Held der Straße

Der Schutzengel mit dem 18-Tonner

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Foto: Jürgen Thesing und sein rettendes Koloss: Der MAN-LKW mit 440 PS half, einen Geisterfahrer zu stoppen.

Cloppenburg/Osnabrück - Durch seinen Mut hat ein Lastwagenfahrer aus Friesoythe bei Cloppenburg auf der Autobahn 1 einen Geisterfahrer gestoppt. Jetzt soll er für seinen Heldentat vom vergangenen Dezember geehrt werden.

Jürgen Thesing steuert seinen LKW mit nur noch 40 Stundenkilometern auf der Autobahn 1 in Richtung Osnabrück. Das Tempo hat er bewusst gedrosselt, denn der Lkw-Fahrer ist auf Konfrontationskurs. Thesing fährt einem Geisterfahrer entgegen - und kann ihn stoppen. Die Ankündigung einer Preisverleihung macht die Aktion des couragierten Lastwagenfahrers jetzt bundesweit bekannt - bereits vor einem Jahr hatte der Mann aus Friesoythe im Landkreis Cloppenburg gemeinsam mit einem deutschen Kollegen den Geisterfahrer gestoppt. Thesing weiß noch genau, was in der Nacht zum 22. Dezember 2012 auf der A 1 zwischen Cloppenburg und Osnabrück geschah. „Ich war gerade auf die A 1 eingeschert, als ich über Funk von dem entgegenkommenden Geisterfahrer gehört habe.“ Einen Schreck habe er bekommen. „Ich hatte mächtig Angst“, berichtet der 45-Jährige aus Friesoythe. Thesing hat drei Kinder, und seine Freundin Jasmin Nienhaus sitzt in dieser Nacht im weißen 18-Tonner auf dem Beifahrersitz. Schon vor Monaten hatte er sich mit seiner Freundin darüber unterhalten, was er tun würde, sollte einmal ein Geisterfahrer kommen. „Ihn stoppen“, das stand für den 160-Kilo-Mann fest. „Machst du es?“, fragt Jasmin deshalb nur, als die Meldung über Funk kommt.

Thesing rasen die Gedanken durch den Kopf, dann fasst er den Entschluss. „Ich will den Verkehr hinter mir schützen und den Geisterfahrer zum Stehen bringen.“ Ein hinter ihm fahrender Kollege, den Thesing über den Funkverkehr erst seit wenigen Minuten kennt, macht mit. „Ich habe ihm gesagt, er soll so tun, als ob er mich überholen will, damit wir nebeneinander herfahren.“ Wie eine Wand rollen die beiden nun auf den Geisterfahrer zu, denn an dieser Stelle ist die Autobahn nur zweispurig. Sie simulieren einen Stau und bremsen den Verkehr hinter sich ab. „Meine Freundin war gefasst und hat mir blind vertraut. Sie hatte sogar noch den Kopf, die Sachen im Fahrerhaus wegzuräumen, damit uns nichts um die Ohren fliegt.“ Die Lkw-Fahrer setzen die Lichthupe ein, damit der Geisterfahrer sie kommen sieht. Und er kommt. Es schneit, deshalb sehen Thesing und seine Freundin zunächst nur die Schweinwerfer des Sprinters. Doch der Mann, ein Familienvater aus Belgien, hält nicht an. „Er suchte wohl eine Lücke, wollte über den Standstreifen an uns vorbei.“ Doch dann bleibt der Mann endlich stehen und steigt aus. „Aber als er gesehen hat, dass ich auch ausgestiegen bin, ist er zurück ins Auto und wollte rückwärts wegfahren.“

Schnell läuft der Fernfahrer wieder zu seinem Truck, fährt vorwärts. Er keilt den Sprinter zwischen seinem Lkw und der Leitplanke ein - der Albtraum ist vorbei. „Das war ein kleines Wunder“, sagt Thesing. „Ich habe dem Mann dann auf Englisch erklärt, was er getan hat. Erst da hat er es begriffen.“ Die Polizei wird später erklären, der Belgier sei „versehentlich auf die entgegengesetzte Fahrbahn aufgefahren“, nachdem er auf einem nahe gelegenen Rastplatz durch einen bösen Traum verwirrt wurde. „Er hat mir erzählt, er hätte schlecht geträumt und dachte, er sei auf einer Landstraße.“ Der Belgier habe gesagt, er hätte sich nichts dabei gedacht, bis Thesing ihm sagte „Du machst hier ganz viel Blödsinn“. Der Belgier sei daraufhin weinend zusammengebrochen und habe ihn umarmt. „No problem, hab’ ich da gesagt.

Der Friesoyther verständigt die Polizei; und die lobt Thesing. „Es war ein sehr einschneidendes Erlebnis, und ich habe all meinen Mut zusammengenommen. Die Polizistin meinte, sie wäre sehr stolz auf mich“, erzählt der 45-Jährige. „Herr Thesing hat durch sein Verhalten Unfälle verhindert, das ist sehr lobenswert. Allerdings hätte es sehr viel schlimmer ausgehen können“, sagt Polizeisprecherin Anke Hamker von der Polizeiinspektion Osnabrück, die den Fall damals aufnahm

Für seinen Mut wurde Thesing in diesem Jahr „Held der Straße März 2013“ und hofft auch auf den Jahrestitel, den der Automobilclub für Deutschland (AvD) und der Reifenhersteller Goodyear nächste Woche in Berlin vergeben. Thesing hört im Radio seitdem immer wieder von Geisterfahrern. Was er dann tun will? „Ich wünsche mir, ich wäre ein kleiner Schutzengel, der da ganz schnell hinfliegen kann, um wieder Zivilcourage zu zeigen.“

Von Sabrina Mazzola

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