Überpopulation in der Nordsee

Die Stunde der Seehunde

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Foto: Nett anzuschauen, aber nicht immer gerne gesehen: Eine Seehundgruppe im Wattenmeer vor Norderney.

Norderney - Der Bestand der possierlichen Tiere in der Nordsee ist stark gewachsen. Längst konkurrieren sie mit den Kutterfischern um Seezungen und Schollen. Nun fordern die Fischer, die Seehundstationen zu schließen.

Im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer werden nach Angaben der Kutterfischer kaum noch Plattfische gefangen. Bis vor wenigen Jahren noch seien tonnenweise Seezungen und Schollen aus dem küstennahen Wasser in den Kutterhäfen zwischen Greetsiel und Cuxhaven angelandet worden. Der Landesfischereiverband Weser-Ems macht die explosionsartige Vermehrung der Seehunde dafür verantwortlich. Die bis 150 Kilogramm schweren Tiere ernähren sich von Fischen wie Dorsch, Stint, Seezunge und Scholle. Der Seehundbestand vor der niedersächsischen Küste hat sich seit 2004 von 4000 auf mehr als 8000 Tiere im Jahr 2013 verdoppelt. Seit 1980, als nur 1298 Tiere gezählt wurden, steigt das Vorkommen an Seehunden in dem zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Wattenmeer kontinuierlich.

Kapitän Dirk Sander aus Dornumersiel (Ostfriesland) ist ein erfahrener Kutterfischer. Er ist zudem Präsident des Landesfischereiverbandes Weser-Ems und Geschäftsführer einer Erzeugergemeinschaft, für die 100 Kutter an der niedersächsischen Nordseeküste auf Fangfahrt gehen. „Es gibt zu viele Seehunde im Wattenmeer“, sagt Dirk Sander. Die Tiere hätten in den vergangenen Jahren das Wattenmeer leer gefischt: „Ein Seehund frisst pro Tag etwa fünf Kilogramm Fisch. Bei mehr als 8000 Seehunden vor der niedersächsischen Küste kommt da eine stolze Menge zusammen.“

Die große Population der Seehunde wirke sich auf das biologische Gleichgewicht im Wattenmeer aus. Weil Schollen und Seezungen den Tisch für die Seehunde deckten, sei den Krabben mit den Plattfischen ein natürlicher Feind abhandengekommen. Einerseits freut das die Fischer, die nun vorwiegend Krabben fangen, die ihre Erzeugergemeinschaft derzeit zum Kilopreis von 5 Euro bei den Großhändlern absetzt. Andererseits müssen sie auf die begehrten Plattfische verzichten. Die würden nur noch weit draußen in der Nordsee gefangen, 80 Seemeilen vor der Küste. Sander: „Bis vor wenigen Jahren fingen wir im Wattenmeer Krabben oder Plattfische. Da war sehr viel Flexibilität für uns drin. Wir dürfen mit unseren kleinen Kuttern jedoch nur bis 35 Seemeilen weit hinaus fahren. Da sind aber keine Fische.“

Weil die Zahl der Seehunde weiter zunimmt und das Nahrungsangebot an Fischen sinkt, rechnet Sander mit mehr unterernährten Tieren im Wattenmeer: „Die Seehund-Mütter lassen ihre Jungen schon mal zwei bis drei Tage alleine zurück, um bis zu 70 oder 80 Seemeilen vor der Küste zu fischen. Sonst wäre ihre Milch nicht nahrhaft genug, um die Jungen ausreichend säugen zu können.“ Immer öfter würden Jungtiere in der Seehundstation in Norddeich landen, wo sie aufgepäppelt und später in der Nordsee ausgesetzt werden. Sander schlägt deshalb vor, die Heuler ihrem Schicksal zu überlassen. Der Kapitän: „Wir sollten sie nicht mehr aufziehen.“ Sonst drohe möglicherweise eine neue Seuche unter den Seehunden. 1988 und 2002 hatte ein Staupevirus jeweils die Hälfte des Seehundbestandes vor der deutschen Nordseeküste hinweggerafft.

Peter Lienau ist Leiter der Seehundstation in Norddeich. Er widerspricht Dirk Sander. Lienau: „Seehunde fressen nur drei Prozent der Menge an Fischen, die die Fischer der Nordsee entnehmen. Da ist der Beifang nicht eingerechnet.“ Aufgepäppelt würden in der Seehundstation in Norddeich in diesem Jahr 130 Seehunde. 41 hätten eingeschläfert werden müssen, da sie nicht überlebensfähig gewesen seien. Lienau: „Wir nehmen ausschließlich Tiere auf, die von Menschen gestört und damit zu Heulern gemacht werden. Wir entnehmen keine Tiere aus der Wildbahn.“ Ende Juli sollen die ersten der in diesem Jahr aufgepäppelten Seehunde wieder in die Nordsee ausgewildert werden.

Auch das Landwirtschaftsministerium in Hannover widerspricht Kapitän Sander. Sprecherin Susanne Reimann: „Der Schollenbestand in der Nordsee hat zurzeit einen historischen Höchststand erreicht. Insofern kann nicht die Rede davon sein, dass die Seehunde die Fischbestände reduzieren oder gar bedrohen.“ Es träfe zwar zu, dass sich die Plattfische aus den küstennahen Gebieten auf den Bereich von 70 Seemeilen vor der Küste zurückgezogen hätten und es für die Kutterfischer schwierig geworden sei, Plattfische zu fangen. Die Fischer hätten jedoch in der Vergangenheit flexibel reagiert und sich auf die Krabbenfischerei konzentriert.

Monitoring

Zählung aus der Luft: Im vergangenen Juni hat das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) wieder mit den Zählflügen über dem Wattenmeer begonnen. Diese Zählung der Seehund­bestände findet jährlich statt und ist Bestandteil des Seehundmonitorings, auf das sich in einer trilateralen Kooperation die Wattenmeeranrainerstaaten Niederlande, Deutschland und Dänemark geeinigt haben. Jährlich finden an drei Terminen 15 Flüge statt, der letzte in diesem Jahr am 18. August. Der Landesfischereiverband Weser-Ems geht davon aus, dass die Zahl der Seehunde auch in diesem Jahr weiter deutlich steigt. Die Population wird vor der deutschen Nordseeküste zwischen Borkum und Sylt auf insgesamt mehr als 30 000 Tiere geschätzt. Vor zehn Jahren waren es 14.000 Tiere. Die Zählflüge werden finanziert aus den Jagdabgabemitteln der niedersächsischen Jägerschaft.

Heinz-Josef Laing

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