Porträt

Zum Tode von Landrat Rüdiger Butte

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Der Hamelner Landrat Rüdiger Butte ist am Vormittag erschossen worden.

Hameln - Rüdiger Butte war unter den 38 Landräten in Niedersachsen schon eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Er konnte offen auf Menschen zugehen, hat gradlinig seine Meinung vertreten und blieb auch dabei, wenn alle anderen ihm abgeraten hatten. Als Verwaltungschef hatte er seine Landkreisbehörde im Griff – aber er ließ sich von ihr nie steuern. Ein Porträt.

Oft wirkte Rüdiger Butte so gar nicht wie ein Verwaltungsbeamter. Braun gebrannt, leger gekleidet stand er manchmal inmitten von offiziellen Delegationen – freundlich lächelnd und zurückhaltend, aber dennoch bei Nachfragen nie um einen klugen Kommentar verlegen. Der Landrat Butte war mehr Politiker als Behördenmann. „Durchaus charismatisch“ sei er gewesen, sagt Stephan Walter, sein CDU-Gegenkandidat bei der Landratswahl 2011. Und er fügt hinzu: „Butte hat sein Amt mit Leidenschaft versehen, er konnte gut auf Menschen zugehen, zuhören und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie bei ihm an der richtigen Adresse sind.“

Am Freitagnachmittag macht sich in Niedersachsen Betroffenheit breit. Viele, die von der Ermordung des Landrats gehört haben, ringen um Fassung, können sich kaum äußern. „Ich bin geschockt“, sagt Gabriele Lösekrug-Möller, Hamelner SPD-Bundestagsabgeordnete und langjährige Weggefährtin. Es habe einen „herzensguten Menschen“ getroffen, sagt sie. Göttingens Landrat Bernhard Reuter hat ihn zuletzt vor zwei Tagen beim Sparkassentag in Dresden gesehen, und er erinnert sich noch, welches Projekt Butte in den letzten Wochen vor allem vorantreiben wollte – das verbesserte Angebot für den Tourismus im Weserbergland. Ein ausgebauter Radweg von Hannoversch Münden bis Bremerhaven, für die Idee kämpfte er.

Rüdiger Butte, der frühere Polizeibeamte und spätere Chef des Landeskriminalamtes und Landrat seit 2005, wirkte immer tatkräftig, optimistisch und zupackend. Ein freundlicher Mann, der gern Landrat war. 2011, mit 62, trat Butte erneut bei der Landratswahl an. Ob er denn bis 70 im Amt bleiben wolle, wurde er damals von Journalisten gefragt. „Meine Frau sagt, dass ich zur Zeit noch nicht zu 100 Prozent im häuslichen Bereich einsetzbar bin“, lautete seine scherzhaft gemeinte Antwort.

Einer wie er hat nie mit dem Amt gehadert, sich nie über zu viel Stress oder böse Kommentare von Kritikern beschwert. Er hat immer Einsatz gezeigt, leidenschaftlich. Nun wird er plötzlich aus dieser Aufgabe herausgerissen. Es trifft einen, der im Kreis des kommunalpolitischen Spitzenpersonals ein Vorbild sein konnte. Butte hat nie Furcht vor Problemen gezeigt. „Offen, gradlinig und durchsetzungsstark“ sei ihm der Landrat stets erschienen, sagt der frühere Innenminister Uwe Schünemann (CDU), der mit ihm gut bekannt war. Butte wohnte in Holzminden, Schünemanns Heimatkreis.

Als Schünemann Minister wurde, leitete Butte schon zwei Jahre lang das Landeskriminalamt. Für bestimmte Projekte setzte sich der Spitzenbeamte trotz interner Widerstände vehement ein, beispielsweise für den Aufbau eines neuen Systems, mit dem die Polizei anonyme Hinweise auf Korruption entgegennehmen kann. Als Direktor des LKA stand er oft in der Öffentlichkeit – für den Geschmack der Politiker vielleicht manchmal zu oft. 2005 verabschiedete sich Butte vom Polizeidienst und nahm das Angebot der Hamelner SPD an, als Landrat zu arbeiten. An seiner sozialdemokratischen Haltung ließ er nie einen Zweifel, das wurde beispielsweise immer dann deutlich, wenn es um den Schutz des Kernkraftwerkes Grohnde ging. Butte zweifelte, ob das Sicherheitskonzept für das AKW ausreichend sei – der damalige Innenminister Schünemann widersprach.

Doch der Streit der beiden Männer war nie verbissen und erinnerte mehr an eine sportliche Auseinandersetzung. Butte war es auch, der sich unermüdlich für eine Kreisreform einsetzte. Können bei stark rückläufiger Bevölkerungszahl drei Kreise im Weserbergland nebeneinander selbstständig bleiben – Hameln-Pyrmont, Holzminden und Schaumburg? Butte meinte nein, und er erntete damit bei seinen Landratskollegen nicht nur Zustimmung. Butte ging noch weiter, brachte die Möglichkeit ins Spiel, die eine oder andere Grundschule zu schließen. Viele Kommunalpolitiker hätten sich das nicht getraut, denn es ist ein Tabu-Thema.

Butte aber hat sich nie um Tabus geschert, er sprach die Dinge offen und direkt an. Wenn Zeitungen über interne Vorgänge und Überlegungen berichteten, haben manche seiner Politikerkollegen sich geärgert und geflucht. Ihnen war jede öffentliche Debatte über heikle Themen zuwider. Butte aber freute sich auf den Disput. Ein guter Demokrat genießt den Wettstreit der Meinungen, weil nur daraus Gutes erwachsen kann. Das war sein Mantra. Klare Worte waren sein Markenzeichen, keine verschwurbelten Formeln.

Auch in seinem direkten Verantwortungsbereich der Hamelner Kreispolitik gab es Umgestaltungen, die von ihm viel Kraft und Einsatz forderten, etwa die Privatisierung des Kreiskrankenhauses. Buttes Modell dafür war intern nicht unumstritten. Lange wurde gerungen. Aber er schaffte es, am Ende eine große Mehrheit des Kreistages dafür zu bekommen.

Butte hinterlässt eine Frau, zwei erwachsene Kinder und fünf Enkelkinder.

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