Weltreligion Islam

Was steht eigentlich im Koran?

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- Viele sprechen über die Heilige Schrift des Islams, aber nur wenig kennen sie wirklich. Was unterscheidet Koran und Bibel? Wie blutrünstig ist der Koran? Und wie ist das mit den 72 Jungfrauen? Fragen an eine Weltreligion.

Terroristen berufen sich auf das Buch, doch ebenso wird bei Trauerfeiern für Terroropfer aus ihm zitiert. Der Koran - das Wort bedeutet „Lesung“ - wurde dem Propheten Mohammed nach islamischem Verständnis etwa von 610 n. Chr. an über mehrere Jahre hinweg von Allah offenbart. Heute ist der Koran die heilige Schrift von 1,6 Milliarden Muslimen. Im Westen ist er kaum bekannt; dennoch gilt er vielen als Hemmschuh bei der Integration von Migranten oder gleich als Lizenz zum Töten. Doch was steht wirklich im Koran? Oder besser: Was lässt sich aus ihm herauslesen? Ein Aufklärungsversuch.

  1. Wie ist der Koran gegliedert?

Grob gesagt: der Länge nach. Er besteht aus 114 Kapiteln, den Suren, die ihrerseits in Verse unterteilt sind. Geordnet sind die Suren nicht chronologisch oder thematisch, sondern der Länge nach. Vorn stehen die langen, hinten die kurzen.

  1. Wie blutrünstig ist der Koran?

Terroristen, die Untaten rechtfertigen wollen, werden im Koran rasch fündig: „Erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet“, heißt es dort, 9. Sure, Vers 5. Gleichwohl bricht der christliche Islamexperte Adel Theodor Khoury, geboren im Libanon, eine Lanze für den Koran: Textstellen, die Gewalt bejahten, seien in Kriegszeiten entstanden, als Muslime von Feinden bedrängt worden seien. „Die meisten Muslime lesen den Koran als Aufforderung zum Frieden“, sagt er.

  1. Ist die Bibel friedvoller als der Koran?

Auch dort gibt es martialische Stellen: „Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten“, heißt es in Psalm 139. Und Christus spricht: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34) - ein interpretationsbedürftiger Ausspruch, den die meisten Islamkritiker wohl eher bei Mohammed vermuten würden.

  1. Wie lesen Muslime die kämpferischen Passagen des Koran?

Höchst unterschiedlich. Gelehrte wie der schiitische Theologe Burhanettin Dag vom Islamischen Zentrum Hamburg sehen in Textstellen wie Sure 9,5 keine Aufforderung zu Gewalt: „Einige Verse im Koran sind allgemeingültig, andere sind zeitgebunden“, sagt er. In Sure 9,5 gehe es um die Bekämpfung solcher „Götzendiener“, die in einer konkreten historischen Situation bestimmte Verträge verletzt hätten: „Man darf solche Stellen nicht aus dem Zusammenhang reißen“, sagt er. Sonst begehe man denselben Fehler wie der Mann in dem alten muslimischen Witz: Dieser las in Sure 107 „Wehe den Betenden“ - und hörte prompt auf zu beten. Er hatte nämlich den zweiten Teil des Satzes übersehen: „Wehe den Betenden, die nachlässig in ihrem Gebet sind.“

  1. Wie blutrünstig ist der Koran?

Ebenso wie Terroristen können sich auch liberale Muslime auf den Koran berufen: „Es sei kein Zwang im Glauben“, heißt es in Sure 2,257. Und es gibt auch ein Tötungsverbot: „Wer eine Seele ermordet“, heißt es in Sure 5,35, „soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat.“ Allerdings gibt es eine Einschränkung: Das Tötungsverbot gilt nicht gegenüber jemandem, der selbst Gewalttaten begangen hat - Islamkritiker glauben, dass radikale Muslime da ein Hintertürchen finden, um Attentate auf Andersdenkende zu rechtfertigen.

  1. Steht im Koran, dass man Dieben die Hände abschneiden soll?

Ja, in Sure 5, Vers 42: „Schneidet ihnen ihre Hände ab als Lohn für ihre Taten.“ Allerdings lesen auch Staaten, in denen die islamische Rechtsordnung Scharia als Quelle der Verfassung gilt, dies heute oft so, dass Kriminelle von weiteren Diebstählen abgehalten werden sollen. Und an derselben Stelle heißt es auch: „Wer nach seiner Sünde umkehrt und sich bessert, zu dem kehrt sich auch Allah.“

  1. Wird die Frau im Koran unterdrückt?

Der Koran wurde in einer patriarchalischen Kultur niedergeschrieben. In der 4. Sure, Vers 38, heißt es: „Die Männer sind den Weibern überlegen.“ Männer dürften widerspenstige Frauen schlagen, Polygamie ist theoretisch erlaubt. Solche Koranstellen bedeuten Schwerstarbeit für liberale Exegeten. Dennoch sehen einige Forscher sie nicht ganz so düster - wie Kathrin Klausing vom Institut für islamische Theologie der Uni Osnabrück, die selbst zum Islam konvertiert ist und über Geschlechterrollen im Koran promoviert hat: Sie glaubt, dass es viel zu interpretieren gibt, wenn es in der 4. Sure heißt, dass Männer den Frauen vorstehen sollen: „Die meisten Kommentatoren sagen, dass damit eine Pflicht zur finanziellen Fürsorge gemeint ist.“

  1. Ist der Koran für Demokratie?

„Er ist nicht gegen Demokratie“, sagt der christliche Koranexperte Khoury. Allerdings sei Demokratie in der Zeit seiner Entstehung kein Thema gewesen. Immerhin: Staatliche Angelegenheiten sollten „in Beratung“ entschieden werden. Das kann man mit etwas gutem Willen als Begründung einer parlamentarischen Ordnung lesen.

  1. Warum reagieren Muslime so empfindlich auf Abbildungen Mohammeds?

Ein explizites Bilderverbot findet sich im Koran nicht, doch es hat im Islam eine lange Tradition. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Allah als Schöpfer ein Monopol hat - und dass er so groß ist, dass ein Bild ihn nicht fassen kann: „Das Bilderverbot betont die Transzendenz Gottes“, sagt der christliche Islamexperte Khoury. „Die Anbetung Gottes soll nicht in die Anbetung einer Statue umschlagen.“ Auch in Judentum und Christentum gebe es Bilderverbote, doch diese seien in der Geschichte oft weniger stark beachtet worden. In früheren Zeiten schufen etwa persische Buchmaler sehr wohl Abbildungen von Mohammed, teils mit verhülltem Gesicht. Gleichwohl gilt schon die Abbildung des Propheten vielen Muslimen heute als Sakrileg - von Karikaturen ganz zu schweigen.

  1. Gibt es im Islam Konfessionen?

Es gibt verschiedene Glaubensrichtungen. Die Sunniten bilden die größte von ihnen, wobei die Sunna („Tradition des Propheten“) ihrerseits in verschiedene Rechtsschulen eingeteilt werden kann. Im Iran und im Irak sind Schiiten die größte Gruppe. Sie vertreten die Auffassung, dass nach dem Tode Mohammeds im Jahr 632 nicht Abu Bakr, sondern Mohammeds Verwandter Ali Ibn Abi Talib der Nachfolger des Propheten hätte werden müssen. Seit dieser Zeit gibt es also unterschiedliche religiöse, politische und kulturelle Strömungen im Islam.

  1. Wer lehrt in Deutschland den Islam?

Nach Schätzungen predigen in Deutschlands Moscheen etwa 2000 Imame. Viele sprechen kaum Deutsch; in der Vergangenheit wurden viele Imame von der staatlichen türkischen Religionsbehörde nur für jeweils wenige Jahre nach Deutschland geschickt. Das soll sich aber ändern: Seit 2012 wurden an Hochschulen in Münster/Osnabrück, Tübingen, Frankfurt/Gießen sowie Nürnberg/Erlangen Studiengänge für islamische Theologie eingerichtet. Die rund vier Millionen Muslime in Deutschland werden künftig verstärkt von in Deutschland ausgebildeten Imamen und Religionslehrern unterrichtet. Experten sehen in der Etablierung eines „Euro-Islam“ einen Meilenstein für die Integration.

  1. Kann man zum Islam konvertieren?

Das ist einfach: Man muss einfach mit Überzeugung das Glaubensbekenntnis aussprechen, am besten vor mindestens zwei Zeugen und in einer Moschee: „Es gibt keinen wahren Gott außer Allah, und Mohammed ist der Prophet Gottes.“ Danach sollte man nach den Regeln des Islam leben. Problematischer ist der umgekehrte Weg: Obwohl der Koran selbst für den Abfall vom Glauben keine Strafe im Diesseits vorsieht, gibt es islamische Rechtsschulen und Staaten, in denen darauf die Todesstrafe steht.

  1. Was sagt der Koran über andere Religionen?

Juden und Christen sind im Islam „Leute des Buches“. In der Frühzeit des Islam galten sie als Schutzbefohlene („Dhimmis“) der Muslime, die toleriert wurden. Diese Buchreligionen fußen nach islamischer Lehre auf ursprünglich göttlichen Offenbarungen, die aber von ihren Anhängern über die Jahre verfälscht wurden. Jesus („Isa Ibn Maryam“) wird im Koran als wichtiger Prophet verehrt, als Sohn der Jungfrau Maria, der Kranke heilte und Tote erweckte (Sure 5,110) - nicht jedoch als Sohn Gottes.

  1. Ist im Islam eine Trennung zwischen Staat und Religion möglich?

Die meisten Muslime in Deutschland bekennen sich zu unserer weltlichen Grundordnung - obwohl es kein Zufall ist, dass die Trennung von Staat und Religion sich vor allem im christlichen Westen durchgesetzt hat. Denn während es in der Bibel heißt „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, ist der Islam eine umfassende Lebensordnung, die alle Aspekte des Alltags regelt. „In ihm ist die Verbindung von Religion und Politik grundsätzlich angelegt“, sagt Friedmann Eißler, Islamexperte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. So regelt der Koran auch Fragen des Erbrechts oder der Gleichberechtigung. Es gebe dabei im Islam zwar auch moderne Koranauslegungen, sagt Eißler. „Doch es ist ein Problem, dass diese noch keine große Breitenwirkung entfalten.“

  1. Dürfen Muslime den Koran überhaupt interpretieren?

Viele im Westen meinen, das sei für sie prinzipiell tabu. „Es ist aber schlicht falsch, dass der Koran nicht interpretierbar ist und nach islamischer Auffassung nur wörtlich verstanden werden darf“, sagt der Münsteraner Arabist Thomas Bauer. Allerdings gibt es bis heute Extremisten, die den Koran wörtlich nehmen: „Salafisten lehnen jede Auslegung ab und wollen zu seinen vermeintlichen Ursprüngen zurückkehren“, sagt Bauer. Dabei blendeten sie aus, dass es immer unterschiedliche Interpretationen gegeben habe: „Hier wird eine moderne Ideologie konstruiert, die die eigene Geschichte durchstreichen will.“

  1. Welche Lesarten des Koran gibt es im Islam?

Schon nach dem Tode des Propheten Mohammed bilden sich verschiedene Zweige der Exegese. Muhammad Sameer Murtaza, Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos, unterscheidet grob zwei Strömungen: die literalistische, die alle Texte möglichst wörtlich nimmt, und die rationalistische. Wenn es in einem Prophetenausspruch etwa heißt, eine Frau solle nicht ohne männlichen Begleiter reisen, lässt sich mit der literalistischen Lesart ein Führerscheinverbot für Frauen wie in Saudi-Arabien rechtfertigen. „Die rationalistische Ausrichtung hingegen zieht in Betracht, dass es damals Wegelagerer gab, die Karawanen überfielen - und sie fragt, was an dem Text heute noch sinnvoll ist“, sagt Murtaza. „Wenn wir es schaffen, den rationalistischen Zweig zu stärken, ist viel gewonnen.“ Die wörtliche Lesart hingegen biete eine Vorlage für religiöse Tyrannei.

  1. Wer hat bei der Interpretation des Koran das letzte Wort?

Niemand. Es gibt keinen islamischen Vatikan, kein verbindliches Lehramt wie in der katholischen Kirche. Diskurse ziehen sich oft lange hin. „Da herrscht Basisdemokratie, fast wie in der evangelischen Kirche“, sagt Islamwissenschaftler Murtaza. „Und ich würde es nicht anders haben wollen.“

  1. Was unterscheidet Koran und Bibel?

Die meisten Christen sehen die Bibel heute als eine von Menschen verfasste Schrift, die von Gott inspiriert ist. Der Koran ist für die meisten Muslime hingegen Vers für Vers das geoffenbarte Wort Gottes. Die Heiligkeit des Textes hat einen hohen Stellenwert; Übersetzungen gelten als heikel. Eine historisch-kritische Lesart, wie es sie im Christentum für die Bibel seit Jahrhunderten gibt, hat es daher im Islam schwerer, sich durchzusetzen. Dennoch gebe es auch im Islam eine Tradition, die berücksichtige, unter welchen Umständen ein Text entstanden sei, sagt Theologe Khoury.

  1. Wie ist das mit den 72 Jungfrauen?

Sure 44,54 stellt Märtyrern in der meist gängigen Lesart „Paradiesjungfrauen“ in Aussicht, ohne aber deren Zahl zu beziffern. Ein deutscher Koranforscher hat im Jahr 2000 unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg jene „dunklen Stellen“ des Koran untersucht, die Gelehrten seit jeher Kopfzerbrechen bereiten, da sie kaum verständlich sind. Das ursprüngliche Koran-Arabisch war nämlich nur ein Konsonantengerüst, eine Art Kurzschrift. Erst später wurde sie ausformuliert. Dabei könnte der ursprüngliche Inhalt verändert worden sein. Luxenberg glaubt, dass der Wortstamm der verheißenen „Huris“ aus Sure 44 eher auf „kristallklare Weintrauben“ hinweist. Was den Märtyrertod für viele Fanatiker deutlich unattraktiver machen dürfte.

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