen wieder in Ordnung, entweder aus sich selbst heraus oder mit etwas Hilfe der Gemeinschaft", sagt Desai. Anfängliche Symptome wie Angst, Unsicherheit, Stress und Schlaflosigkeit seien nicht ungewöhnlich. "Das ist eine normale Reaktion in einer anormalen Situation."

dpa

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