Schwerkranke erfüllt sich Traum

Die starke Frau und das Meer

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Langes Schweigen - und dann ein Lächeln: In der Abenddämmerung hat Maria Langstroff nach vielen Stapazen ihr Ziel erreicht. Ihre Trage steht am Timmendorfer Strand.

Hannover - In die Ferne schweifen - das haben ihre Augen fast verlernt. Seit vier Jahren sieht sie die immer selbe Umgebung - ihr Zimmer in einem Gießener Pflegeheim. Jetzt hat sich Maria Langstroff einen Traum erfüllt: ein letztes Mal das Meer sehen. Koste es, was es wolle. Und wenn es ihr Leben ist.

Als sie sich zum letzten Mal sahen, waren sie Kinder. Er wollte Feuerwehrmann werden. Sie Lehrerin. 13 Jahre sind seither vergangen. Sein Wunsch hat sich erfüllt. Ihre Wünsche hingegen sind bescheidener geworden. Er rettet Leben. Sie kämpft um ihr eigenes. Er, das ist Stefan Heinemann, Feuerwehrmann aus Kassel. Sie, das ist Maria Langstroff, Bestsellerautorin aus Gießen. Seit vier Jahren ist sie in einem Pflegeheim zu Hause. Ans Bett gefesselt, halsabwärts gelähmt, von epilepsieartigen Krampfanfällen geschüttelt, unter chronischen Schmerzen leidend. Sie und ihn verbindet mehr als eine Kinderfreundschaft. Es ist der Wunsch, das Unmögliche möglich zu machen.

Einmal noch das Meer sehen. Einmal das dunkle Zimmer im Pflegeheim hinter sich lassen. Einmal den Wind spüren, Salzwasser schmecken, abends den Sand aus den Haaren gekämmt bekommen. Ein bescheidener Wunsch – für einen gesunden Menschen. Ein fast schon gieriger für eine Sterbenskranke. Aber Maria Langstroff ist gierig – nach Leben.

„Ich will ans Meer“, sagte sie in einem Interview mit Reinhold Beckmann. „Ich will ihr helfen“, sagte Stefan Heinemann, der die Sendung im Fernsehen zufällig sah. Gemeinsam mit seinem Vater, Henri Heinemann, Polizist und Ausbilder beim Deutschen Roten Kreuz in Kassel, trommelte er ein Team freiwilliger Helfer zusammen. Feuerwehrmänner, Sanitäter, Rettungsassistenten und einen Notarzt. Sie alle kennen Maria Langstroff nur aus den Medien. Ihnen allen reicht das, um zu sagen: „Wir packen an.“ Mutter, Vater, Bruder und Schwägerin – alle vier also sollen mit ans Meer.

Zwei Krankenschwestern sind ebenfalls dabei. Und die Patientenverfügung darf nicht fehlen. Dann geht es los. Der für die Intensivmedizin ausgerüstete Rettungswagen fährt vorweg. Der Kleinbus mit Eltern, Gepäck und Pflegematerial hinterher.

Es ist eine Reise mit ungewissem Ausgang. Maria Langstroff weiß das. Vor der Abfahrt hat sie sich frische Strähnchen in ihr blondes Haar machen lassen. Ihre Frisörin hat ihr laut „Lebewohl“ gewünscht. Zahlreiche Freunde haben es leise gedacht. Jede Abweichung vom Alltag ist für die 27-Jährige lebensgefährlich. Aber nach vier Jahren in einem abgedunkelten Raum, ernährt durch eine Magensonde, dauerhaft angewiesen auf starke Medikamente, hat sie den Respekt vor dem Wort „Lebensgefahr“ verloren. Die Medizin, die sie am Leben hält, sind die vielen kleinen und großen Ziele, die sie sich steckt. Manche hat sie schon erreicht. Sie hat zwei Bücher geschrieben, ein Hörbuch eingelesen, eine Dokumentation gedreht. Das Lehramtsstudium hat sie niemals ruhen lassen.

Die Fahrt zehrt an den Kräften. Der Wagen schaukelt. ­Maria krampft. Das Gerät zur Sauerstoffüberwachung piepst. Im Rettungswagen ist es nahezu dunkel. Die Fenster des Wagens wurden mit Folie abgeklebt. Starke Außenreize wie Licht oder Lärm lösen bei der 27-Jährigen Krampfanfälle aus – mehrmals muss Notarzt Helge Ritter Medikamente spritzen, ihrem Körper eine künstliche Pause gönnen.

Acht Stunden dauert die Fahrt zum Timmendorfer Strand. Die Sonne droht schon unterzugehen, als der Rettungswagen endlich einen Parkplatz mit Meerblick ansteuert. Und dann wird sie ausgeladen. Eine weinende Maria. Voller Erschöpfung, voller Erleichterung, voller Unglaube. Da ist es also: das Meer. Und für einen kleinen Moment scheint es, als könnten alle Beteiligten durchatmen. Sogar Notarzt Helge Ritter. Seine Augen sind müde. Die Fahrt hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. „Ganz erleichtert bin ich erst, wenn sie wieder wohlbehalten im Pflegeheim ist“, sagt er.

Auch Marias Vater findet seine Sprache wieder. Zum ersten Mal an diesem Tag. „Wenn sie es bis hierher geschafft hat, habe ich keine Bedenken mehr“, sagt er und setzt sich neben seine Tochter. Mutter und Bruder halten noch ein bisschen Abstand. Fast ungläubig blicken sie auf ihre Maria. Wie sie daliegt. Auf einer Trage. Mitten im Sand. Lächelnd. Sie sagt nicht viel. Sie weint nur ab und an. Die Schmerzen versucht Maria an diesem Tag klaglos zu ertragen. Sie ignoriert sie, als die Sonne untergeht. Und auch, als die Sterne über dem Strand zu leuchten beginnen. Fast schon kitschig ist diese Szenerie. Und dann, mitten in die Stille hinein, sagt sie: „Jeder sollte sich eine Liste machen von den Dingen, die er noch erleben will.“ Sie hat einen weiteren Punkt abhaken können. Wie viele Häkchen sie noch setzten will, verrät sie nicht.

Die Rückfahrt zum Hotel erfolgt schweigend. Die Nacht ist dafür umso lauter. Im Hotelzimmer poltern Marias nackte Füße gegen das hölzerne Bettgestell. Sie bezahlt die Stunden am Meer mit schweren Krampfanfällen. Eine schlaflose Nacht haben auch diejenigen, die an der Seite der 27-Jährigen wachen. Diese Reise ist für sie emotionaler Dauerstress. Nur Maria wirkt am nächsten Morgen wie gelöst. Die Krankheit ist für sie Alltag. Eine solche Nacht? Nichts Besonderes. Sie hat große Pläne. Sie will noch einmal an die Elbe. Notarzt Helge Ritter will das nicht – zu groß sind die gesundheitlichen Bedenken. Und er behält das letzte Wort. Maria Langstroff schweigt, schläft und krampft auf der Rückfahrt. 510 Kilometer lang.

Irgendwann verlangt sie nach frischer Luft. Auf einem kargen Rasthof im Harz kommt der Rettungswagen zum Stehen. Es dämmert. Maria Langstroff setzt ihre Sonnenbrille auf, blinzelt. Müde ist sie. Und blass. Und trotzdem lächelt sie. Es ist das Lächeln einer Kämpferin. Leise murmelt sie: „Jetzt erst recht.“

Die Schichte der Maria Langstroff

Die 27-jährige Lehramtsstudentin Maria Langstroff aus Marburg liegt seit vier Jahren in einem Pflegeheim in Gießen. Sie leidet an einer bisher weitgehend unbekannten und nicht zu therapierenden Muskelerkrankung und sie ist vom Hals abwärts gelähmt. Bevor sich ihr Krankheitszustand 2010 rapide verschlechterte, war Maria Langstroff mehrere Jahre auf den Rollstuhl angewiesen, führte jedoch ein weitestgehend selbstständiges Leben. Für Aufmerksamkeit sorgte sie durch die Veröffentlichung ihres Buches „Mundtot – Wie ich lernte meine Stimme zu erheben. Eine sterbenskranke junge Frau erzählt“, das ein Bestseller wurde. Darin klagt sie den Umgang der „gesunden“ Gesellschaft mit Behinderten an und schockiert mit Beispielen aus ihrem Alltag. Weitere Informationen gibt es unter www.maria-langstroff.de.

Marie Lisa Schulz

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