Studie zu Geschlechterrollen

So tickt der Mann von heute

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Sieben Prozent der Männer haben das Gefühl, sich nicht mehr wie ein richtiger Mann verhalten zu dürfen.

Berlin - Während für viele Frauen die Emanzipation noch nicht erreicht ist, geht einem Teil der Männer in Deutschland die Gleichberechtigung inzwischen zu weit. Sie fühlen sich mittlerweile sogar stark verunsichert.

Viele Frauen gehen arbeiten, Männer wickeln Kinder und nehmen Elternzeit – was früher unüblich war, wird immer normaler. Auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern ist in der Republik viel erreicht. Doch wollen die Deutschen eine noch stärkere Entwicklung in diese Richtung? Nein, sagt eine Mehrheit der Männer: Mit der Gleichberechtigung reiche es, finden fast zwei Drittel (64 Prozent) laut einer am Montag veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts. 28 Prozent meinen sogar, dass die Angleichung der Geschlechter bereits übertrieben worden sei. Sieben Prozent der Männer haben manchmal das Gefühl, sich gar nicht mehr wie ein richtiger Mann verhalten zu können, weil dies das Umfeld angeblich nicht akzeptiert.

Viele Männer fühlten sich demnach verunsichert. Laut der Studie findet es jeder Dritte (35 Prozent) schwer, die an ihn gerichteten Rollenerwartungen zu erfüllen. Die Gleichberechtigung der Frau ist übrigens nach Auffassung von etwa zwei Dritteln (64 Prozent) erreicht. Viele Männer könnten eigentlich entspannter sein: Frauen wünschen sich gar nicht so viel von ihnen, wie sie denken - vor allem, was die klassische Ernährerolle angeht. So glauben zwar 71 Prozent der Männer, dass sie für den Unterhalt der Familie aufkommen sollten. Tatsächlich wünschen sich das aber nur 60 Prozent der Frauen. Die Mehrheit der Männer glaube zudem, dass sie familienorientierter sein und etwa mehr im Haushalt helfen sollten, sagte die Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher, bei der Präsentation der Studie. Aber auch hier seien die Erwartungen längst nicht so hoch wie gedacht.

Der Männerforscher Walter Hollstein rechnet dennoch damit, dass der „männliche Widerstand“ gegen die Gleichstellungspolitik noch weiter wachse, wenn diese geschlechterpolitisch so einseitig bleibe. Die Sprecherin des Deutschen Frauenrates, Ulrike Helwerth, hält es dagegen für „ernüchternd bis frustrierend, wie wenig Männer Verbesserungsbedarf für die Gleichberechtigung sehen“ und beklagt einen „Emanzipationsstau“. Nur 29 Prozent der Männer sehen in Sachen Gleichberechtigung noch Handlungsbedarf. Bei den Frauen meint dagegen jede Zweite, dass noch mehr getan werden müsse. Entsprechend häufiger fühlen sich Frauen gegenüber Männern benachteiligt. 83 Prozent berichteten von Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts. Bei den Männern waren es etwa halb so viele.

Die Studienergebnisse decken sich laut Hollstein mit anderen Befunden, etwa der Sinus-Studie der Bundesregierung von 2007 über die Einstellungen 20-jähriger Frauen und Männer. „Dort drückten die jungen Männer durchaus ihre Sympathie für die Gleichberechtigung und Gleichstellung aus, monierten aber, dass nichts für sie getan wird“, sagt der Soziologe mit Blick auf die Studie. Gleichstellung in der Bundesrepublik sei Frauenpolitik geblieben. Es gebe immer neue Fördermaßnahmen für Mädchen und Frauen, doch kaum etwas für Jungen und Männer, sagt Hollstein, der auch Gutachter des Europarates für Männerfragen ist. „Das weckt langsam Ärger und bei einer Minderheit eben auch - wie die Allensbach-Zahlen belegen - langsam Zorn“, sagt Hollstein. Dass trotzdem noch so viele Männer der Meinung seien, für die Gleichstellung der Frauen müsse mehr getan werden, findet der Forscher fast überraschend.

Ulrike Helwerth betont im Gegenzug, dass Frauen trotz gleicher Qualifizierung zum Teil immer noch weniger verdienten als Männer. Trotz des „großen Bildungszugewinns“ bei Frauen habe sich an der „geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung“ bis heute wenig geändert. Sie ist überzeugt, viele Männer fürchteten bloß, bei einer tatsächlichen Gleichberechtigung Privilegien zu verlieren.

Der Mann in Zahlen

„Hotel Mama“: Jeder dritte 25-Jährige wohnte 2012 noch bei den Eltern. Bei den gleichaltrigen Frauen war es nur jede Fünfte. Von den 30-jährigen Männern lebten noch 13 Prozent unterm elterlichen Dach. Verdienst: Männer hatten 2012 einen durchschnittlichen Bruttostundenlohn von 19,60 Euro - Frauen verdienten 15,21 Euro. Nachtarbeit: Nachtschichten betreffen häufiger Männer. Fast jeder achte muss mindestens die Hälfte eines Monats zwischen 23 und 6 Uhr arbeiten. Bei Frauen sind es nur halb so viele.Mode: Jeder vierte Mann achtet beim Kleiderkauf auf Status und Trend. Ebenso viele mögen es eher preisgünstig und bequem. 2011 gab ein Mann im Schnitt zwischen 252 und 312 Euro für Kleidung aus.

Unfälle: Dreimal so viele Männer wie Frauen sterben bei Autounfällen. Junge Männer zwischen 18 und 24 sind besonders gefährdet. Als Fußgänger hingegen verunglücken Frauen häufiger. Teilzeit: Zehn Prozent der Männer arbeiteten 2011 in Teilzeit - jeder vierte von denen unfreiwillig. Nur jeder elfte tat dies aus familiären Gründen. Von den Frauen arbeiteten 45 Prozent in Teilzeit. Rasur: Vier von zehn Männern rasieren sich ausschließlich nass, drei von zehn nur trocken. 5,6 Prozent rasieren sich gar nicht. Chefetage: 2001 waren 73 Prozent der Führungskräfte Männer. Neun Jahre später ist ihr Anteil um nur drei Prozentpunkte geschrumpft. Ruhm: Ehrgeizige Männer sind durchschnittlich 180,4 Zentimeter groß - die nicht so strebsamen hingegen kommen nur auf 1,77 Meter.Alter: Männer starben 2012 im Durchschnitt mit 74,2 Jahren. Frauen lebten mehr als sieben Jahre länger.

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