Kunde abgewiesen

Zu schwer für den Friseurstuhl

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Vor die Tür gesetzt: Martin Sokor.

Hildesheim - Ein 190 Kilo schwerer Mann aus Hildesheim wollte sich nur mal eben die Haare schneiden lassen, wurde aber nicht bedient - weil er zu schwer ist. Der Friseurmeister verteidigt die Abfuhr. Er habe Angst um die Gesundheit seiner Mitarbeiter, sollte der Stuhl unter der Last des Kunden zusammenbrechen.

Diesen Tag wird Martin Sokor nicht vergessen. Mit Frau und Tochter war er zu einem Einkaufsmarkt gefahren, wollte sich hinterher die Haare schneiden lassen. Ein Stoppelschnitt sollte es sein, wie immer geschnitten von seiner Stammfriseurin. Die hatte noch einen anderen Kunden, weshalb der 44-Jährige um ein wenig Geduld gebeten wurde. Als er nach einer Viertelstunde eigentlich dran sein sollte, erhielt der Hildesheimer die verblüffende Mitteilung: „Wir können Sie leider nicht bedienen, unser Stuhl hält Ihr Gewicht nicht aus.“

Sokor war schockiert. Seit gut zehn Jahren ist er nach eigenen Angaben Kunde in dem Frisiersalon, wurde immer anstandslos bedient. Selbst, als er wie vor einem Jahr noch 212 Kilogramm auf die Waage brachte. „Ich kann verstehen, wenn jemand nicht bedient wird, weil er sich nicht gewaschen hat. Aber nur wegen des Gewichts? Das ist doch diskriminierend“, sagt der Familienvater.

Der Friseurmeister begründete sein Vorgehen auf Anfrage: „Wir haben natürlich nichts gegen dicke Menschen, aber unsere Stühle sind für derartige Gewichte nicht ausgelegt“, sagt er. Dass bei einer maximalen Tragfähigkeit von etwa 140 Kilogramm Schluss ist, habe eine seiner Mitarbeiterinnen am eigenen Leibe schmerzhaft zu spüren bekommen. Während des Frisierens einer Kundin sei einer der bis zu 2000 Euro teuren Stühle unter der Last zusammengebrochen. Teile der Mechanik fielen herunter, quetschten den Fuß der Friseurin, die danach monatelang krankheitsbedingt ausfiel: „Dieses Risiko wollten wir nicht noch einmal eingehen.“

Der Friseur schlägt vor, dass sich sein verärgerter Kunde einen stabilen Spezialhocker anschaffen soll, den er bei jedem Friseurbesuch gerne mitbringen könne. Eine Investition auf Geschäftskosten lohne sich jedenfalls nicht: „Nicht bei einem Zehn-Euro-Schnitt. Außerdem müssten wir den Hocker ja auch irgendwo deponieren.“

Innungsobermeisterin Petra Brandt aus Gronau kann das Verhalten ihres Hildesheimer Kollegen nicht ganz nachvollziehen. Sie hätte in jedem Fall probiert, den Kunden zu bedienen. Auch sie habe bereits extrem schwere Männer bedient, ein Stuhl sei dabei aber noch nie zu Bruch gegangen: „Außerdem hat doch jeder eine Haftpflichtversicherung.“

Und eine Alternative. Martin Sokor ist jedenfalls am nächsten Tag zu einem anderen Friseur gegangen, erhielt dort ohne Probleme seinen Stoppelschnitt. Er will weiter abspecken, peilt nach Ernährungsumstellung und Fitnessprogramm die 100-Kilo-Marke an: „Dann geh ich wieder zu meiner Stammfriseurin. Die schneidet die Haare am besten.“

Von Peter Rütters

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