Kinder im Lernalltag

Schule ist ein Vollzeitjob

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Der Kindertag wird seit 1925 weltweit gefeiert, um an die Rechte der Kinder zu erinnern. In Deutschland beteiligten sich schon am Mittwoch zahlreiche Kinder an Aktionen zum Thema.

Berlin - Kinder brauchen Zeit. Die haben sie allerdings nur selten: Mit bis zu 45 Stunden pro Woche ist allein die Schule ein Vollzeitjob. Wenn noch Freunde und Hobbies dazu kommen, wird es eng.

Petterson und Findus, die Peanuts oder gar der Grüffelo – sie alle blicken den Kunden im Schreibwarenhandel möglichst zuversichtlich von den unzähligen Familienplanern entgegen. Dass diese Art von Kalendern, die jedem Familienmitglied Tag für Tag eine eigene Spalte für zahlreiche Aktivitäten zur Verfügung stellen, den Verlagen sehr zufriedenstellende Umsätze beschert, ist zugleich ein Beleg für ein gesellschaftliches Phänomen: Denn manchmal jagt schon bei Kindern ein Termin den nächsten. Ein straffes Wochenprogramm mit zahlreichen Terminen ist längst so sehr zum Alltag geworden, dass sie mitunter gar nicht mehr merken, dass zwischen Schule, Geigenunterricht und Fußballtraining kaum noch Zeit zum Spielen bleibt.

Um den Erwachsenen einen Einblick in ihren Alltag zu geben, haben sich seit Juni mehr als 2000 Kinder und Jugendliche an einer nicht repräsentativen Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerkes und Unicef im Internet beteiligt. Die Ergebnisse der Studie „Meine Woche“ stellten die beiden Organisationen gestern in Berlin pünktlich zum heutigen Weltkindertag vor. Wie in einem Schulstundenplan haben die teilnehmenden Kinder die Formulare der Studie Woche für Woche ausgefüllt und beschrieben, wie sie ihre Tage verbringen. Den größten Raum nimmt dabei eindeutig die Schule ein. Schon früh sind Kinder mit 38,5 Stunden Zeitaufwand pro Woche so sehr beansprucht, wie Eltern, die einem Vollzeitjob nachgehen. Ab der neunten Klasse kostet einen Durchschnittsjugendlichen die Schule mit Unterricht und Hausaufgaben sogar 45 Stunden pro Woche. Laut der Umfrage, die anonym geführt wurde, verbringen Mädchen 40, Jungen 37 Wochenstunden mit schulischen Aufgaben. Je älter die Befragten sind, desto höher ist auch die Anzahl der Wochenstunden, die sie aufwenden.

„Wir waren beeindruckt, wie deutlich Schule und Hausaufgaben im Vordergrund stehen“, sagt Unicef-Sprecherin Helga Kuhn. Sie leitet daraus einen klaren Wunsch zum Weltkindertag ab. Natürlich lasse sich die Schule nicht aus dem Leben der Kinder streichen. „Wir können aber dafür sensibilisieren, dass Schüler genug Freiräume bekommen, genug Pausen, Sport und musische Fächer, in denen der Leistungsdruck nicht im Vordergrund steht.“ Gleichzeitig sollten Eltern und Lehrer darauf achten, den Nachwuchs nicht unnötigen Wettkampfsituationen auszusetzen. Anders formuliert: Man sollte überdenken, ob Musik und Sport wirklich zwingend hart benotet werden müssen.

Auf Platz zwei der Zeiteinteilung liegen familiäre Aktivitäten, die in allen untersuchten Altersgruppen im Durchschnitt 18 Stunden in Anspruch nehmen. Auf Platz drei folgt „Chillen“ – also Faulenzen, Rumhängen, Lesen, Musik hören und ähnliches mit 15 Stunden pro Woche. Immerhin steht diese Art der Freizeitgestaltung noch vor „Zocken und Fernsehen“: Auf diesem Feld liegen vor allem die Jungen vorn, die wöchentlich 17 Stunden vor dem Bildschirm verbringen – Mädchen sehen dagegen nur zehn Stunden pro Woche fern. Sie „chillen“ lieber. „Das Thema Zeitgestaltung ist wichtig in Schulen, es wird viel darüber geredet“, sagt Kuhn. Während Jungen untereinander damit prahlten, dass sie das ganze Wochenende vor der Spielkonsole oder der Glotze gesessen hätten, reagierten Mädchen darauf eher ablehnend.

Anlässlich des Weltkindertages, der in diesem Jahr unter dem Motto „Kinder brauchen Zeit!“ steht, rief Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) gestern die Wirtschaft dazu auf, Freiräume für Familien zu lassen: „Berufstätige Eltern müssen das Büro Richtung Schulfest oder Laternenumzug verlassen können, ohne dass sie von abwertenden Blicken und Kommentaren begleitet werden.“ Familiensinn gehöre dringender denn je auf die Agenda einer familienfreundlichen Arbeitsmarktpolitik, sagte die Politikerin. Bleibt zu hoffen, dass der Papa die Kinder dann auch zu Gesicht bekommt – und sie nicht gerade mit Hausaufgaben oder der Playstation beschäftigt sind.

Sebastian Scherer

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