Georg-Eckert-Institut

Schulbücher können Feindbilder bedienen

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Völkerverständigung: Die Spanierin Kira Mohamada forscht in Braunschweig.

Braunschweig - Das Georg-Eckert-Institut beherbergt eine einzigartige Sammlung von Schulbüchern aus aller Herren Ländern. Der Gründer, Georg Eckert, wäre jetzt 100 Jahre alt geworden.

Beide Frauen sind Mütter. Aber ihre Rolle ist ganz unterschiedlich. Die eine - im schicken Hosenanzug - bringt ihr Kind zur Krippe, küsst es zum Abschied und eilt zur Arbeit ins Büro. Die andere steht mittags am Herd, rührt im Kochtopf und empfängt ihren Sohn, der gerade von der Schule kommt, mit offenen Armen. Beides sind Bilder in deutschen Fibeln aus den fünfziger Jahren. In der DDR galt die arbeitende Mutter als Vorbild, in der Bundesrepublik war es die Hausfrau, die für ihre Familie sorgt. Die Idealbilder spiegeln sich in den Schulbüchern von damals wider.

Mit Schulbüchern wird gern Politik gemacht. Sie zeigen die Realität, aber häufig auch die Welt, wie sie sein soll. Schulbücher können Feindbilder bedienen, sie können aber auch helfen, ebensolche abzubauen. Das hat Georg Eckert schon vor 60 Jahren erkannt. Der Historiker und Ethnologe, der ab 1946 an der späteren Pädagogischen Hochschule Braunschweig Lehrer unterrichtete, warb für ein demokratisches Geschichtsbild. Die Schüler sollten über historische Aufklärung zu einer möglichst unabhängigen Meinungsbildung befähigt werden. Was Ideologie im Unterricht anrichten konnte, hatte der überzeugte Sozialdemokrat im Nationalsozialismus erfahren.

Völkerverständigung und Friedenserziehung sind bis heute die Hauptziele der Wissenschaftler des 1975 gegründeten Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung. Sie haben palästinensische und israelische Autoren für ein gemeinsames Geschichtsbuch an einen Tisch gebracht und bei der Herausgabe eines deutsch-französischen Werkes geholfen. Auf anderthalb Jahre ist eine neue Studie angelegt, die den Umgang mit dem Holocaust im Unterricht erforscht. Dazu müssen Lehrpläne aus 195 Ländern ausgewertet und 20 Schulbücher miteinander verglichen werden. Die Studie, die das Georg-Eckert-Institut zusammen mit der Unesco macht, sei auch eine wichtige Grundlage für Länder, in denen die Judenvernichtung bislang überhaupt kein Thema sei, sagt Institutssprecherin Regina Peper.

Das ideale Lehrbuch für alle werde es nie geben, sagt sie, weil in jedem Land andere Anforderungen zählten. Die einen betrachteten Geschichte von der Chronologie her, die anderen arbeiteten themenorientiert. In Deutschland gibt es sogar für die einzelnen Bundesländer unterschiedliche Ausgaben.

Das Institut beherbergt eine einzigartige Sammlung von Schulbüchern aus den vergangenen drei Jahrhunderten. Die Bibliothek in der weißen, herrschaftlichen Gründerzeitvilla am Rande von Braunschweig und den beiden Außenstelle umfasst insgesamt 150.000 Bände, vor allem für die Fächer Geschichte, Geografie, Deutsch, Politik und Gesellschaftskunde. Kein Wunder, dass immer wieder ausländische Forscher nach Braunschweig kommen, um in den Büchern zu stöbern. Wie die spanische Postdoktorandin Kira Mohamada, die für zwei Wochen hier arbeitet.

Ob ein farbenprächtiges Lesebuch aus Japan oder ein vor Nationalstolz sprühendes Geschichtsbuch aus den USA - der Blick in die Bücher aus aller Herren Länder zeigt, dass Politik immer noch Schulbücher prägt. Und das nicht nur in Diktaturen. Darüber und über die Thesen des vor 100 Jahren geborenen Georg Eckert diskutieren ab heute zwei Tage lang rund 100 Wissenschaftler in Braunschweig bei einer internationalen Konferenz. In mehreren Foren wird Eckerts Rolle als Mittler zwischen den Nationen beleuchtet. Auf einem Podium sitzen Zeitzeugen, die Eckert, gestorben 1974, noch persönlich gekannt haben, wie der frühere Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) und der Göttinger Historiker Prof. Rudolf von Thadden.

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