Invasion reicher Neubürger

Sterben die Sylter aus?

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Foto: „Im Winter wird es immer ruhiger“: viele Häuser auf Sylt bleiben in der kalten Jahreszeit unbewohnt.

Sylt - Auf Sylt spielt sich ein Drama ab: Reiche Neubürger treiben die Mieten in die Höhe – und Einheimische können sich die eigene Insel nicht mehr leisten.

Diese Insel kann auch grau und grässlich sein. Dort zum Beispiel, wo am Ende der Autozugrampe der Blick auf gammelige Häuserklotzfassaden fällt. Eine Perle ist Westerland wahrlich nicht, aber es ist das insulare Drehkreuz ins Ferienglück für Zigtausende Urlauber und für Wohlhabende mit Zweitwohnsitz auf dem Eiland. Deren Zahl wächst und wächst. Sie sind oft reich und greifen gern zu, wenn Makler in Annoncen „Reetdach-Doppelhaushälften in Küstennähe“ für drei Millionen Euro feilbieten. Bewohnen werden sie ihr Renditeobjekt in Kampen oder Rantum dann nur für vier, fünf Wochen im Jahr. Insulaner und Saisonkräfte aber müssen sich angesichts dramatisch steigender Immobilienpreise mit Wuchermieten von bis zu 700 Euro für weniger als 20 Quadratmeter arrangieren. Inklusive Gemeinschaftsdusche auf dem Flur. Inzwischen können sich viele alteingesessene Sylter ihre Heimat schlicht nicht mehr leisten.

Immer mehr Menschen stehen vor der Frage, ob sie sich arrangieren oder die Insel verlassen sollen. Viele ziehen weg, inzwischen pendelt ein Fünftel der Sylter täglich. Andere leben ganzjährig im Wohnwagen oder schlagen sich auf der Straße durch. Ein Gutachten hat ergeben, dass 2850 Wohnungen auf Sylt fehlen. Diese könnten der Schlüssel sein, um dem Ausverkauf der ganzen Insel Einhalt zu gebieten. „Lever duad as Slav“ (Lieber tot als Sklave) heißt der Wahlspruch der Nordfriesen. Auf Sylt ist er in vielen Vorgärten auf den Flaggen zu lesen. Doch ist es nicht längst zu spät?

„Wettlauf mit der Zeit“

Die Bürgermeisterin der Großgemeinde Sylt heißt seit 1991 Petra Reiber. Die 55-Jährige erzählt vom insularen Entwicklungskonzept „GRIPS“ und von der Suche nach Bauflächen. Sportplätzen, Friedhofsrandflächen, Wiesen. In Gemeindebesitz müssen sie sein, damit die Kommune Bauherr und Verwalter zugleich sein kann. „Nur so können wir Wohnraum für Sylter schaffen“, sagt sie. Privater Grund und Boden interessiert sie nicht. Zu teuer, immer die gleiche Geschichte. Die Geschichte von Luxuswohnungen und Ferienapartments, von Profit und Wucherpreisen. Petra Reiber spricht von einem „Wettlauf mit der Zeit“ und davon, dass sie nicht wisse, ob dieses Rennen überhaupt zu gewinnen sei.

Ständig sieht die Bürgermeisterin Angestellte aufs Festland pendeln. „Irgendwann suchen die sich dann dort einen neuen Job. Uns laufen die Menschen für Krankenhaus, Feuerwehr, Sportvereine und Einzelhandel weg. Wir bluten aus.“ Die Suche nach Bauland ist zäh. Obwohl die Landesregierung Sylt jetzt 20 Millionen Euro für den Wohnungsbau zur Verfügung stellt, fehlt jungen Familien auf der Insel die Perspektive. Heiraten, Kinderkriegen, ein Häuschen kaufen: Auf Sylt ist daran nicht zu denken.

Ein Beispiel dafür ist Morsum. Vor fünf Jahren gab es noch acht Grundschulen auf Sylt. Heute sind es vier, bald werden wohl noch zwei weitere geschlossen. Das „Primarhaus Morsum“ ist eine Außenstelle der Grundschule am Nordkamp in Westerland. Krippe, Kita, Grundschule, Nachmittagsbetreuung, individuelle Lernschwerpunkte – alles unter einem Dach. Doch der Standort mit nur noch 38 Grundschülern kämpft ums Überleben. „Es ist fünf nach zwölf“, sagt Sandra Litzkow, Elternvertreterin im Kindergarten. „Die Gemeinde hat jahrelang gepennt, aber wir werden für unsere Schule kämpfen“, sagt Michael Nissen, Elternvertreter und Ortsbeiratsvorsitzender. In Morsum sei die Welt noch halbwegs in Ordnung, das Dorfleben intakt, sagen hier viele. Von Sylter Gemeinschaftsbewusstsein jedoch ist auch hier keine Spur. Auf die Frage, ob es denn nicht schade sei, dass sich nun offenbar die Grundschulen untereinander aufs Heftigste Konkurrenz machen, sagt Elternvertreterin Daniela Jopp: „Jeder ist sich eben selbst am nächsten.“

35.000 € pro Quadratmeter

Das ist in Kampen nicht anders, im Hobokenweg, wo ein Quadratmeter Grundstück 35.000 Euro kostet. So richtig fest wohnt auch hier keiner der Mehr-als-genug-Verdiener. Und viele Einheimische spielen den Ausverkauf mit. Wer erbt, verkauft. Weil Millionen locken oder weil Erben sich nicht einigen können.

Rantum, Kampen – alles mutet an wie eine geisterhafte Filmkulisse. „Im Winter wird es immer ruhiger, im Sommer immer verrückter“, sagt Andreas Hübsch, Filialleiter eines großen Lebensmitteldiscounters. Er selbst steigt morgens um 4.58 Uhr in Husum in den Zug, oft ist er vor 23 Uhr nicht wieder zu Hause. „Mir macht es Spaß, hier zu arbeiten“, sagt er. Allerdings gleichen ganze Ortschaften im Winter eher Geisterstädten: Bewegungsmelder und Zeitschaltuhren in den Häusern gaukeln Leben vor – doch in den dunklen Monaten wohnt hier niemand. Die Reichen sind nicht da, und die Alteingesessenen können sich Dauerwohnraum hier schon längst nicht mehr leisten. „Die Insel hat mich ernährt, aber jetzt ist Schluss!“, sagt Taxifahrer Robert Lehmann, seit 1973 Insulaner. Sylt werde ausverkauft, die Einheimischen seien längst zu „Geldsklaven“ geworden: „Die Atmosphäre ist tot, die Identität verloren, ich gehe jetzt nach Amrum“, sagt Lehmann. Er klingt traurig.

Vergleichsweise gut gelaunt wirkt Reinhold Riel. Würde man den 66-Jährigen einen „Immobilien-Paten“ nennen, er würde sich wohl geschmeichelt fühlen. Seine Familie besitzt mehr als 50 Wohnungen auf Sylt, sein Büro vermietet und verkauft alles – vom Miniapartment bis zur Luxusvilla. Riel macht keinen Hehl aus seinem Reichtum: „Ich habe viel Geld, eine große Jacht, einen Jaguar, ein großes Haus in Tinnum“, sagt er.

Daran, dass sich viele Einheimische ihre eigene Insel nicht mehr leisten können, will er nicht schuld sein: „Ich würde gern mehr Dauerwohnraum bauen“, versichert er. „Die Gemeinde lässt mich nicht.“ Während die Bürgermeisterin bei privaten Investitionen allseits Profitgier fürchtet, beteuert Riel sein „Sylter Gewissen“. „Mit Dauerwohnraum verdiene ich nicht so viel, aber das ist mir egal, weil ich es nicht brauche. Ich will etwas zurückgeben.“ In solchen Momenten wirkt Riel wie jemand, der eine heile Welt will und sich diese auch etwas kosten ließe.

Den Bedarf an 2850 Wohnungen allerdings hält er für übertrieben, er sehe andere Stellschrauben. So sei es vorgeschrieben, bei Neubauten auch 70 Quadratmeter Dauerwohnraum zu schaffen. „Aber wer kontrolliert das?“, fragt er. Vermeintlicher Dauerwohnraum werde oft von Zweitwohnungsbesitzern auf dem Papier mit der eigenen Oma belegt. Dafür bekäme man dann auch das begehrte NF-Autokennzeichen samt Ermäßigung beim Autozug – und „echten Sylter“ gehe der Wohnraum verloren. Auch beim sozialen Wohnraum fordert Riel Kontrollen von Wohnungen, in denen womöglich längst keine „Bedürftigen“ mehr wohnen würden.

Riel spart nicht mit Kritik an den Insulanern: „Die Sylter sind permanent unzufrieden. Wie viele Leute pendeln aus dem Umland nach Hamburg? Das ist ganz normal. Hier ist das immer gleich eine Katastrophe. Dann sollen sie doch die Insel verlassen.“

von Tamo Schwarz

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