Folgen des Salzabbaus

Straßen in Lüneburg fallen ein

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Foto: Es geht bergab: Vor dem „Tor zur Unterwelt“ wellt sich der Asphalt.

Lüneburg - In Lüneburg senken sich wegen des jahrhundertelangen Salzabbaus die Straßen – und gefährden nun Gebäude und Kanalisation.

Die Straße hat eine Delle. Eine, die gerade noch nicht da war. Jüngst fuhren noch Räder und Autos über ihren Asphalt, und am Rand standen Häuser. Nun sind die beiden Mehrfamilienhäuser abgerissen, die Straße ist gesperrt. Um satte 17 Zentimeter ist die Erde an der Frommestraße in Lüneburg allein im vergangenen Jahr abgesackt. Stein, Zement und Asphalt machen solche vergleichsweise rapiden Bewegungen nicht mit: Die Gebäude waren längst einsturzgefährdet, nun sind auch die Abwasserkanäle in Gefahr.

„Alte Salzstadt“ nennen Gästeführer die 1058 Jahre alte Hansestadt Lüneburg gern, wenn sie Touristen die schmucken Treppengiebel und roten Backsteinfassaden der alten Patrizierhäuser zeigen. Mehr als 1000 Jahre lang pumpten die Lüneburger Sole aus dem Untergrund, verkochten sie zu Salz und verkauften das einstmals einzige Konservierungsmittel nach ganz Nordeuropa. Der Salzstock im Boden hat die Stadt reich gemacht, doch noch heute zahlt sie den Preis dafür. Im romantischen Fall mit krummen Holzbalken, im dramatischen Fall mit abgerissenen Häusern.

Auf dem Grundstück an der Frommestraße, das nur ein paar Schritte hinter Rathaus und Marktplatz liegt, ist inzwischen Ruhe eingekehrt. Bagger und Kräne sucht man hier vergebens. Eine Baugenehmigung für irgendeine Art von Neubau, sei es auch nur ein Parkplatz, wird es wegen des unruhigen Untergrunds so bald nicht geben. „Es gibt derzeit keine Pläne, der Status quo wird erhalten“, sagt Stadtsprecherin Suzanne Moenck. „Hier passiert erst einmal nichts.“ So wird die Fläche Denkmal und Freilichtmuseum zugleich, ein neuer Zeuge der langen Stadtgeschichte.

Die Stadtverwaltung hat den hohen Bauzaun durch freundliches Grün ersetzt, dahinter stehen Verkehrsschilder: Durchfahrt verboten. Vom kleinen Park gegenüber führt ein neu angelegter Sandweg zu einem Schaukasten mit Blick auf die Brache. Noch herrscht schwarzes Nichts hinter dem Glas, die Verwaltung arbeitet an Informationsplakaten.

Holzlatten halten den rechten Pfosten einer 1898 gebauten Gartenpforte. Die Lüneburger nennen sie „Tor zu Unterwelt“, weil sich ihre Flügel komplett voreinander geschoben haben, nachdem der Untergrund hier nach und nach mehr als zwei Meter abgesackt war. Schon Anfang der dreißiger Jahre hatte die Stadt das Haus hinter dem schiefen Gartentor auf dem Grundstück abreißen lassen.

Heute wuchern hier Gräser und Löwenzahn über einem Hügel aus Schutt. Er muss dort bleiben, um die Auflast zu gewährleisten: Indirekt halten die Überreste des abgerissenen Hauses das nebenstehende Gebäude. Dort sind die Senkungen nicht ganz so schlimm, dort hat noch kein Gutachten Gefahr für die Bewohner diagnostiziert.

Zwischen Asphalt und Bürgersteig sind vier Handbreit Platz, so tief ist die Straße abgesackt. Die Decke wellt sich, überschlägt sich, reißt auf. Was an der Erdoberfläche so sichtbare Zeichen hinterlässt wie an keiner anderen Stelle der Stadt, wirkt auch im Untergrund. Dort, wo Lüneburgs Kanalisation liegt.

Das Rohr unter der Frommestraße ist seit Jahren stillgelegt und mit Beton verfüllt, weil das Wasser schon damals nicht mehr abfloss. Die Hausanschlüsse sind mit der Leitung unterm Park verbunden. Doch wie lange das 90-Zentimeter-Rohr die Unruhe um sich herum noch aushält, ist ungewiss. Damit die Entsorgungssicherheit erhalten bleibt, kontrollieren Ingenieure die Kanäle zweimal im Jahr mit Kameras.

Die Salzstadt

Lüneburg liegt über einem unterirdischen Salzstock, der einen Hut aus Gips trägt. Wenn sich Gips oder Salz des unterirdischen Berges mit Wasser mischen, lösen sie sich, und das Erdreich darüber sackt ab. An der Straße Ochtmisser Kirchsteig hat sich der Boden in der Vergangenheit um bis zu 35 Zentimeter im Jahr gesenkt, in einzelnen Häusern sichern Eisenstangen in den Zimmern die Statik. Während sich dort der Boden offensichtlich beruhigt hat, liegt das Zentrum der Senkungen seit fünf Jahren in der Frommestraße. Dabei war die Stadt vor sechs Jahren noch davon ausgegangen, der Boden sei hier tragfähig, weil er seit 1946 nur minimal abgesackt war. Derzeit senkt er sich um mehr als einen Zentimeter pro Monat. Warum, ist unklar.

Von Carolin George

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