440 Menschen vermisst

Schweres Schiffsunglück in China

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Foto: Das 77 Meter lange Schiff lag zeitweise kieloben im Wasser. Hilfskräfte versuchten, mit Schweißbrennern ein Loch in den Rumpf zu schneiden.

Peking - Ein Schiff mit 458 Menschen an Bord ist auf dem Jangtse-Fluss in Zentralchina gesunken. Bislang wurden nur 18 der insgesamt 458 Menschen an Bord gerettet. Unter ihnen ist der Kapitän: Er gibt an, ein Wirbelsturm habe das Schiff kentern lassen.

Der Rumpf ragt nicht einmal mehr einen Meter aus dem Wasser. Das Schiff steht komplett kopf. Noch immer regnet es in Strömen, Wind peitscht über den Fluss. Es herrscht dichter Nebel, und die Abenddämmerung hat eingesetzt. Einsatzkräfte in orangefarbener Rettungswesten klopfen am Dienstag dennoch pausenlos mit einem Eisenhammer auf das Metall des Rumpfs – in der Hoffnung, doch noch ein Lebenszeichen zu hören.

Doch die Chancen stehen schlecht. Bei Wassertemperaturen unter 10 Grad ist es 20 Stunden nach dem Untergang der „Stern des Orients“ kaum wahrscheinlich, dass auch nur einer der noch 440 vermissten Menschen die Havarie überlebt hat. „Wir geben trotzdem nicht auf“, sagt ein sichtlich erschöpfter Helfer in die Kamera des chinesischen Staatsfernsehens CCTV.

Bei Chinas schlimmstem Schiffsunglück der vergangenen 30 Jahre haben von den insgesamt 458 Insassen wahrscheinlich nur 18 Menschen überlebt. Das rund 77 Meter lange Kreuzfahrtschiff, das für maximal 534 Passagiere ausgelegt ist, war am späten Montagabend auf dem Fluss Jangtse auf dem Weg von der ostchinesischen Stadt Nanjing stromaufwärts in Richtung der 20-Millionen-Metropole Chongqing im Landesinnern. Der Jangtse ist an der Unglücksstelle mehrere Kilometer breit. Auf dieser unter Touristen sehr beliebten Strecke liegen unter anderem die berühmten Drei Schluchten.

Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua war das vierstöckige Schiff in einen Tornado geraten und gekentert. Das Wetterbüro bestätigte, dass Wirbelstürme in dem Gebiet wüteten. Nach nur zwei Minuten soll es bereits gesunken sein. Anschließend wurde es rund drei Kilometer weitergetrieben. Dort liegt es nun kieloben an einer Stelle mit etwa 15 Metern Tiefe.

Zwölf Personen soll es unmittelbar nach der Havarie gelungen sein, an Land zu schwimmen, darunter dem Kapitän und einem Maschinisten. An Bord befanden sich 406 chinesische Passagiere, fünf Mitarbeiter von einer Reiseagentur und 47 Besatzungsmitglieder. Die meisten Passagiere waren im betagteren Alter. Viele von ihnen dürften zu dieser Zeit im Schlaf vom Unglück überrascht worden sein. Die Zeit reichte nicht einmal für einen Notruf.

Zunächst eilten Fischerboote an den Unglücksort. Bis zum frühen Morgen waren professionelle Rettungskräfte im Einsatz, auch das Militär beteiligte sich an den Rettungsarbeiten. Mehr als 3000 Polizisten, Soldaten und Helfer sowie mehr als 30 Schiffe und 100 kleinere Boote waren im Einsatz.

Am Vormittag hofften die Helfer, dass sich im Inneren des umgedrehten Schiffes Luftblasen gebildet haben. Und tatsächlich: Zwölf Stunden nach dem Kentern hörten sie Klopfzeichen und Hilferufe. Wenig später konnten ein 65-Jähriger und eine 85-Jährige aus dem kalten Fluss gerettet werden. Seit dem frühen Abend sind aus dem Schiff keine Hilferufe mehr zu hören.

Bislang konnten nur sechs Leichen geborgen werden. Anders als bei vergangenen Unglücken in China gibt es bis zum Abend im chinesischen Internet nur wenig Kritik an den zuständigen Behörden. Nichts fürchtet die chinesische Führung bei solchen Unglücken mehr, als dass in den sozialen Medien landesweit der Zorn hochkocht.

Chinas Premierminister Li Keqiang flog noch am Vormittag zur Unglücksstelle. Chinas Staatspräsident Xi Jinping erklärte die Rettungsarbeiten zur Chefsache und ordnete eine sorgfältige Aufklärung der Tragödie an.Nach ersten Ermittlungen habe es ausreichend Schwimmwesten an Bord gegeben. Auch sei das fast 20 Jahre alte Schiff nicht überladen gewesen.

Von Felix Lee

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