Finale im Mordprozess

Staatsanwalt bezichtigt Pistorius der Lüge

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Foto: Mit den Schlussreden von Staatsanwaltschaft und Verteidigung geht der spektakuläre Prozess gegen den beinamputierten Oscar Pistorius (Foto) nach Monaten seinem Ende entgegen.

Pretoria - War es Mord oder ein tödlicher Irrtum? Der Staatsanwalt hält Oscar Pistorius für einen unverantwortlichen Waffennarr, der seine Freundin nach einem Streit vorsätzlich erschoss. Doch die Richterin wird auf Indizien und die Glaubwürdigkeit der Zeugen angewiesen sein.

Der Mordverdächtige Oscar Pistorius ist für Staatsanwalt Gerrie Nel ein Lügner. „Seine Aussage ging völlig an der Wahrheit vorbei“, sagte der Chefankläger am Donnerstag in seinem abschließenden Plädoyer im Gerichtssaal von Pretoria. Der südafrikanische Paralympics-Star habe sich eine ganz eigene Version der Tatnacht zusammengebastelt, betonte Nel.

In seinen mehrstündigen Ausführungen versuchte er Richterin Thokozile Masipa noch einmal davon zu überzeugen, dass der heute 27-Jährige in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich durch eine geschlossene Badezimmertür erschoss. Mit den Schlussreden von Staatsanwaltschaft und Verteidigung geht der spektakuläre Prozess gegen den beinamputierten Oscar Pistorius nach Monaten seinem Ende entgegen. Das Urteil wird für Ende August erwartet.

Pistorius sei ein unverantwortlicher Waffennarr, der die Gesetze missachte, erklärte Nel weiter. Pistorius starrte mit ernstem Gesicht die meiste Zeit auf den Boden. Während des Prozesses war er mehrmals in Tränen ausgebrochen und hatte sich wiederholt übergeben. Nach Erfolgen bei den Paralympics war Pistorius als erster beinamputierter Sportler der Olympia-Geschichte im Jahr 2012 mit seinen beiden Prothesen bei den Spielen in London gestartet.

„In dem Haus befanden sich nur zwei Menschen. Einer davon wurde getötet“, sagte Nel. „Es gab nur einen Überlebenden, und da er sich entschieden hat, auszusagen, hätte man erwarten können, dass er eine ehrliche Version von dem erzählt, was passiert ist.“ Aber Pistorius habe sich geweigert, die Verantwortung für seine Tat zu übernehmen und habe die Schuld von sich gewiesen. Er sei „ein schrecklicher Zeuge“ gewesen - und die Argumente der Verteidigung seien „frei von jeder Wahrheit“.

Pistorius hat stets beteuert, dass es sich um einen tragischen Irrtum gehandelt habe, weil er hinter der Tür einen Einbrecher vermutet habe. Er habe in Panik gehandelt, so der Sportler. Eine Psychiaterin hatte dem Sportler eine „intensive Angststörung“ bescheinigt. Sein Verteidiger Barry Roux soll an diesem Freitag sein Plädoyer halten.

Im Gerichtssaal waren auch die Eltern des Models Reeva Steenkamp. Vater Barry Steenkamp war zum ersten Mal dabei, da er im Januar einen Schlaganfall erlitten hatte. Pistorius’ Bruder Carl konnte hingegen nicht an dem Termin teilnehmen, da er Anfang August bei einem Autounfall verletzt worden war.

Es wurde erwartet, dass beide Juristen - Nel und Roux - mit rhetorischer Finesse versuchen würden, Richterin Masipa von ihrer jeweiligen Version zu überzeugen. 39 Prozesstage und 36 Zeugenverhöre konnten letztlich nicht klären, was in der Tatnacht in Pistorius’ Villa in Pretoria wirklich geschah. Mehrmals unterbrach die Richterin den Staatsanwalt und stellte Zwischenfragen.

Bei ihrem in spätestens vier Wochen erwarteten Urteil muss sich Masipa vor allem auf Indizien und die Glaubwürdigkeit der Zeugen verlassen. Auch die Schlussreden könnten einen wichtigen Teil zur Entscheidung beitragen. Wird Pistorius des Mordes schuldig befunden, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

dpa

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