Zentrale Unterbringung in Rosdorf

Sicherungsverwahrte bekommen mehr Freiraum hinter Gittern

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Die neue zentrale Unterbringung für Sicherungsverwahrte in Rosdorf nimmt Gestalt an.

Rosdorf - 23 Quadratmeter, eigene Dusche, eigene Kochnische: Sicherungsverwahrte haben aufgrund ihrer Gefährlichkeit zwar keinen Anspruch auf ein Leben in Freiheit, wohl aber auf größere Freiräume. Die neue zentrale Unterbringung für Sicherungsverwahrte in Rosdorf nimmt Gestalt an.

Hellbraune Ziegel, vergitterte Fenster: Von außen unterscheidet sich das dreigeschossige Gebäude, das derzeit auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Rosdorf (Kreis Göttingen) entsteht, nur wenig von den übrigen Gefängnisbauten. Doch der Neubau, in den im Juni die ersten Bewohner einziehen sollen, ist für die niedersächsische Justiz ein Stück Neuland. Hier werden künftig ausschließlich Sicherungsverwahrte untergebracht. Das sind Straftäter, die bereits ihre Haftstrafe verbüßt haben, jedoch weiterhin als so gefährlich gelten, dass die Allgemeinheit vor ihnen geschützt werden muss.

Mit dem Neubau setzt das Land die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts um. Dieses hatte im Mai 2011 entschieden, dass sich die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung deutlich von den Haftbedingungen der Strafgefangenen unterscheiden muss. Sicherungsverwahrte haben aufgrund ihrer Gefährlichkeit zwar keinen Anspruch auf ein Leben in Freiheit, wohl aber auf größere Freiräume.

Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen: Während die Zellen der Untersuchungs- und Strafgefangenen in Niedersachsens modernster Haftanstalt in Rosdorf etwa 9 Quadratmeter groß sind, verfügen die Sicherungsverwahrten künftig über einen 23 Quadratmeter großen Wohnbereich mit eigener Dusche. Hinzu kommen Gruppenräume und eine Küche, die sie gemeinsam mit den anderen Angehörigen ihrer Wohngruppe nutzen können. Insgesamt verfügt das Gebäude über 45 Einzelunterkünfte in sechs Wohngruppen, auf jeder Etage zwei.

Anders als die Insassen der Haftanstalt können sich die Sicherungsverwahrten in dem gesamten separaten Gebäude sowie dem dazu gehörenden Außengelände frei bewegen - allerdings nur von 6 bis 22 Uhr. Nachts werden sie in ihren Wohnbereich eingeschlossen. „Sie dürfen sich auch selbst verpflegen und können theoretisch jeden Tag Besuch bekommen“, erläutert JVA-Leiterin Regina Weichert-Pleuger.

Für die Vollzugsbediensteten sowie die Psychologen und Psychiater, die künftig dort arbeiten werden, bedeutet diese Art der Unterbringung eine besondere Herausforderung. „Wir müssen uns auf ganz neue Bedingungen einstellen“, sagt Anstaltsleiterin Weichert-Pleuger. So befinden sich die Büros und Besprechungsräume mitten im Vollzugsbereich. „Im Vergleich zur Strafhaft ist im Wohngruppenvollzug die räumliche und körperliche Nähe sehr viel größer“, sagt Weichert-Pleuger. Aufgabe der Mitarbeiter ist es, den Alltag von als hoch gefährlich eingestuften Menschen mitzugestalten, unter anderem durch gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise eine Kochgruppe.

Um die Bediensteten auf die neuen Aufgaben vorzubereiten, startet im Februar ein umfangreiches Fortbildungsprogramm, bei dem sie unter anderem mit den aktuellen Rechtsgrundlagen der Sicherungsverwahrung und den Unterschieden zum Vollzugsgesetz vertraut gemacht werden. Dies ist Weichert-Pleuger besonders wichtig: „Ich bestehe darauf, dass alle das Gesetz lesen.“ Hinzu kommen Schulungen zu therapeutischen Aspekten oder zur Gesprächsführung.

Zunächst sollen in Rosdorf 19 Sicherungsverwahrte untergebracht werden, die sich derzeit noch in der Justizvollzugsanstalt Celle befinden. Weichert-Pleuger ist optimistisch, dass die Verlegung wie geplant im Juni stattfinden kann: „Wir befinden uns mit den Bauarbeiten im Zeitplan.“ Für die Betroffenen wird außerdem ein umfangreiches Behandlungsprogramm erarbeitet. Die zuständigen Gerichte werden regelmäßig überprüfen, welche Therapiemaßnahmen unternommen wurden, um dem langfristigen Ziel näher zu kommen: Die Sicherungsverwahrten irgendwann einmal in Freiheit entlassen zu können.

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