Nach Attentat an Stadtrat

Sicherheitsdebatte in Jobcentern neu entfacht

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Täglicher Durchgangsverkehr: 14 000 Menschen betreut das Jobcenter in Hameln – eine Schleuse für die Sicherheit ist hier undenkbar.

Hameln - Die Gewalt gegen Mitarbeiter in Behörden nimmt zu. Wenn Bürger nicht bekommen, was sie wollen, können sie schon mal ausrasten. Nach dem Attentat gegen den Hamelner Landrat Rüdiger Butte, hat die Angst zugenommen. Ein Besuch im Hamelner Jobcenter.

Keine Sicherheitsschleuse, keine Klingel, keine verschlossene Tür: Nichts hindert den Weg ins Jobcenter Hameln-Pyrmont. Als die Tür zum kleinen Empfangszimmer aufgeht, zucken die drei Frauen hinter dem Tresen in der Ecke leicht zusammen. Aus dem Fenster des gelben Kastenbaus fällt der Blick direkt auf das nur 200 Meter entfernte Kreishaus. Im Glaskasten wurde vor knapp drei Wochen Landrat Rüdiger Butte von einem frustrierten Rentner erschossen. Nach der tödlichen Messerattacke auf eine Mitarbeiterin des Jobcenters im westfälischen Neuss vor einem halben Jahr hat das Attentat auf Landrat Butte die Debatte über die Sicherheit in den Behörden neu entfacht. Damals hatte ein 52-Jähriger in Neuss auf eine Sachbearbeiterin eingestochen, weil er den Missbrauch seiner persönlichen Daten vermutete. Doch die Hamelner können und wollen sich nach diesen Übergriffen nicht vor den Bürgern abschotten.

„Wir können nicht garantieren, dass nichts passiert“, erklärt Rudolf Kallmeier-Voss, Sprecher des Jobcenters. Zudem sollten nicht alle unter Generalverdacht gestellt werden. „Stattdessen wollen wir die Mitarbeiter sensibilisieren“, sagt Geschäftsführer Gerhard Durchstecher. Psychologisches Feingefühl zu entwickeln sei der schwierigere Weg, neben der ständigen Erweitung des Sicherheitskonzepts - mit dem Neubau von Fluchtwegen oder Nottasten an den Schreibtischen. Die Einführung von einer Sicherheitsschleuse aber ist in der Hamelner Behörden undenkbar.

Rund 14000 Kunden werden von 188 Mitarbeitern im Jobcenter Hameln betreut. Der Arbeitsdruck ist hoch. Die Kunden sind verschieden. Da ist ein Gärtner, der sein Unternehmen in die Pleite geführt hat und anschließend wieder psychisch aufgebaut werden muss. Der Mann schämt sich, als er Hartz IV beantragen soll. Da ist aber auch die andere Seite mit den verhältnismäßig wenigen schwarzen Schafe. In Hameln wurde ein Mann zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er das Jobcenter um knapp 35000 Euro geprellt hat. Oder die Suchtkranken, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen.

Die Herausforderung bestehe in der Kunst zu unterscheiden - zwischen Menschen, denen es ans Existenzminimum geht, und denen, die das Sozialsystem ausnutzen. Seit Beginn der Sicherheitsdebatte sollen nun auch potenzielle Amokläufer erkannt werden. „Der Täter aus dem Kreishaus hat dem Profil eines typischen Amokläufers entsprochen“, sagt der Jobcenter-Leiter.

In Hameln werden in einer Datei alle Vorfälle im Jobcenter mit Namen der Personen erfasst. Wer auffällt, wird einem anderen Sachbearbeiter zugewiesen, der weniger und spezielle Fälle betreut. In den vergangenen zwei Jahren wurden nur ein gutes Dutzend Hausverbote erteilt, und in sechs Fällen musste Strafanzeige erstattet werden.

Eine Zahl, die sich im Verhältnis zu den vielen Menschen, die täglich im Jobcenter erscheinen, im Promillebereich bewegt.

Matthias Pöls

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