Diskriminierung von Zuwanderern

„Sozialtourismus“ ist das Unwort des Jahres

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Darmstadt - Die Zuwanderung nach Deutschland sorgt für scharfe Debatten. Der Begriff "Sozialtourismus" ist nun laut und öffentlich gerügt worden.

Es ist ein Signal mitten in der hitzigen Diskussion über Zuwanderung: Während einige Politiker im Europawahlkampf fordern, Sozialleistungen für EU-Bürger zu begrenzen, wurde am Dienstag der Begriff „Sozialtourismus“ zum Unwort des Jahres 2013 gewählt. In der Begründung der Jury aus Sprachwissenschaftlern und dem Schriftsteller Ingo Schulze („Adam und Evelyn“; „Orangen und Engel“) hieß es, der Ausdruck mache gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer aus Ost-Europa.

Die Duden-Definition legt den diffamierenden Charakter des Begriffs offen: Unter Sozialtourismus wird dort die „Gesamtheit der Ortswechsel, die die Betreffenden nur vornehmen, um sich in den Genuss bestimmter Sozialleistungen zu bringen“ verstanden.

Laut eines Spiegel-Berichts hatten Unionspolitiker wie Michael Glos (CSU) oder Lothar Späth (CDU) den Begriff zwar schon lange im Wortschatz, doch im Zusammenhang mit der Freizügigkeit für EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien ist der „Sozialtourismus“ in aller Munde. Weitere Kandidaten für das Unwort des Jahres wie „Armutszuwanderung“ und „Freizügigkeitsmissbrauch“ zielen in eine ähnliche Richtung. Ingo Schulze sagte dieser Zeitung: „Diese Begriffe stellen eine Verhöhnung derjenigen dar, die ihr Glück gezwungenermaßen anderswo suchen müssen.“

Der Ausdruck „Armutszuwanderung“ sei besonders perfide, weil er eine objektive Beschreibung vorgaukele, aber Vorurteile transportiere. Der 1962 in Dresden geborene Schriftsteller sagte weiter: „Wir dürfen nicht vergessen, dass Deutschland lange Zeit ein Auswandererland war. Mein Großvater ist Anfang der 20er Jahre aus Süddeutschland nach Siebenbürgen, dem heutigen Rumänien, ausgewandert, weil er hier nichts mehr zu beißen hatte.“ Heute verlaufe die Migration in die andere Richtung. „Unabhängig von der politischen Haltung sollte man sich um eine sachliche Darstellung bemühen“, forderte Schulze mit Blick auf die CSU, die mit Parolen gegen Migranten aus ärmeren EU-Ländern auf Stimmenfang geht.

Das Unwort des Jahres

Mit dem Unwort des Jahres werden seit 1991 sprachliche Fehltritte gegeißelt, die gegen die Menschenwürde verstoßen. Für das Jahr 2013 gab es 1340 Einsendungen und 746 verschiedene Vorschläge von „Shitstorm“ bis „Leihwähler“. Als Favorit galt vorab das „Supergrundrecht“, das 45 Mal genannt wurde. In der NSA-Affäre hatte Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Sicherheit als ein alle Grundrechte übertrumpfendes Recht, als „Supergrundrecht“, bezeichnet. 19 Mal wurde die „Homo-Ehe“ vorgeschlagen, 16 Mal die „Ausschließeritis“, bezogen auf die Koalitionsspekulationen zwischen SPD und der Linken.

Erstmals durfte Schulze als prominentes Jury-Mitglied ein persönliches Unwort bestimmen. Er entschied sich für das Begriffspaar „Arbeitgeber/-nehmer“. Wer die Arbeit leiste, werde zum Arbeitnehmer degradiert, wer davon profitiere, zum Arbeitgeber erhoben. Nachdem die Kür des wenig geläufigen Begriffs „Opfer-Abo“ im Vorjahr für Verwunderung gesorgt hatte, ist das Unwort des Jahres wie schon 2011 („Döner-Morde“) nahe dran am Zeitgeist. Die Debatte um Sozialtourismus (Unwort des Jahres 2013) könnte zur Zerreißprobe der „GroKo“ (Wort des Jahres 2013) werden.

Von Nina May

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