Wunsch nach G9

Studie: Studenten sind gegen Turboabitur

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Schlecht vorbereitet aufs Lernen im Hörsaal: In einer neuen Studie der Göttinger Universität fordert die Mehrheit das verlängerte Abitur nach 13 Jahren. dapd

Göttingen - Viele wünschen sich das Abitur nach 13 Jahren zurück. In einer empirischen Studie der Universität Göttingen kommen jetzt erstmals betroffene Schüler selbst zu Wort. Ihre einhellige Meinung: Mit G 9 lernt man besser und nachhaltiger.

Die Gymnasien wollen es wieder zurück, die Gesamtschulen wollen es behalten - der Ruf nach dem verlängerten Abitur (G9) wird immer lauter. Dazu passt eine neue Studie der Universität Göttingen, in der erstmals Betroffene selbst befragt worden sind und die der HAZ vorliegt. Danach wünschen sich mehr als 72 Prozent der knapp 700 befragten Erstsemester das Abitur nach 13 Jahren zurück. Als Hauptgründe dafür nannten sie stressfreieres Lernen (knapp 60 Prozent), mehr Freizeit (45) und mehr Zeit an der Schule (35,7). An der Untersuchung nahmen Studenten aller Fakultäten teil. Nach Angaben von Peter Brammer, Lehrbeauftragter am pädagogischen Seminar der Universität Göttingen, ist dies die erste empirische deutsche Studie, bei der ehemalige Schüler zur Verkürzung der Schulzeit befragt wurden.

Fast jeder Dritte der Göttinger Studienanfänger fühlt sich durch das verkürzte Abitur (G8) überfordert. Der frühere Einstieg ins Berufsleben, von vielen G8-Befürwortern als großer Vorteil ins Feld geführt, ist nur für 13,6 Prozent der befragten Studenten ein gutes Argument. Nach Meinung der meisten ist auch die 11. Klasse bei G9 keineswegs ein überflüssiges Schuljahr, wie es von Verfechtern des Turboabiturs dargestellt wird.

Der Löwenanteil der Befragten (85 Prozent) haben an einem allgemeinbildenden Gymnasium ihre Hochschulreife erworben, 7,3 Prozent an einem Fachgymnasium und 4,5 Prozent an einer Gesamtschule. Knapp 53 Prozent haben nach 13 Jahren Abitur gemacht, 47 Prozent nach zwölf Jahren. 31 bis 35 Stunden Unterricht in der Woche waren für 60 Prozent die Regel. Für ein Fünftel kamen noch einmal sieben bis neun Stunden Hausaufgaben und Lernen zu Hause hinzu. Fördermöglichkeiten nahmen drei Viertel überhaupt nicht in Anspruch. Unter Druck gesetzt fühlten sich die meisten durch Zensuren, die eigenen Ansprüche und das Lernpensum, aber auch durch die Lehrer, aber nicht durch ihre Eltern. In den Jahrgängen 5 bis 10 blieben immerhin noch 35 Prozent der Studienteilnehmer drei bis sechs Stunden Zeit in der Woche für Sporttraining oder Musikunterricht. In der Oberstufe hatten nur noch knapp 27 Prozent der Befragten so viel Zeit für Freizeitaktivitäten. Auf das Abitur fühlten sich die meisten gut vorbereitet, auf die Universität nicht. Knapp die Hälfte findet, dass sie am Gymnasium zu wenig fürs Studium gelernt haben. Ein neues G9 würde da wesentlich mehr Spielraum bieten, meint Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes.

Nach Ansicht Brammers wird der Druck am Gymnasium durch das Zentralabitur noch verstärkt. Er verweist auf Studien, wonach die landesweit zentrale Abschlussprüfung Schüler und Lehrer in den Gleichschritt zwingt. Für Experimente und Kreativität bleibe weder Zeit noch Raum. Der Fokus liege auf Deutsch, Mathematik, Englisch sowie einer Natur- und einer Gesellschaftswissenschaft. Kunst, Sport und Musik hätten das Nachsehen: „Zentralisierung bedeutet Orientierung am Mittelmaß.“

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