Rekordflut mit Solarflugzeug

Mit der Sonne um die Welt

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Foto: Mit Know-how aus Hannover: Die vier Propeller der „Solar Impulse 2“ werden von Solarzellen angetrieben, die auf den insgesamt 72 Meter breiten Tragflächen angebracht sind.

Payerne - Billig wird sie nicht, die Weltreise die Bertrand Piccard plant. Stolze 140 Millionen Schweizer Franken (rund 115 Millionen Euro) kostet sein Vorhaben, die Welt 2015 in einem ultraleichten Solarflugzeug zu umrunden.

Und luxuriös ist das Unterfangen auch nicht: Vier Monate soll der Weltrekordversuch dauern, die meiste Zeit wird der Schweizer im winzigen Cockpit der „Solar Impulse 2“ zubringen, dabei können es bis zu fünf Tage und Nächte am Stück werden.

Theoretisch dürfte es das Flugzeug, das am Mittwoch auf einem Schweizer Militärfliegerhorst vorgestellt wurde, gar nicht geben. Die Flügel der „Solar Impulse 2“ sind so breit wie ein Jumbo, sie wiegt dennoch nur so viel wie ein 5er-BMW. Dank der 17 248 Solarzellen, die vier Motoren antreiben, kann die Maschine Tag und Nacht fliegen, ohne einen Tropfen Treibstoff zu verbrauchen. Landen muss die „Solar Impulse 2“ nur, damit sich die Piloten abwechseln können – denn ins eiförmige Cockpit passt nur ein einzelner Mensch.

Der Prototyp und Vorgänger, die „Solar Impulse 1“, flog bereits quer über den amerikanischen Kontinent. Doch die wahre Herausforderung sind die Ozeane. Die soll nun der Nachfolger meistern.

Bertrand Piccard ist Abenteurer in dritter Generation. Sein Großvater stieg mit einem Ballon bis in die Stratosphäre auf, sein Vater tauchte in den Marianengraben hinab. Er selbst umrundete 1999 mit einem Heißluftballon nonstop die Erde. Das nächste Mal, sagte er damals, werde er mit einem Solarflugzeug fliegen. Als Experten ihm erklärten, dass es so ein Flugzeug nicht geben könne, suchte der Schweizer so lange, bis er Partner fand, die das Unmögliche möglich machten. Eine Schiffswerft zum Beispiel, die sich mit Rennyachten auskennt, also mit der Verarbeitung von ultraleichten Kunststoffen. Und ein Chemieunternehmen, das sich einen Namen jenseits seiner üblichen Großkunden machen möchte.

So kam Claude Michel zum „Solar Impulse“-Projekt. Er arbeitet für den belgischen Chemiekonzern Solvay, dessen Deutschland-Zentrale in Hannover sitzt. Seit zehn Jahren bilden der joviale, drahtige Belgier, Initiator Piccard und André Borschberg, dessen Technikchef und zweiter Pilot, ein gemeinsames Team. Solvay gehört zu den vier Hauptpartnern des Projekts und steuert 15 Millionen Schweizer Franken (12,3 Millionen Euro) bei – hauptsächlich in Form von technologischer Unterstützung. Dazu gehört unter anderem die Beschichtung der Solarzellen und die Wabenstruktur der Flügel, die aus mit Kunststoff imprägniertem Papier besteht. In den hannoverschen Solvay-Laboren wurde Solkane entwickelt, ein spezielles Treibmittel, das bei der Herstellung von Polyurethanschaum verwendet wird. Dieser Schaum isoliert das Cockpit. Um das Gewicht niedrig zu halten, hat das Flugzeug keine Klimaanlage. Gewichtsreduktion geht vor Komfort, so lautet Borschbergs Credo. „Wir machen noch Jagd auf das letzte Gramm“, sagt der frühere Luftwaffenpilot. Er und Piccard müssen deshalb mit Außentemperaturen zwischen plus 40 und minus 40 Grad zurechtkommen. Spezielle Kleidung hilft dabei – und eben das isolierte Cockpit.

Fünf Tage und fünf Nächte wird es dauern, um über den Pazifik zu kommen. Piccard und Borschberg werden sich dabei von gefriergetrocknetem Pilzrisotto und Rösti ernähren, die mit einem Schluck Wasser aufgegossen werden. Für den Notfall sind ein Fallschirm und eine aufblasbare Rettungsinsel an Bord. „Wir werden sie nicht brauchen“, meint Piccard. „Alles wird vorher sehr genau getestet“, sagt der durchtrainierte 56-Jährige, der sein Traumflugzeug in einem schwarzen Pilotenoverall präsentierte. „Wir sind zwar Abenteurer, aber wir sind nicht lebensmüde.“Wenn die Sonne hoch steht, steigt die „Solar Impulse 2“ bis auf 8500 Meter, nachts sinkt sie langsam bis knapp über den Meeresspiegel. Noch ist die Route vage. Irgendwo zwischen Irland und Marokko wird das Flugzeug nach der Atlantik-Überquerung ankommen. Wenn die „Solar Impulse 2“ im Februar 2015 startet, wird die Route feststehen. Neben Wettervorhersagen, Wind und geografischen Besonderheiten spielen auch politische Umstände in die Planung – und mögliche Sponsoren. Die „Partnerstädte“ des Projekts bekommen jede Menge Publicity – dafür sollen sie auch etwas tun. In einem Golf-Emirat – welches, steht noch nicht fest – beginnt und endet der Flug.

„,Solar Impulse‘ ist die Hoffnung, dass die Menschheit beschützt werden kann“, sagt Piccard. Vor Klimawandel und Umweltzerstörung. Vor Pathos hat er weniger Angst als vor einem Sturm über dem Atlantik.

Das ist Solar Impulse 2“

Mit der „Solar Impulse 2“ wollen Bertrand Piccard und André Borschberg als Erste die Erde in einem Solarflugzeug umrunden. Das geht aber nicht am Stück: Mit Zwischenlandungen soll die Reise in Richtung Osten rund vier Monate dauern. Start ist im Februar 2015 am Persischen Golf. Welches Emirat den Zuschlag erhält, wird noch verhandelt. Nordindien soll vor der Monsun-Saison überquert und Schanghai im März erreicht sein. Über den Pazifik geht es nach Kalifornien, dann über den nordamerikanischen Kontinent bis North Carolina. Nach einem Flug über den Atlantik nach Südeuropa beginnt dann die Schlussetappe zum Persischen Golf. Die „Solar Impulse 2“, die eine Spannweite von 72 Metern (und damit mehr als eine Boeing 747) hat, hat vier Propeller mit einer Maximalleistung von insgesamt 70 PS. Das 2300 Kilogramm leichte Flugzeug, das zu 83 Prozent aus ultraleichtem Karbonmaterial besteht, fliegt maximal 77 Knoten (140 kmh) in bis zu 8500 Metern Höhe. Weil es mehrere Tage lang dauern wird, die Ozeane zu überqueren, müssen die Piloten mit extremer Monotonie zurechtkommen. Und mit Müdigkeit. Dafür werden Piccard und Borschberg unter anderem bei Schlafentzugstrainings geschult.

Jan Sternberg

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