Ein Minusgeschäft

Städte kämpfen gegen Schrotträder

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Hannover - Anwohner stören sich an ihrem Anblick, die Städte kosten sie Geld. Fahrräder, mit denen selbst ein Fahrraddieb nichts mehr zu tun haben möchte. Nicht alle landen aber in der Schrottpresse, manche werden versteigert, andere wieder flott gemacht.

Stefan Hencke fackelt nicht lange. Er gibt seinen Kollegen ein Handzeichen, dann geht alles ganz schnell. Mit dem Winkelschleifer knackt Wolfgang Sander das Bügelschloss. Das Fahrrad, an dem es angebracht ist, bietet einen traurigen Anblick: Das Vorderrad fehlt, der Lenker ist verrostet, am Rahmen blättert der Lack ab. „Ein Haufen Schrott“, sagt Hencke. Seit neun Jahren arbeitet der 44-Jährige als Abfallfahnder beim Entsorgungsbetrieb „aha“ in Hannover. 440 solcher Fahrradwracks haben Hencke und seine Kollegen im Jahr 2012 in der Landeshauptstadt entfernt. Auch in Bremen und in niedersächsischen Städten sind Fahrrad-Wracks ein Problem, wie eine dpa-Umfrage ergab.

Manche Räder haben eine kaputte Kette, andere eine Acht im Laufrad oder einen Riss im Rahmen. Kein schöner Anblick, finden die Anwohner. Meist sind sie es, die den Abfallfahnder auf die unliebsamen Bikes aufmerksam machen. Besonders in der hannoverschen Innenstadt, am Hauptbahnhof und in studentischen Wohnvierteln haben die Mitarbeiter des Abfallentsorgers viel zu tun. Fällt Hencke ein Schrottrad ins Auge, bekommt das zunächst einen roten Aufkleber. Vier Wochen hat der Besitzer dann Zeit, es loszumachen.

InHannover gehen alle Räder, die Hencke und seine Kollegen von Laternen, Fahrradständern oder Bäumen entfernen, in die Schrottpresse. „Sie sollen gar nicht erst wieder in den Verkehr kommen“, sagt Andreas Hübner, stellvertretender Teamleiter der Abfallfahnder. Für die Stadt sei das ein Minusgeschäft. Rund 16 000 Euro zahlt sie im Jahr für die Entsorgung der Alträder. „Der Schrottpreis deckt gerade einmal die Kosten für die Fahrt zum Schrotthändler ab“, berichtet Hübner.

Manchmal wundert sich Abfallfahnder Hencke über den Verschwendertum der Menschen. „Einmal haben wir ein hochwertiges Rennrad entsorgen müssen.“ Selten melden sich die Besitzer nach dem Abtransport.

Beschwerden über den Verlust der Räder gebe es auch in Osnabrück kaum, sagt Pressesprecher Sven Jürgensen. Nach einer zweiwöchigen Frist werden sie abtransportiert und versteigert. Zweimal im Jahr findet so eine Auktion statt. Zuletzt haben die Mitarbeiter der Stadt 70 Fahrräder entfernt.

InBraunschweig wurden 203 Fahrräder im vergangenen Jahr eingesammelt. In diesem Jahr sind es bislang 116. Nach sechs Wochen werden sie verschrottet. Allerdings nicht alle: "Haben Räder noch brauchbare Teile, geben wir diese an eine Werkstatt für Menschen mit einer Lernbehinderung", sagt Stadtsprecher Rainer Keunecke. Sie arbeiten die Räder dann auf und verkaufen sie weiter.Ähnliches gilt in Oldenburg. Dort werden die Schrotträder in einer gemeinnützig geführten Fahrradwerkstatt wieder auf Vordermann gebracht. Großangelegte Aufräumaktionen finden zweimal im Jahr statt. Bei der jüngsten im vergangenen Herbst hat die Polizei 80 Fahrräder eingesammelt, sagt Stadtsprecher Andreas van Hooven.

Auch in Bremen erfüllen die schrottreifen Zweiräder noch einen guten Zweck: In den vergangenen drei Jahren haben Mitarbeiter des Umweltbetriebs und einer Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft insgesamt 1925 Fahrräder eingesammelt, berichtet Thomas Katzke von der Umweltbehörde. Dort arbeiten sie die Mitarbeiter auf. Pro Jahr entstünden so rund 400 Recycling-Räder, die sozialen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden.

24 herrenlose Fahrräder wurden in Göttingen in diesem Jahr bisher abtransportiert, sagt Pressesprecher Hartmut Kaiser. 2013 waren es 120. Die meisten davon werden in der Innenstadt und am Bahnhof gefunden. Drei Wochen bewahrt die Stadt die Räder auf, danach landen auch sie in der Schrottpresse. Gut erhaltene Teile werden von Jugendlichen aufbereitet, die auf einen Ausbildungsplatz warten.

Dagegen hat Lüneburg mit herrenlosen Fahrrädern kaum Probleme. Ungefähr 15 Räder im Jahr werden von den Mitarbeitern des Entsorgungsbetriebs AGL abtransportiert, sagt AGL-Geschäftsführer Lars Strehse. Die Räder gehen dann zunächst ins Fundbüro. Holt sie dort niemand ab, werden sie versteigert.

dpa

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