Hafenmitarbeiter streiken gegen Sextäter

„Sie wollen nicht mit ihm arbeiten“

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Foto: „Es gibt keinen Kompromiss“: Betriebsrat Dammann (links) gibt sich unversöhnlich, Eurogate-Arbeitsdirektor Bergemann muss mehr Sicherheitspersonal ordern.

Bremerhaven - Die Arbeiter am Containerterminal in Bremerhaven streiken – aber nicht für bessere Löhne: Um den Rauswurf eines vorbestraften Kollegen zu erzwingen, haben 300 Beschäftigte erstmals für eine Stunde die Abfertigung in einem der größten europäischen Containerhäfen blockiert.

In den kommenden Tagen will der wegen sexuellen Kindesmissbrauchs Verurteilte erneut versuchen, an seinen Arbeitsplatz zu gelangen. Für den Fall droht eine Eskalation: „Ich befürchte, dass die Reaktionen der Kollegen dann noch heftiger ausfallen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Karl-Heinz Dammann.

Viele der Arbeiter am Eurogate-Terminal empfinden die Zusammenarbeit mit dem Sexualstraftäter laut Dammann als Zumutung: „Sie weigern sich, mit ihm zusammenzuarbeiten.“ Viele hätten selbst Kinder, Frauen wiederum hätten Angst, dem Mann im Dienst möglicherweise allein zu begegnen.

Der 37-Jährige war Ende vergangenen Jahres vom Landgericht Bremen wegen sexuellen Missbrauchs und Besitzes von Kinderpornografie zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Inzwischen befindet er sich im offenen Vollzug und darf das Gefängnis täglich zum Arbeiten verlassen. Sein Arbeitgeber, Eurogate, hatte ihm nach dem Urteil gekündigt. Vor dem Bremerhavener Arbeitsgericht hat der Mann jedoch erstinstanzlich die Weiterbeschäftigung an seinem alten Arbeitsplatz erstritten. Laut Betriebsratschef haben die Hafenarbeiter während des Verfahrens Hunderte Unterschriften gegen den Kollegen gesammelt, allerdings ohne Erfolg. Hinnehmen wollen sie es jedoch offenbar unter keinen Umständen, dass der Kollegen an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt. „Es gibt keine Kompromissformel“, sagt Dammann, der zugleich betont, dass der Streik weder vom Betriebsrat noch von der Gewerkschaft ver.di ausgegangen sei. „Das haben die Kollegen eigenständig organisiert.“ Am vergangenen Freitag blieb die Abfertigung von Schiffen und Lkw erstmals für eine Stunde unterbrochen. Eurogate soll ein Schaden in fünfstelliger Höhe entstanden sein. Erst als der Mann das Hafengelände verlassen hatte, gingen die Männer und Frauen wieder an die Arbeit.

Kommentar: Recht ist Recht

Man kann das Unbehagen der Hafenarbeiter verstehen. Es gibt sympathischere Gedanken als den, einen wegen sexuellen Missbrauchs Verurteilten als engen Kollegen neben sich zu wissen. Und es war auch keine weise Entscheidung des Arbeitsgerichts, den Arbeitgeber zur Weiterbeschäftigung zu verurteilen, statt auf einen Kompromiss hinzuwirken.

All das rechtfertigt aber nicht die Mittel, zu denen die Hafenarbeiter greifen. Sich ein Streikrecht anzumaßen und einen Menschen psychisch massiv zu bedrohen, ist Selbstjustiz. Beides erinnert an jene Knüpft-sie-auf-Mentalität, die gerade nach Missbrauchsfällen immer wieder zum Vorschein kommt. Es ist rätselhaft, was den Mann gerade an diesem Ort, wo er so viel Ablehnung erwarten musste, auf Rückkehr in die Normalität hoffen lässt. Möglich, dass es nur um eine höhere Abfindung geht. Strafe jedoch ist selbst nach widerwärtigsten Verbrechen nichts, über das Kollegen nach Gutdünken entscheiden.

Eurogate befindet sich nun im Dilemma. Die Belegschaft zeigt sich unversöhnlich. Dem Unternehmen droht jedoch ein Zwangsgeld, wenn es den Mann nicht wieder beschäftigt. Am Montag deutete Arbeitsdirektor Andreas Bergemann auf einer Pressekonferenz an, dass dies möglicherweise das kleinere Übel sein könnte. Eurogate werde nun alle Möglichkeiten „neu beleuchten“, erklärte er. Außerdem will das Unternehmen bei einem erneuten Arbeitsversuch verstärkt Sicherheitspersonal einsetzen.

Wann dieser Versuch stattfinden wird, ist noch offen. Für den gestrigen Tag meldete sich der Mann krank. Eine andere Frage ist, ob er gut beraten ist, seine Resozialisierung trotz des absehbar großen Widerstands an seinem alten Arbeitsplatz zu beginnen. Gottfried Schöne von der hannoverschen Resozialisierungshilfe „Resohelp“ bezweifelt dies. Er kenne die Motive des Mannes nicht, betont Schöne. „Es hat nach unserer Erfahrung jedoch keinen Sinn, Resozialisierung mit der Brechstange zu betreiben.“

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