Kompliment oder Beleidigung?

„Sexismus ist oft nett verpackt“

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„Wohlwollende Sexisten meinen, sie müssten Frauen beschützen und versorgen“ - doch für Männer ist es auch nicht immer leicht, das richtige Kompliment zu machen. Foto: dpa

- Wann ist ein Kompliment ein Kompliment? Soziologieprofessorin Julia Becker spicht im HAZ-Interview über „wohlwollenden Sexismus“ und wie Frauen am besten auf sexistische Witze reagieren sollten.

Frau Becker, wenn ein Mann einer Frau sagt, der Rock stehe ihr gut - ist das sexistisch? Das kann als nettes Kompliment gemeint sein, und dann ist es völlig in Ordnung. Es geht dann in Richtung Sexismus, wenn der Mann die Frau ausschließlich für ihre hübsche Bluse und das gute Essen lobt und weniger für einen klugen Beitrag oder ihre Kompetenz.

Wie definiert man Sexismus? Sexismus ist zum einen, wenn jemand aufgrund seines Geschlechtes negativ bewertet wird. Es geht zum anderen aber immer auch darum, den ungleichen Status zwischen Männern und Frauen aufrechtzuerhalten. Und dann kann Sexismus sowohl eine individuelle Einstellung oder Verhaltensweise als auch eine kulturelle oder institutionelle Praxis sein.

Woran erkennt man Sexismus? Das ist manchmal gar nicht so einfach. Man unterscheidet zwischen feindlichem und wohlwollendem, dem sogenannten benevolenten Sexismus. Letzterer ist eher subtil und oft schwer zu erkennen.

Was heißt das? Feindlicher Sexismus ist eine klar negative Sicht auf Frauen, die sich beispielsweise in Sprüchen oder sexistischen Witzen ausdrückt. Er begründet sich in der Überzeugung, dass Männer einen höheren Status haben und Frauen weniger kompetent sind. Feindliche Sexisten gehen auch davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu bekommen. Deshalb richtet sich feindlicher Sexismus oft an Karrierefrauen und Feministinnen.

Und was ist dann mit wohlwollend gemeint? Der wohlwollende Sexismus ist einfach nur netter verpackt, oft als Kompliment getarnt. Dabei werden Frauen mit Eigenschaften belegt, die zunächst positiv sind - warmherzig, mitfühlend, sozial. Der Mann gibt sich hierbei als Kavalier, er agiert ritterlich, die Frau wird auf einen Sockel gehoben.

Das muss ja nicht schlecht sein. Nein, das nicht. Aber wohlwollende Sexisten sind der Meinung, sie müssten Frauen beschützen und versorgen. Wie in dem Beispiel mit dem Rock ordnen sie ihnen keine Eigenschaften wie Kompetenz oder Eigenständigkeit zu. Wohlwollender Sexismus führt dazu, dass Frauen sich tatsächlich weniger kompetent verhalten: Die Forschung hat gezeigt, dass Frauen Matheaufgaben dann schlechter lösen, wenn sie vorher auf Geschlechterklischees angesprochen wurden, als wenn sie die Rechenaufgabe unbedarft angehen. Zugegebenermaßen ist benevolenter Sexismus schwer zu erkennen, denn ein nettes Hilfsangebot, wie den Computer für die Kollegin einzurichten, kann natürlich auch nur kollegial gemeint sein. Aus einer einzigen Situation allein lässt sich diese Form des Sexismus meist nicht ablesen. Oft gehört dazu eine Vorgeschichte.

Manche Frauen scheinen Sexismus nicht grundsätzlich als negativ zu empfinden. Sie scheinen es zu mögen, wenn ihnen zum Beispiel hinterhergepfiffen wird. Ja, das stimmt. Eine Studie kommt zu dem erschreckenden Ergebnis, dass viele Frauen einen benevolenten Sexisten gegenüber einem Nichtsexisten bevorzugen. Das heißt, dass viele Frauen den Sexismus durchaus mittragen. Sie fordern das Verhalten der Männer sogar ein.

Können Sie ein Beispiel nennen? Wenn eine Frau eine kaputte Glühlampe nicht selbst auswechseln will und dies lieber dem Mann überlässt, obwohl sie es natürlich auch selbst könnte.

Können also auch Frauen sexistisch sein? Ja. Dennoch zeigt die Forschung, dass Männer viel seltener Nachteile durch sexistische Zuschreibungen haben als Frauen, da die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zugunsten der Männer ausfallen.

Wie soll man auf sexistische Witze und sexistische Verhaltensweisen reagieren? Am besten ist es, noch in der Situation denjenigen mit seinem Verhalten zu konfrontieren, ansonsten gerät man in eine Grübelschleife nach dem Motto: Vielleicht hätte ich etwas sagen sollen. Es besteht dabei natürlich immer die Gefahr, als Zicke oder Emanze beschimpft zu werden, deshalb kann es hilfreich sein, wenn man die Situation auf eine nette oder humorige Art anspricht.

Machen Frauen das tatsächlich? Häufig nicht. In einem Versuch wurden Leute gefragt, was sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Ein Mann, der ohne Wissen der weiblichen Teilnehmer zum Versuchsteam gehörte, sagte, er würde eine Frau zum Kochen mitnehmen. Fast keine der Teilnehmerinnen kommentierte diese Aussage, obwohl alle vorher angaben, sich normalerweise gegen sexistische Äußerungen zur Wehr zu setzen. Nach dem Versuch sagten die Frauen, sie hätten die Äußerung durchaus als Sexismus wahrgenommen und sich dabei auch unwohl gefühlt.

Der Satz des FDP-Politikers Rainer Brüderle zu einer Journalistin „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ hat eine Sexismus-Debatte ausgelöst. Sie haben dazu eine Untersuchung gemacht. Ja, wir haben 500 Menschen befragt. Das ist aufgrund der geringen Teilnehmerzahl zwar nicht repräsentativ, es ist aber Grundlagenforschung und hat interessante Ergebnisse hervorgebracht.

Welche? Es sind sechs Meinungen immer wieder aufgetaucht, zum Beispiel eine, die wir den Vorwurf der Lustfeindlichkeit nennen, außerdem das sexistische Kompliment. Dazu noch Bagatellisierungen und die Ansicht, dass Sexismus etwas Natürliches, Angeborenes ist. Die Personen, die eine dieser Meinungen vertreten haben, stimmen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch feindlichem und wohlwollendem Sexismus zu. Interessant dabei war, dass Frauen genauso sexistisch sein können wie Männer. Bei Fragen zur Akzeptanz von Komplimenten oder anzüglichen Sprüchen gab es bei der Beantwortung fast keinen Geschlechterunterschied.

Zur Person

Julia Becker ist seit 2013 Professorin der Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität in Osnabrück und forscht über Sexismus in der Gesellschaft. Die 36-Jährige und ihr Team gehen in ihren Untersuchungen unter anderem der Frage nach, ob sexistisches Verhalten direkt auf die Einstellungen zurückzuführen ist.

Interview: Heike Manssen

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