Wer war Co-Pilot Andreas L.?

Vom Segelflugschüler zum Todespiloten

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Bei der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa, der Muttergesellschaft von Germanwings, in Bremen nahm L. 2008 seine Ausbildung zum Piloten auf.

Düsseldorf/Montabaur - Im Leben des Andreas L. ist wohl nicht immer alles glatt gelaufen – doch die Biografie eines Mörders stellt man sich anders vor. Bei der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa, der Muttergesellschaft von Germanwings, in Bremen nahm L. 2008 seine Ausbildung zum Piloten auf.

Vom Vom DLR-Test heißt es, er zähle zu den schwierigsten und zugleich verlässlichsten Eignungstests in Deutschland. Wer ihn bestehen will, weil er Astronaut, Fluglotse oder Pilot werden möchte, der muss nicht nur schnell im Kopf sein. Er muss auch seine Mehrfachbelastbarkeit in Stresssituationen unter Beweis stellen, sich in Konfliktfällen bewähren und sich als Teamspieler erweisen. Kurzum: Er muss in körperlicher und mentaler Bestform sein. Belastbar und verlässlich bis zum Äußersten. Nur fünf von hundert Bewerbern bestehen den DLR-Test. Andreas L. war einer dieser wenigen. Der Mann, von dem es nun heißt, er habe sich und 149 weitere Menschen in den französischen Alpen in den Tod gestürzt.

Brice Robin, der ermittelnde französische Staatsanwalt, spricht am Donnerstagmorgen vor Journalisten in Marseille diesen ungeheuerlichen Verdacht aus. Robin nennt den Namen des Copiloten, mehr noch: Er buchstabiert ihn. Seitdem mehren sich Stunde um Stunde Details aus dem Leben des Andreas L. Aus den letzten acht Minuten, die er allein im Cockpit der Maschine verlebte, und aus den 27 Jahren davor.

Es ist bisher nicht viel, was man über Andreas L. weiß; und schon gar nicht reicht das bisschen Wissen aus, um die schmerzliche Frage nach dem Warum zu beantworten, eine Erklärung zu liefern. Und doch nährt jede neue Information den verstörenden Eindruck: Im Leben des Andreas L. mag nicht immer alles glatt gelaufen sein. Aber es scheint doch vieles gegeben zu haben, das ganz gewöhnlich war, ja sogar Anlass zur Zufriedenheit geboten haben könnte. Die Biografie eines Massenmörders stellt man sich jedenfalls anders vor.

Montabaur steht im Zentrum medialen Interesses

Andreas L. wurde vor 27 Jahren in Montabaur geboren, einem beschaulichen Städtchen in Rheinland-Pfalz, 12 500 Einwohner, reges Vereinsleben, Schloss mit Stadtmauer. Bürgermeisterin Gabriele Wieland sagte am Donnerstag, Andreas L. sei dort bis zuletzt gemeldet gewesen, im Haus seiner Eltern. Ein Zweitwohnsitz sei in Düsseldorf registriert. Das Städtchen Montabaur steht jetzt im Zentrum medialen Interesses. Kamerateams aus vielen Ländern sind da, auch viel Polizei. Kaum ein Nachbar lässt sich auf den Straßen blicken. Ab und an lugt ein Gesicht hinter einer Gardine hervor. Reden möchte kaum jemand.

Fassungslos ist ein Ehepaar, das seit 22 Jahren schon neben der Familie lebt. „Es ist extrem für uns, mir bleibt die Spucke weg“, sagt der Mann über das, was er in den Nachrichten hört. Sie kennen den Copiloten kaum, erzählen nur, dass er hier aufgewachsen sei. „Wir sind schon schockiert“, sagt die Frau. „Ich kann mir das alles kaum vorstellen.“

Co-Pilot lernte Segelfliegen im Flugverein LSC Westerwald

Wenige Kilometer vom Haus entfernt liegt das Gelände des Flugvereins LSC Westerwald, dem Andreas L. schon als Jugendlicher beitrat, bei dem er einst das Segelfliegen lernte. Im vergangenen Herbst habe er hier Flüge zur Verlängerung seiner Segelfluglizenz gemacht, sagt der Vereinsvorsitzende Klaus Radke. „Da habe ich ihn als sehr netten, lustigen, höflichen Menschen kennengelernt.“ Sie haben ihn sehr geschätzt im Verein, man kann das aus der Traueranzeige herauslesen, die der LSC Westerwald noch am Donnerstag auf seine Vereinsinternetseite gestellt hatte. „Als Jugendlicher wurde Andreas Mitglied im Verein“, heißt es da, und weiter: „Er wollte seinen Traum, das Fliegen, verwirklicht sehen. Er begann als Segelflugschüler und schaffte es bis zum Piloten auf einem Airbus A320.“ Im Laufe des Tages nahm jemand die Seite vom Netz.

Auch dem Lufthansa-Chef Carsten Spohr fällt es sichtlich schwer, die ihm bekannten Details über Andreas L. mit der sich zunehmend erhärtenden Vermutung in Einklang zu bringen, wonach der Mann für den Tod von 149 Menschen verantwortlich ist. „Seine fliegerischen Leistungen waren einwandfrei und ohne jede Auffälligkeit“, sagt Spohr und zählt einige Stationen in der Laufbahn seines Mitarbeiters auf. Bei der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa, der Muttergesellschaft von Germanwings, in Bremen nahm L. 2008 seine Ausbildung zum Piloten auf. Schon ein Jahr später unterbrach er die Ausbildung für drei Monate, was recht ungewöhnlich ist in diesem Berufsfeld. Offenbar lag der Unterbrechung eine psychische Erkrankung zugrunde. Die Onlineausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zitierte am Donnerstag die Mutter einer Mitschülerin, der sich L. vor ein paar Jahren anvertraut haben soll: „Offenbar hatte er ein Burnout, eine Depression.“

„Er war hundert Prozent flugtauglich“

„Die Eignung wurde daraufhin noch mal festgestellt, Prüfungen und Checks wurden bestanden, die Ausbildung wieder aufgenommen - er war hundert Prozent flugtauglich“, sagte Lufthansa-Chef Spohr gestern. Nach dem Ende seiner Ausbildung überbrückte L. eine elfmonatige Wartezeit als Flugbegleiter - „nichts Unübliches im Konzern“, sagte Spohr. Seit 2013 war er als Copilot auf dem Airbus A320 tätig. Insgesamt 630 Flugstunden absolvierte er bis Dienstagvormittag, auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf.

Von einer Verstrickung L.s in terroristische Netze ist nichts bekannt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière betonte am Donnerstag, es gebe „keine Hinweise auf einen irgendwie gerarteten terroristischen Hintergrund“. Stimmt dann womöglich doch die Selbstmord-Hypothese? Dazu sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Donnerstag: „Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod nimmt, dann ist das für mich ein anderes Wort als Selbstmord.“

Von Marina Kormbaki 
und Christian Schultz

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