HAZ-Interview

Soll man vor dem Fußball beten, Herr Bischof?

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Foto: „Heiliges Experiment“: Der Bischof hat eine neue Lust an der Gemeindefusion ausgemacht.

- Wofür soll, darf, muss man beten? Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle gibt sich im HAZ-Interview vor dem WM-Finale Deutschland gegen Argentinien diplomatisch. Ein Gespräch über Fußball und Feiertage.

Herr Bischof Trelle, Sie sind ein Fußballfan und haben gewiss auch das Deutschland- Brasilien-Spiel verfolgt. Na klar, vielleicht hätte ein 4:1 ja auch gereicht … aber schön war es trotzdem, alle sieben Tore waren wunderbar! Die Brasilianer wurden schon auf eine harte Probe gestellt. Mit ihren Emotionen hatten sie ebenso zu kämpfen wie mit ihrem sportlichen Gegner. Viele von ihnen haben vor dem Spiel sichtbar gebetet – für den Sieg, der dann aber doch nicht eingetreten ist. Bleibt also wieder die Frage: Wofür soll, darf, muss man beten – auch bei einem solchen Turnier? Die Frage bleibt schwierig – ich schlage vor: Für das Endspiel drücken wir unserer Mannschaft einfach nur die Daumen – und das kräftig!

Die CDU in Niedersachsen will anlässlich des großen Luther-Jubiläums 2017 den Reformationstag zum gesetzlichen Feiertag machen. Was halten Sie davon? Da bin ich eher skeptisch. Wir leben als Christen in den beiden großen Konfessionen in einer Zweidrittelgesellschaft – ein Drittel Protestanten, ein Drittel Katholiken und ein Drittel Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften bzw. ohne religiöses Bekenntnis. Wenn wir jetzt den Reformationstag für die Protestanten zum gesetzlichen Feiertag erheben würden, müsste man dann nicht auch über andere gesetzliche Feiertage nachdenken, etwa das katholische Fronleichnamsfest? Und Muslime würden sicher fragen, ob nicht auch ihr „Tag des Fastenbrechens“ am Ende des Ramadan den Rang eines gesetzlichen Feiertages erhalten könnte. Die Frage ist doch, wie weit kann und soll der Staat religiöse Überzeugungen und religiöse Feiertage gesetzlich schützen, ja, fördern? Im Zusammenhang solcher Überlegungen scheint es mir da sinnvoller, wenn sich die Bundesländer für einen guten und qualifiziert erteilten Religionsunterricht in den Schulen weiterhin engagierten ,anstatt neue Feiertage einzuführen, zumal wir den Buß- und Bettag ja in den neunziger Jahren leichtsinnigerweise abgeschafft haben.

Die Landesregierung arbeitet derzeit einen Staatsvertrag aus, der den Muslimen ähnliche Rechte einräumen soll, wie sie christlichen und jüdischen Gemeinden seit Jahrzehnten zustehen. Was halten Sie davon? Angesichts der Tatsache, dass viele Muslime in Niedersachsen leben, halte ich das für einen ganz normalen Vorgang. Wichtig ist, dass wir – auch als Kirchen – diesen Weg kritisch und zugleich konstruktiv begleiten. Angst vor angeblicher „religiöser Überfremdung“ wäre ein schlechter Ratgeber. Und wir haben ja bereits Erfahrungen in dieser Richtung, etwa mit der Einführung islamischen Religionsunterrichts in Niedersachsen oder der Ausbildung von Imamen an der Universität Osnabrück.

Der alte Papst und auch die deutschen Bischöfe hatten mit vielen Negativschlagzeilen zu kämpfen – von der Missbrauchs frage über die Heimerziehung bis hin zu Tebartz-van Elst. Ich fürchte, dass solche oder ähnliche negative Themen uns weiter begleiten werden. Da wir eine Kirche der Heiligen und der Sünder sind und da beides in jedem Einzelnen von uns lebt und wirkt, müssen wir mit Verfehlungen in der Kirche auch in Zukunft rechnen. Keiner aber hat deswegen das Recht, sich einfach damit abzufinden. Hinsichtlich der Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche haben beide Päpste – Benedikt und Franziskus – mit allem Nachdruck Aufklärung gefordert, verbunden mit Programmen der Entschädigung und der Wiedergutmachung gegenüber Opfern, soweit es überhaupt möglich ist, Strafmaßnahmen gegenüber Tätern, Formen der Entschuldigung und Zeichen der Versöhnung. Besonders wichtig scheint mir zu sein, dass wir in allen deutschen Diözesen eine sogenannte „Ordnung zur Prävention von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen“ in Kraft gesetzt haben, die verbindlich eine Schulung vorschreibt für alle Hauptamtlichen und die in der Kinder- und Jugendarbeit ehrenamtlich Tätigen. Allein im Bistum Hildesheim haben an den Präventionskursen bis zum heutigen Tag 3300 Mitarbeiter teilgenommen. Es gilt, sensibel zu werden für jedes Anzeichen von undistanziertem Verhalten gegenüber jungen Menschen, ohne dass daraus eine Hexenjagd entsteht. Denn gute Jugendarbeit braucht freundschaftliche Zuwendung in Nähe und Distanz.

Interview: Michael B. Berger

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