Neue Studie

Die NPD ist stark, wo Perspektiven fehlen

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Bei rechtsextremistischen Kundgebungen marschieren Thomas Wulff (l.) von der NPD und Christian Worch (Freie Kameradschaften) gern vorneweg.

Hannover - Etwa 30.000 Niedersachsen haben bei der Landtagswahl im Januar die rechtsextreme NPD gewählt, bei der Bundestagswahl im September waren es 37.000. Eine neue sozialwissenschaftliche Untersuchung zeigt jetzt, dass es regionale Besonderheiten gibt.

Demnach findet die NPD vor allem in Gegenden Anklang, in denen die Bevölkerung stark schrumpft, Perspektiven für Jüngere fehlen und der Altersdurchschnitt stark ansteigt.

Die beiden Sozialwissenschaftler Tanja und Lothar Eichhorn, die beim Landesbetrieb für Statistik arbeiten, haben die NPD-Ergebnisse bei der Landtagswahl eingehend untersucht. Landesweit hatte die Partei 0,8 Prozent bekommen. Die Autoren stellten fest, dass es eine Hochburg dieser Partei in Niedersachsen gibt - den Kreis Helmstedt an der früheren Zonengrenze. In der dort gelegenen Samtgemeinde Nord-Elm erhielt die Partei sogar 3,6 Prozent, das ist der Spitzenwert. Auch bei der Bundestagswahl bestätigte sich die regionale Prägung - der Wahlkreis mit dem höchsten NPD-Anteil landesweit, nämlich 1,4 Prozent, ist Helmstedt/Wolfsburg. Hoch sind die Werte auch im Wahlkreis Salzgitter (1,2 Prozent) und in Goslar (1,0 Prozent).

Tanja und Lothar Eichhorn haben nun die 20 niedersächsischen Gemeinden mit den höchsten NPD-Ergebnissen bei der Landtagswahl näher untersucht. Allein sieben dieser Kommunen liegen im Kreis Helmstedt, andere sind in den Kreisen Osterode, Northeim und in der Lüneburger Heide. Dabei fanden die Forscher heraus, dass der NPD-Stimmenanteil tendenziell stärker ist in solchen Orten, die von Abwanderung, Überalterung, überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit und Wohnungsleerstand betroffen sind. Dort ziehen Jüngere weg, weil ihnen woanders bessere Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden, Häuser stehen leer.

„Es wäre nun ein Fehlschluss, wenn man behauptet, dass Arbeitslose verstärkt NPD wählen“, sagt Lothar Eichhorn. „Richtig aber ist, dass Rechtsextremisten dort einen Resonanzboden für ihre Agitation finden, wo viele Menschen keine Perspektive für sich sehen, verunsichert und orientierungslos sind.“ Dort seien Menschen eher bereit zu einer „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, wie die Autoren es nennen - man wendet sich gegen Fremde, Andersfarbige, Juden, Behinderte und Obdachlose.

Die 30 000 NPD-Stimmen in Niedersachsen sind wegen der allgemeinen Schwäche der NPD nach Ansicht von Tanja und Lothar Eichhorn Ausdruck eines „harten Kerns des Rechtsextremismus“ in Niedersachsen. Die beiden Wissenschaftler haben auch geprüft, ob es noch weitere Zusammenhänge zwischen einem hohen NPD-Ergebnis und besonderen Faktoren gibt. Dabei stellten sie fest, dass die NPD-Hochburgen oft schon seit fünf Jahren bestehen. Es sei aber nicht so, dass diese sich über mehrere Generationen „vererben“, denn die regionalen Unterschiede zum Landtagswahlergebnis von 1974 seien auffällig: Damals hatte die Partei in der Lüneburger Heide ihre Hochburgen.

Die Studie ergab keinen Zusammenhang zur Wahlbeteiligung - es ist also nicht so, dass vor allem in Gegenden mit hoher Wahlmüdigkeit besonders viele Leute rechtsextrem wählen. Es ist auch nicht so, dass die NPD-Resultate in dünnbesiedelten Gegenden größere wären als in Ballungsräumen. Wohl aber seien aktive Funktionäre vor Ort bedeutsam. Wenn es den „netten Nazi von nebenan“ gebe oder eine starke Leitfigur, so könne dies schon das Ergebnis steigern. Als der inzwischen verstorbene Anwalt Jürgen Rieger im Raum Verden noch aktiv war, lag das Ergebnis der Partei dort viel höher. Nach seinem Tod hat die NPD in Verden stark verloren.

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