Streitgespräch zwischen HAZ-Redakteuren

Selten so gelacht: Pro und Kontra zum Karneval

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Augen auf und durch: Kölner Närrinnen mit roten Nasen loten ihr Amüsierpotenzial aus.

- Karneval? Muss man mögen, findet HAZ-Redakteur Felix Harbart. Muss man nicht, sagt Kollege Imre Grimm. Das Ergebnis: Argumente für und gegen die Kombination von flachen Witzen, Verkleidungen und Alkohol.

Pro: Felix Harbart findet Karneval gut

Och nö, jetzt schunkeln sie wieder, und immer auf den besten Sendeplätzen. Die Witze sind flach, die Fröhlichkeit aufgesetzt, und überhaupt wird hier nur maßloser Alkoholkonsum verherrlicht. Das muss, muss, muss man einfach doof finden als Norddeutscher, der auch ohne Karneval Spaß haben kann. Zum Beispiel beim, äh, Schützenfest. Oder der Kieler Woche. Solcherlei Kulturveranstaltungen eben. Und wo läuft jetzt das große Fest der Volksmusik?

Wer über Karneval diskutiert, muss erst einmal ein paar Dinge voneinander unterscheiden. Zum einen Karneval im Kernland von Karneval in der Diaspora. Nichts gegen hannoversche Faschingsfans, aber Karneval in Hannover ist nichts anderes als ein Schützenfest ohne Gewehr. Ein paar wenige ziehen sich zum Biertrinken was Putziges an, und den Rest der Stadt interessiert es nicht.

In Köln etwa bedeutet Karneval dagegen das weitgehende Lahmlegen des offiziellen Lebens. Gearbeitet wird nur so viel wie absolut nötig, stattdessen trifft sich die ganze Stadt (plus Karnevalstouristen) auf der Straße. Der Nachbar, mit dem man bisher noch nie ein Wort geredet hat, begegnet einem auf dem Weg zur Kneipe als Giraffe in der Straßenbahn. Dann verbringt man fünf Stunden miteinander an irgendeiner Theke, und hinterher weiß immer noch keiner vom anderen, was er beruflich macht. Das geht, je nach Durchhaltevermögen, bis zu sechs Tage lang so. Und mal ehrlich: Wer ist schon so wichtig, dass die Welt nicht ein paar Tage ohne ihn auskommen könnte?

Gleichzeitig ist Karneval ein phantastisches Familienfest. Bei den Kölnern fast noch beliebter als der Rosenmontagszug sind die sogenannten „Schull- und Veedelszöch“, an denen sich Kölner Schulen und Vereine aus den Stadtteilen („Veedeln“) beteiligen. Das alles nennt sich Straßenkarneval und hat mit jenem Sitzungskarneval nichts zu tun, der den Norddeutschen im Fernsehen so auf den Wecker geht. Wer alles richtig macht, hört in Köln während der ganzen Tage nicht eine einzige Büttenrede, weil es in der Kneipe und auf der Straße keinen Fernseher gibt. Sitzungskarneval ist auch in Köln etwas für eingefleischte Traditionalisten und Vereinsmeier.

Die Erfahrung übrigens lehrt, dass die allermeisten Norddeutschen, die den Kölner Karneval einmal mitgemacht haben, begeistert sind. Was nur bedeutet das? Sind am Ende Norddeutsche und Rheinländer strukturell gar nicht so verschieden? Das wäre schlimm. Dann hätten wir uns ja all die Jahre zu Unrecht über den Unernst echauffiert, die oberflächliche, so gar nicht feingeistige Fröhlichkeit und das Humtata.

Ach, lassen wir einfach alles, wie es ist. Dem Kölner ist es eh egal. Der freut sich über jeden Nicht-Rheinländer, der an Karneval zu Hause bleibt.

Kontra: Imre Grimm mag keinen Karneval

Na klar, lokales Brauchtum ist keine schlechte Ausrede, um sich mal ordentlich zu besaufen. Der Deutsche hat es gern, wenn seine Schnapslust von einem historisch-traditionellen Fundament unterfüttert wird. Wahrscheinlich braucht man Alkohol, um diese muffigen, schlecht gereimten Pointen in den quietschbunt aufgerüschten Mehrzweckhallen auszuhalten. Nur: Warum muss die Schunkelmafia mit ihren regionalen Schrulligkeiten unbedingt auch den Rest der Republik belästigen? Warum sitzen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wochenlang 70-jährige Biene Majas und rotnasige Scherzkommandanten mit zähnefletschenden Gattinnen herum? Zeigt die ARD vielleicht auch Klootschießen und Boßeln aus Neuharlingersiel? Oder Frauentragen aus Rüdesheim? Um 20.15 Uhr? Über Stunden und Tage?

Die Statistik sagt: Ein Drittel der Deutschen betätigt sich karnevalistisch. Manche brauchen offenbar diesen geschützten Rahmen, um nach einem festen Regelwerk (Scherzlein! Tätää!) den Bürofrust zu kompensieren. Das heißt aber auch: Zwei Drittel interessieren sich nicht die Bohne für Minderjährige in mortadellafarbenen Strumpfhosen und 5000 Jahre alte Faxen, vorgetragen von überschminkten Reservekaspern, die einmal im Jahr aus ihren Löchern kriechen. Trotz sinkender Quoten (Halleluja!) zeigen ARD, ZDF und die Dritten in diesem Jahr nicht weniger als 84 Karnevalssendungen – Wiederholungen nicht mitgerechnet. Warum verbietet die EU Glühbirnen, aber Karneval ist erlaubt?

Natürlich gilt jeder als Spaßbremse, der sich der organisierten Witzischkeit verweigert. Das ist Blödsinn. Der Unterschied ist: Rheinländer sind fröhlich – Norddeutsche haben Humor. Fröhlichkeit verhält sich zu Humor wie Hopsen zu Tanzen oder Frittieren zu Kochen. Auf Menschen mit Humor wirkt die rituelle Zwangsbespaßung der „Sitzungen“ (schon das Wort!) so locker wie ein Parteitag in Pjöngjang. Geradezu unterwürfig ist diese Pseudoanarchie, mit der Schlipsabschneiderinnen einmal im Jahr symbolisch gegen das Patriarchat vorgehen (hoho!) und „Narren das Rathaus erobern“, milde belächelt von Provinzbürgermeistern, die dem Pöbel diese zeitlich begrenzte Aufmüpfigkeit gnädig verzeihen. So soll aufgeklärtes Bürgertum 2013 aussehen?

Sitzungen doof, Straßenkarneval toll? Das klingt wie „Im Hinterland ist Mallorca ganz schön“. Hunderttausende werden am Montag in Köln und Mainz wieder Seen von Erbrochenem umkurven. Die „Tagesschau“ wird den „Rottweiler Narrensprung“ vermelden wie einen Bombenanschlag in Karatschi. Und irgendwelche total lustigen Pappfiguren werden Angela Merkel & Co. ganz frech „aufs Korn nehmen“, huiuiui. Und irgendwo wird ein kleiner Indianer tanzen, und genau da gehört der Fasching auch hin: in den Kindergarten.

Witzischkeit kennt keine Grenzen

Eine Art Karneval wird seit 5000 Jahren gefeiert. Die Kirche ließ Karnevalisten gewähren – aber nur bis Aschermittwoch. Wer weiterfeierte, wurde verfolgt und hart bestraft.

Nach der Französischen Revolution war der rheinische Karneval praktisch tot – erst Köln reanimierte das Spektakel im Jahr 1823.

Das Wort „Karneval“ kommt von „carne“ (Fleisch) und „levare“ (Wegnehmen) – und bedeutet sinngemäß den Abschied vom Fleisch vor der Fastenzeit. „Fasching“ stammt vom „Fastenschank“ ab – also dem letzten Alkoholausschank vor Aschermittwoch.

Die Faschingsindustrie setzt bis zu fünf Milliarden Euro jährlich um und verkauft pro Saison 2,5 Millionen Erwachsenen-Kostüme, 1,85 Millionen Kinder-Kostüme, 950.000 Perücken, zwei Millionen Hüte und rund sechs Millionen Schminksets.

Im belgischen Aalst hat ein Karnevalsverein für Empörung gesorgt, der mit einem „Deportationswaggon für Frankophone“ die Unabhängigkeitsbestrebungen flämischer Nationalisten aufs Korn nehmen will – in SS-Uniformen.

Tweets zum Karneval

„Hier hat sich einer als DHL-Mann verkleidet und wollte mir ein Paket bringen. Sah voll echt aus.“ (@oOtrinityOo).

„Ich wollte dieses Jahr als Berliner Flughafen gehen, aber mein Kostüm ist nicht fertiggeworden.“ (mehrere Quellen)

„,Als was gehst du Karneval?‘ – „Zivilpolizist‘“ (@JanPflaume)

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