Die tödliche Geisterfahrt von Offenburg

Sechs Tote und ein Trauma

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Foto: Kreuze, Fotos, Grablichter und Blumen erinnern an der A5 bei Offenburg an die tödliche Geisterfahrt vor einem Jahr.

Offenburg - Ein Falschfahrer verursacht vor einem Jahr auf einer Autobahn in Baden-Württemberg einen Unfall, sechs Menschen sterben. Vor kurzem wurden die Akten geschlossen. Es bleibt die Frage, wie sich solche Unglücke verhindern lassen.

Angehörige der Opfer haben am Rand der Autobahn Kreuze, Kerzen und Fotos der Getöteten aufgestellt. Sie erinnern an eine Tragödie vor einem Jahr. Doch der Alltag ist längst zurückgekehrt: Dicht neben der Gedenkstätte rauscht mit hohem Tempo der Verkehr vorbei.

Die Autobahn 5 von Karlsruhe nach Basel ist eine der Hauptreiserouten in Deutschland. Am 18. November 2012 verursachte hier, bei Offenburg in Baden-Württemberg, ein Falschfahrer einen Unfall. Er selbst und fünf weitere Menschen starben.

Es war eines der schwersten Unglücke durch Geisterfahrer der vergangenen Jahrzehnte. Der Chef der Autobahnpolizei in Offenburg, Günther Preis, sagt: „Ein Unfall in dieser Dimension sprengt jede Vorstellungskraft.“ Die Fahrbahn glich nach dem Unfall einem Trümmerfeld. „Die Bilder sind jedem, der damals vor Ort war, im Gedächtnis geblieben.“ Viele Helfer und Angehörige würden bis heute psychologisch betreut.

Es war ein trauriger Tag im November: Ein 20 Jahre alter Mann fährt in den Morgenstunden mit seinem Sportwagen von der Diskothek nach Hause. Im dichten Nebel gerät er auf der Autobahn in die falsche Richtung, dann kommt es zum Crash: Der Falschfahrer, der alleine im Wagen sitzt, stößt mit einem entgegenkommenden Taxi zusammen. Er und die fünf Insassen des Taxis sterben noch am Unfallort. Zwei weitere Autos rasen in die Unfallstelle, eine Ersthelferin wird schwer verletzt.

Der Leitende Oberstaatsanwalt, Herwig Schäfer, schaut ein Jahr später noch einmal in die Akten. Erst vor wenigen Wochen wurde das Verfahren beendet. „Es waren sehr umfangreiche und aufwühlende Ermittlungen“, sagt Schäfer. Gutachten wurden eingeholt, Spuren gesichert. Fest steht: Nach einer durchfeierten Nacht verlor der 20-Jährige mit 1,9 Promille im Blut die Orientierung, wendete auf der Autobahn und fuhr in die falsche Richtung.

Nach dem Unfall beginnt eine Diskussion über Gefahren durch Geisterfahrer und die Frage, wie man solche Unglücke verhindern kann. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagt: „Der Unfall von Offenburg war ein Weckruf.“ Das grün-rot regierte Bundesland zog rasch Konsequenzen. Auf Autobahnzufahrten wurden große Pfeile aufgemalt, Markierungen verbessert.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und mehrere seiner Kollegen in den Ländern wollen große, neongelbe Warnschilder an heiklen Autobahnauffahrten aufstellen lassen. Wegen der Kosten wird noch gestritten, flächendeckend soll es die Schilder nicht geben.

Laut einer Studie des Ministeriums verursachen Geisterfahrer auf deutschen Autobahnen jährlich 75 bis 80 Unfälle - oft mit schweren Folgen. Viele würden aus Unachtsamkeit oder Überforderung zum Falschfahrer, sagt Ramsauer.

„Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Unfälle durch Falschfahrer lassen sich nie ganz ausschließen“, sagt Verkehrspolizist Preis. In die Fahrbahn integrierte, ausfahrbare Metallkrallen, die bei Falschfahrten die Reifen zerstören, sind laut Verkehrsexperten keine Lösung. „Und auch die besten Warnschilder helfen nichts, wenn ein Fahrer sie bewusst oder unterbewusst ignoriert“, sagt Staatsanwalt Schäfer. Etwa wenn Alkohol im Spiel sei, alte Menschen die Orientierung verlören oder jemand Selbstmord begehen wolle.

Weil der Falschfahrer von Offenburg tot ist, gab es keinen Prozess. Ein Strafverfahren gegen eine Autofahrerin, die mit ihrem Wagen in die Unfallstelle raste und eine Ersthelferin schwer verletzte, ist eingestellt worden. Sie und ihr Opfer einigten sich auf ein Schmerzensgeld, die Juristen legten das Verfahren zu den Akten.

Von Jürgen Ruf/dpa

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