„Kann ich nicht erklären“

Tödlicher Führerscheinstreit vor Gericht

+
In Flensburg hat der Prozess gegen einen 57-Jährigen begonnen, der seine zuständige Führerschein-Sachbearbeiterin getötet haben soll.

Flensburg - Tödliche Stiche nach Führerscheinentzug: Auf diese Formel lässt sich der Tatvorwurf in einem Prozess bringen, der vor dem Landgericht Flensburg begann. Ein ehemaliger Kraftfahrer soll seine Sachbearbeiterin getötet habe - eine frühere Nachbarin.

18 Punkte in Flensburg - damit soll das Unheil seinen Lauf genommen haben. Das Verbrechen, um das es am Donnerstag vor dem Landgericht Flensburg geht, schockiert. Weil er nach einem Führerscheinentzug keine Chancen mehr auf eine Wiedererteilung hatte, soll ein 57-Jähriger seine zuständige Sachbearbeiterin in ihrem Haus in Lürschau bei Schleswig erstochen haben.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft klingt wie aus einem Thriller: Der 57-jährige Kraftfahrer soll Ende April im Morgengrauen zuerst bei der 37-Jährigen angerufen und dann in deren Straße gewartet haben, bis der Ehemann aus dem Haus war. Durch eine unverschlossene Tür sei er dann in die Küche gegangen, wo er die ahnungslose Frau gewürgt und mit sieben Stichen getötet habe.

Vor Gericht erscheint der ehemalige Kraftfahrer im Nadelstreifenanzug mit Krawatte. Seine erste Erklärung ist, dass er sich an einen Zeitraum von etwa zehn Tagen um die Tat an nichts erinnern könne. Sollte sich der Tatvorwurf aber bestätigen, täte es ihm sehr leid. Dann folgen vage Angaben, langes Schweigen, fast schon Blickduelle mit den Richtern.

„Nicht, dass ich wüsste“, „ich denke“, „dazu kann ich nichts sagen“ - mit diesen Antworten macht der 57-Jährige das Gericht zunehmend mürbe. Dem Vorsitzenden Richter Michael Lembke platzt schließlich der Kragen: „Sie machen’s uns nicht leicht. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Sie uns am Nasenring durch die Manege führen wollen.“

Der Angeklagte und das Opfer waren sich schon lange bekannt: Eine Zeitlang lebten sie sogar Tür an Tür in einem Doppelhaus, ohne aber viel Kontakt zu haben. Das Opfer war nicht nur die Sachbearbeiterin des 57-Jährigen, sondern zeigte ihn auch zweimal wegen Fahrens ohne Führerschein an. Resultat: Der Mann musste nach dem Einzug seiner Fahrerlaubnis zum sogenannten Idiotentest, den er nicht bestand. Das Opfer habe dem Mann „im Nacken“ gesessen, sagt ein anderer Richter.

Es bestand keine Chance mehr für den Kraftfahrer, wieder in seinem Beruf zu arbeiten. Angeblich hatte er deswegen schon Wochen vor der Tat Selbstmordabsichten, die er nach der Tat auch umzusetzen versuchte. In einer früheren Aussage habe er das Opfer verantwortlich gemacht: „Der Entzug der Fahrerlaubnis habe sein Leben beendet“, die 37-Jährige sei schuld, zitiert der Staatsanwalt. „Kann ich mich nicht zu äußern“, reagiert der 57-Jährige.

Während der Angeklagte kaum etwas sagt, reden die Zeugen. Ein Nachbar sah ihn am Morgen der Tat mit hohem Tempo in die Garage fahren und einige Tage zuvor ein falsches Kennzeichen am Auto anbringen. Eine Frau hörte ihn nach der Tat nachts in der Garage fluchen. Am Tattag soll der 57-Jährige ganz normal auf Zeugen gewirkt haben, gelassen und unaufgeregt - so wie vor Gericht.

dpa

Kommentare