Konskumkritische Stadtrundgänge

Studenten prangern Textilindustrie an

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Foto: Soviel Wasser wird bei der Herstellung einer Jeanshose benötigt.

Braunschweig - Viele Textilarbeiter in asiatischen Staaten haben es sehr schwer. Einige Braunschweiger Studenten organisieren deshalb konsumkritische Stadtrundgänge, in denen sie auf Missstände aufmerksam machen. Die deutsche Textilbranche sieht dagegen andere Akteure in der Pflicht.

Wer denkt beim Shoppen an ausgebeutete Textilarbeiter in Bangladesch, an magere Löhne und Kinderarbeit? Ist die Mode wichtiger als das Gewissen? Sicher nicht. Es gibt Initiativen, die zum Nachdenken über die Herkunft der begehrten Artikel anregen wollen. In 40 deutschen Städten werden konsumkritische Stadtrundgänge angeboten, wie Janna Aljets vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sagt.

Nehmen wir die Jeans: Die Weltkarte der Jeans-Produktion ist beeindruckend und bedrückend zugleich, in vielen Ländern werden Jeans hergestellt, die Materialien werden um die halbe Erde transportiert. „In vielen dieser Länder gibt es durch die Jeans-Produktion ökologische und soziale Missstände“, sagt Elektrotechnikstudent Stefan Czybik, der mit anderen Studenten in Braunschweig vor allem für Schulklassen konsumkritische Stadtrundgänge organisiert.

Inwiefern hängt das persönliche Einkaufs- und Konsumverhalten mit Missständen im Ausland zusammen? Darüber will man informieren. Klar ist: Viele Menschen dürften mit dem elenden Schicksal von Textilarbeitern kaum einverstanden sein - aber die Produkte kaufen sie trotzdem. Obwohl sie nicht müssten: Es gebe Fair-Trade-Läden, sagt Hartmut Spiesecke, Sprecher des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie. „Der Verbraucher hat die Wahl.“

Wege, an ökologisch und fair produzierte Waren heranzukommen, gibt es also. Überhaupt seien die Bedingungen in der Textilindustrie nicht besser oder schlechter als in anderen Branchen. „Der pauschale Vorwurf, es seien alles schlimme Produktionsbedingungen, der ist so populär wie falsch“, betont Spiesecke. Selbst in Staaten wie Bangladesch gebe es eine große Bandbreite an Produktionsbedingungen - und deutsche Unternehmen hätten dort in der Regel keine eigenen Fabriken. Der Einfluss auf die Löhne in bengalischen Fabriken sei begrenzt, betont er. „Das muss man nicht gut finden, aber man muss anfangen, es zu verstehen.“

Pestizideinsatz auf Baumwollplantagen in Indien

Sollten deutsche Textil- und Modeunternehmen die Produktion in solchen Staaten aufgeben? Die Forderung habe er nie gehört, sagt Spiesecke. Warum nicht? Weil dies eine sofortige humanitäre Katastrophe auslösen würde, sagt er mit Blick auf die Arbeitsplätze. Die Vorstellung, überall könnten die Produktionsbedingungen wie in Deutschland sein, sei nicht realistisch.Wie diese Produktionsbedingungen oft aussehen, schildert Czybik: Massiver Pestizideinsatz auf Baumwollplantagen in Indien oder Kasachstan, verseuchte Flüsse wegen der Gifte aus Färbereien in China, Hungerlöhne und schlechte Arbeitsbedingungen in den Nähereien in Bangladesch - und immer wieder Kinderarbeit. Ein katastrophaler Fall: Im April 2013 war in Bangladesch eine Textilfabrik wegen baulicher Mängel eingestürzt, mehr als 1100 Arbeiter starben.

Wie man Abhilfe schaffen kann, erklärt Hannah Jucknischke, Mitglied der Braunschweiger Gruppe: „Wir wollen globale Zusammenhänge bewusst machen, aber nicht nur kritisieren, sondern auch Alternativen für einen nachhaltigen Konsum aufzeigen.“ Dabei geht es etwa um den Wasserverbrauch. Jeder Mensch trage gewissermaßen 20000 Liter Wasser an sich - soviel sei nötig, um die Kleidung herzustellen, die ein Mensch durchschnittlich gerade trägt.

Resonanz aus der Industrie ist mager

Um Mindeststandards durchzusetzen, gründet Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) Mitte Oktober ein Bündnis gegen die Ausbeutung von Textilarbeitern im Ausland. Wer nicht bereit sei, einen Euro mehr für eine Jeans zu bezahlen, trage Mitschuld am Schicksal der Arbeiter. Die Resonanz aus der Industrie: eher mager. Auch der Textilverband könne nicht Partner des Bündnisses sein, sagt Spiesecke. Zwar sei der Versuch, die Akteure zusammenzubringen, zukunftsorientiert. Aber es sei staatliche Aufgabe, für Recht und Gesetz zu sorgen - und dafür, dass etwa Gewerkschaften zulässig seien. Und doch bewegt sich etwas, meint Aljets: Projekte wie in Braunschweig zeigten, „dass es viele junge Menschen gibt, die einen endlosen Konsum auf Kosten von Mensch und Umwelt nicht tragen möchten“.

dpa

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