Agrarminister Christian Meyer im Interview

„Im Stall gibt’s immer härtere Wirkstoffe“

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Foto: „Das Risiko steigt mit der Größe der Einheit“: Agrarminister Meyer macht die Massentierhaltung dafür verantwortlich, dass gegen bestimmte Keime keine Antibiotika mehr wirken.

Hannover - Agrarminister Christian Meyer erklärt im HAZ-Interview, warum er sich für ein Verbot neuer Antibiotika in der Tiermast einsetzt und warum die großen Mastbetriebe genau kontrolliert werden müssen.

Herr Meyer, gegen etliche gefährliche Krankheitserreger wirken ältere Antibiotika nicht mehr, weil die Keime resistent geworden sind. Dafür wird der massenhafte Gebrauch der Antibiotika in der Tiermast verantwortlich gemacht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher, dass neue Wirkstoffe, die noch funktionieren, nur Menschen vorbehalten bleiben sollen. Haben Sie Verständnis, dass sie trotz dieser Warnung immer noch in der Tiermast eingesetzt werden?

Wir nehmen die Warnung vor der Gefahr sehr ernst, dass gefährliche Keime auch gegen die neuen Wirkstoffe Resistenzen bilden. Deshalb sollten diese hochwirksamen Reserveantibiotika der Humanmedizin vorbehalten bleiben und nicht in der Tierhaltung eingesetzt werden.

Befasst sich darum die Agrarministerkonferenz in dieser Woche mit einem Verbot der Reserveantibiotika?

Zur Person

Christian Meyer aus Holzminden ist seit dem 19. Februar 2013 Agrarminister und damit der erste Grünen-Politiker, der dieses Amt in Niedersachsen bekleidet. Als der 40-Jährige in das Ministerium einzog, wurde er als „Bauernschreck“ tituliert.

Der Ruf des erbitterten Kämpfers gegen Agrarindustrie und Massentierhaltung stammt aus der Zeit in der Opposition im Landtag, wo er seit 2008 CDU-Agrarministern und dem Bauernverband zusetzte. doe

Genau. Wir fordern, dass der Bund eine Gruppe von Wirkstoffen definiert, die keine oder nur eine beschränkte Zulassung für die Tiermedizin bekommen sollen. Dazu gehören die von der WHO genannten Fluorchinolone und Cephalosporine der dritten und vierten Generation. Allein die Hälfte der in Deutschland verschriebenen Fluorchinolone wird in Niedersachsen in der Tiermast eingesetzt. Die Abgabemenge hat sich dabei von 2011 bis 2013 verdoppelt. Das macht uns große Sorgen, dass immer härtere Wirkstoffe im Stall eingesetzt werden.

Sie wollen den Einsatz von Antibiotika um die Hälfte reduzieren, und es werden ja auch weniger Tonnen verbraucht. Der wahre Grund aber ist, dass mehr Reserveantibiotika eingesetzt werden, die viel geringer dosiert werden – lügt man sich da nicht in die Tasche?

Darum ist es so wichtig, diese schnell zu verbieten – damit nicht von den alten auf die neuen umgestiegen wird, um Mengenminderungen zu erreichen und schlechte Haltungsbedingungen zu kaschieren.

Die FDP im Landtag wirft Ihnen falsche Schuldzuweisungen vor: Resistente Keime entstünden, weil Humanmediziner Antibiotika falsch verordneten. Was sagen Sie dazu?

Es ist anerkannt, dass es erhebliche Probleme mit Resistenzen in beiden Bereichen gibt. Jeder muss in seinem Bereich etwas tun. Wir wissen um die deutlich zu hohen Mengen, die gerade in der Massentierhaltung eingesetzt werden, wenn – wie bei den Puten – nicht das einzelne Tier, sondern der gesamte Stall behandelt wird. Zahlen der Vorgängerregierung sagen: 84 Prozent der Puten und 76 Prozent der Masthühner werden mit Antibiotika behandelt. Das ist ein Riesenproblem. Deshalb ist es auch richtig, gerade im Nutztierbereich deutlich kritischer hinzuschauen.

80 Prozent der Antibiotika werden von 20 Prozent der Landwirte eingesetzt. Wie wollen Sie erreichen, dass die schwarzen Schafe den Einsatz besser in den Griff bekommen?

Viele Landwirte gehen sehr verantwortungsvoll mit Antibiotika um. Darum konzentrieren wir uns auf die 14.000 großen Mastbetriebe. Es handelt sich um ein Problem der industriellen Massentierhaltung, vor allem im Westen Niedersachsens, und nicht um eines der bäuerlichen Betriebe, zum Beispiel im Milchviehbereich. Milchvieh und Kleinbetriebe sind daher nicht erfasst. Studien belegen: Je größer der Stall, je enger die Tiere stehen, umso höher ist die Besiedelung mit multiresistenten Keimen. Das Risiko steigt mit der Größe der Einheiten.

25 neue Kontrolleure beim Landesamt für Verbraucherschutz sollen den Antibiotikaeinsatz kontrollieren. Misstrauen Sie den Landkreisen?

Nein. Wir haben den Landkreisen keine Aufgaben weggenommen. Für das Laves sprach, dass es jetzt schon die Tierarztpraxen kontrolliert. So können wir die Anwendung einheitlich überprüfen.

Interview: Karl Doeleke

Die letzte Reserve

Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin gilt als Grund für die Zunahme multiresistenter Keime. Gegen diese Erreger sind einfache Antibiotika oft machtlos. Sie können daher zu einer tödlichen Gefahr vor allem für Krankenhauspatienten werden. In bis zu 40 000 Fällen im Jahr sollen sie mitursächlich für den Tod sein.

Um diese Entwicklung zu stoppen, fordern die Länder Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen auf der Agrarministerkonferenz in dieser Woche in Bad Homburg, sogenannte Reserveantibiotika für die Tiermedizin zu verbieten. Dafür ist allerdings eine Mehrheit auf Bundesebene nötig. Die FDP im Landtag kritisierte gestern „fachlich falsche Schuldzuweisungen an die Landwirtschaft“.

Die CDU warf Agrarminister Christian Meyer „Versagen bei der Regulierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung“ vor.

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