Die Postboten von Kabul

Wo die Straßen keine Namen haben

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Foto: Briefträger Schah Mohammad (r.) übergibt in Kabul ein Schreiben und möchte dafür eine Empfangsbestätigung.

Kabul - Straßen in Kabul haben oft keine Namen, Häuser keine Nummern. Selbst ohne Adressen bekommen die Afghanen aber ihre Post - auch wenn ein Brief dann schon einmal zwei Jahre lang unterwegs sein mag.

Wer die Bewohner der afghanischen Hauptstadt Kabul nach ihrer Adresse fragt, bekommt oft Antworten wie diese: An der Hochzeitshalle in Schar-e-Nau Richtung Madina Basar, die erste links, dann nach 100 Metern das erste Haus rechts mit einem rostigen Tor. Auch 13 Jahre nach dem Sturz des Steinzeitregimes der Taliban haben die meisten Straßen in Kabul keine Namen und die Häuser keine Nummern. Dass viele Menschen keine Adressen haben, macht Briefträgern wie Schah Mohammad das Leben schwer. Trotzdem: Die Post kommt an.

Kabuls Einwohnerzahl hat sich seit Ende 2001 auf etwa fünf Millionen verzehnfacht. Viele Neubauten sind ohne Genehmigung auf Ödland am Rande von Pisten oder Pfaden entstanden, von denen manche irgendwann zu namenlosen Straßen asphaltiert wurden, wenn die Anwohner Glück hatten. Falls es Hausnummern gibt, folgen sie nur manchmal der Logik auf- oder absteigender Zahlen. Oft wirken sie wie gewürfelt. Im Postamt Barikot im Süden derHauptstadt gehört Mohammad zu den drei Briefträgern, die die Post in den Kabuler Polizeidistrikten drei und sieben verteilen. In einer Vitrine liegen alte Briefmarken aus, eine davon wurde 1981 zum dritten Jahrestag der kommunistischen Revolution herausgegeben. Deutlich älter sind die hölzernen Postfächer in der Amtsstube, bei denen viele Schlösser kaputt sind.An der Wand lehnt ein Schild, das Kunden verspricht, dass die „Afghan Post“ nicht nur schnell, sondern auch sicher sei. Publikumsverkehr herrscht keiner. Der 55-jährige Amtsleiter Mohammad Faruk - Postler seit 36 Jahren - sagt: „Früher hatten wir mehr Kunden, die Briefe geschickt haben.“ Auch die Afghanen nutzten heute aber nun mal eher das Internet, um miteinander zu kommunizieren. Die meisten Briefe, die die Postboten zustellten, würden von Behörden geschickt.

Es geht auch ohne Adresse

Briefträger Mohammad schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der Häuser irgendeine Art von Adresse haben, mit denen er sie nach seinen 16 Dienstjahren finden kann. Es gehe aber auch ohne, sagt der 36-Jährige. Die Absender müssten unter den Empfänger-Namen eigentlich nur „Kabul, Afghanistan“, den jeweiligen Polizeidistrikt und - ganz wichtig - die Handynummer der Adressaten schreiben. „Wenn ich sie nicht finden kann, rufe ich sie an.“Dann lotsen ihn die Empfänger zu ihrem Haus, von denen keines einen Briefkasten hat. In der Stadt, in der permanente Angst vor Anschlägen herrscht, leben viele Menschen hinter hohen Mauern. Niemand käme auf die Idee, seinen Namen an die Türe zu schreiben: Anonymität bietet Schutz vor Angriffen. Mohammad muss an Metalltüren klopfen, bis jemand aufmacht. Briefe übergibt er immer persönlich, wenn er morgens und dann noch mal am frühen Nachmittag seine Runde dreht.

Nur ein oder zwei Sendungen am Tag schickt das Postamt zurück, weil der Empfänger partout nicht zu ermitteln gewesen ist. Gut 50 Schreiben hat Mohammad an diesem Nachmittag in seine schwarze Umhängetasche gepackt. Der Beutel mit dem Werbeaufdruck einer japanischen Technologiefirma stammt aus Privatbeständen. Zu seinem Leidwesen hat Mohammad auch keine Uniform, er trägt eine abgewetzte Cargo-Cordhose und eine beige Jacke, die vor der Winterkälte schützen soll. Die Handyanrufe, mit denen er Empfänger der Briefe zu orten versucht, zahlt er privat. Das Fahrrad, mit dem Mohammad auch bei Schnee oder Hitze seine Route abfährt, gehört ihm selbst. 6000 Afghani Gehalt bekommt der Vater von sechs minderjährigen Töchtern im Monat - umgerechnet etwas mehr als 80 Euro. „Ich mag die Arbeit, aber nicht die Bezahlung“, sagt er. Mohammad ist schon so lange im Job, dass er die Adressaten oft auch ohne konkrete Adresse kennt. Für manche Empfänger haben die Briefträger eine Art internen Code, etwa für das „Haus 24“. Dort gibt Mohammad seine zweite Lieferung des Nachmittags ab. An der fünf Meter hohen Mauer, hinter der das Gebäude unsichtbar bleibt, steht zwar keine 24, aber irgendwer hat dort die Nummern 23 und 27 hingepinselt, immerhin ein Näherungswert. Die Straße hat keinen Namen. Im „Haus 24“, meint Mohammad, residiere eine Hilfsorganisation. Adressat des Schreibens ist ein pharmazeutisches Unternehmen. Vor der roten Metalltür stehen rauchende Männer mit Funkgeräten und Sonnenbrillen, die nicht fotografiert werden wollen - und die weder nach Hilfsorganisation noch nach Pharmafirma aussehen.Mohammad ist das einerlei. Er schüttelt die Hände der Männer, übergibt ihnen das Schreiben und zieht weiter, vorbei an einer Schafsherde, die sich an einem Müllhaufen labt. 30 Kilometer lege er täglich auf seinem Fahrrad zurück, schätzt der Briefträger. Risikofrei sei das auf Kabuls Straßen mit den vielen Anschlägen nicht. „Unser Leben ist gefährlich“, sagt er.

Der Job kann tödlich sein

Dass der Job tödlich sein kann, kann der Chef der afghanischen Post bestätigen. Im vergangenen Monat seien zwei seiner Mitarbeiter bei einem Taliban-Anschlag ums Leben gekommen, sagt Post-Direktor Ahmad Wahid. Er vermutet allerdings, dass das auf ein Missverständnis zurückzuführen gewesen sein könnte: Möglicherweise hätten die Taliban gedacht, dass es sich bei dem unmarkierten Postauto auf dem Weg von Ostafghanistan nach Kabul um ein Bank-Fahrzeug gehandelt habe. Wahid schwört auf die Zuverlässigkeit seiner Post. Selbst in Gebieten, die die Taliban kontrollierten, würden Schreiben zugestellt, versichert er - wenn auch durch private Vertragsarbeiter, denn Mitarbeiter der Regierung werden von den Extremisten mit dem Tod bedroht. Wahid treibt außerdem um, dass seine Behörde immer noch dem Kommunikationsministerium unterstellt ist, das nach seinen Worten den Großteil der Post-Einnahmen verschlingt.Wahid würde die Post gerne aus der staatlichen Kontrolle herausführen - und dann auch für sie werben. „Wir haben kein Geld für Marketing“, beklagt er. Deshalb wisse kaum jemand, dass ein Brief ins Ausland nur 30 Afghani - etwa 40 Euro-Cent - koste. Bei den internationalen Kurierdiensten fielen dafür umgerechnet rund 65 Euro an, sagt Wahid.

Wie lange ein Brief von Kabul beispielsweise nach Berlin mit der afghanischen Post benötigen würde? „Ich verspreche, dass er innerhalb von drei Tagen ankommt“, sagt Wahid. Vor etwa zwei Jahren habe die afghanische Post für den internationalen Briefverkehr einen Vertrag mit der Türkei abgeschlossen. Davor allerdings sei die Post über Pakistan geschickt worden - was problematisch gewesen sei. Ziemlich genau zwei Jahre lang ist der Brief unterwegs gewesen, den Graeme Smith in Kabul von seiner Zentrale aus Brüssel kürzlich über die afghanische Post bekommen hat. Smith arbeitet für die International Crisis Group (ICG), als Analyst beschäftigt er sich vor allem mit dem Krieg in Afghanistan, weniger mit dem Briefverkehr. „Manche sagen, dass die Post recht schnell ankommt“, sagt Smith. „Ich denke, dass dieser Brief verloren gegangen ist.“Ein alter Postbote auf einem Fahrrad habe das Schreiben schließlich übergeben, nachdem er sich versichert habe, dass er in Smith den richtigen Adressaten gefunden habe. „Man muss ziemlich mutig dafür sein, auf einem Fahrrad durch Kabul zu fahren und an Türen zu klopfen, um zu fragen, wer dort wohnt“, sagt Smith. Niemand in der kriegsgeplagten afghanischen Hauptstadt gebe solche Informationen freiwillig preis. „Aber der Briefträger findet Dich.“

dpa

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