Nach dem Lawinenunglück

Sherpas beenden Saison am Everest

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Der Everest sei nicht offiziell geschlossen worden, aber alle Teams packten zusammen, sagte Dipendra Poudel vom nepalesischen Tourismusministerium am Sonntag in Kathmandu.

Kathmandu - Zum ersten Mal seit 27 Jahren wird in dieser Klettersaison wohl niemand den Gipfel des Mount Everest von der in Nepal gelegenen Bergflanke aus besteigen: Nach dem Lawinenunglück sind die Sherpas nicht mehr bereit, Touristen zu begleiten.

Zum ersten Mal seit 27 Jahren wird in dieser Klettersaison wohl niemand den Gipfel des Mount Everest von der in Nepal gelegenen Bergflanke aus besteigen. Eine Woche nach dem Lawinenunglück mit 16 toten Nepalesen machen sich alle Bergsteiger auf der Südseite des Mount Everest auf den Rückweg. Der Everest sei nicht offiziell geschlossen worden, aber alle Teams packten zusammen, sagte Dipendra Poudel vom nepalesischen Tourismusministerium am Sonntag in Kathmandu.

„Wir hatten keine andere Wahl, als uns zurückzuziehen“, sagte Guy Cotter, Leiter einer neuseeländischen Expedition. Denn seit Freitag stürzen im Khumbu-Eisbruch erneut Eislawinen ins Tal und verschütteten teilweise die Aufstiegsroute zum Gipfel. Sie sind in dieser Jahreszeit zwar nichts Ungewöhnliches. Aber seit der vergangenen Woche gibt es nicht mehr genug Sherpas, die den gefährlichen Weg für die Amateur-Kundschaft halbwegs sicher reparieren können.

Das Problem bestehe nicht zwischen den Sherpas und den westlichen Teams, sondern den Sherpas und der Regierung Nepals, sagt Gordon Janow, Programmdirektor bei Alpine Ascents aus den USA. Zudem seien die nepalesischen Bergführer untereinander zerstritten. Zahlreiche westliche Bergführer berichteten, ihre Sherpas, die nach der einwöchigen Trauerperiode eigentlich weiterlaufen wollten, seien von einer radikalen Sherpa-Gruppe bedroht worden. „Unseren Sherpas wurde gesagt: Wir brechen euch eure Beine, wenn ihr in den Eisfall geht“, schrieben die Bergsteiger Alex Schneider und Sam Chappatte auf Twitter. Mehrere Sherpas betonten hingegen gegenüber Journalisten, sie wollten aus Respekt vor ihren toten Freunden in dieser Saison nicht weitergehen. Zudem fordern sie eine bessere Bezahlung.

Die nepalesische Regierung war einigen Forderungen der Sherpas im Basislager in der vergangenen Woche nachgekommen und hatte mehr Geld für Verletzte und höhere Zahlungen an ihre Familien im Todesfall zugesagt. Trotzdem entspannte sich die Situation nicht. Einige Sherpas sind immer noch wütend darüber, relativ wenig zu verdienen im Vergleich zu den umgerechnet 2,8 Millionen Euro, die die Regierung 2013 für Gebühren kassierte.

Ang Jangbu, Expeditionsleiter der International Mountain Guides, schrieb in seinem Blog, das Wochenende über seien Helikopter in Camps oberhalb des Basislagers geflogen. So sei Material ins Tal transportiert worden. Das könnte ein Präzedenzfall sein, denn es sei das erste Mal, dass die Behörden Materialflüge oberhalb des Basislagers erlaubten. Bislang mussten Sherpas mit all dem Gepäck für die Expeditionen bis zu zwei Dutzend Mal durch den Khumbu-Eisbruch laufen, wo jederzeit Eisblöcke so hoch wie mehrstöckige Häuser abbrechen können.

Unklar ist noch, wie es nächstes Jahr weitergeht. Die Expeditionen würden zurückkommen, schließlich gebe es nur einen Everest auf der Welt, sagte Sagar Pandey, Generalsekretär des Verbands der Trekkingagenturen Nepals. Doch der Neuseeländer Cotter meinte, es sei gut möglich, dass zahlreiche Expeditionen wegen der Unsicherheit nun in den Norden nach Tibet auswichen.

Doreen Fiedler und Willi Germund

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