Unwetter in Oklahoma

Tödlicher Tornado schockiert die USA

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Foto: Zahlreiche Menschen sind bei dem Tornado in Oklahoma ums Leben gekommen.

Moore - Ein verheerender Tornado schlägt eine Schneise der Zerstörung durch die Kleinstadt Moore in Oklahoma, USA – und tötet mindestens neun Jungen und Mädchen, die in ihrer Schule Schutz suchten.

Um zwei Uhr morgens hat Feuerwehrchef Randy Poindexter nur noch wenige Worte für seine Leute: „Weitergraben. Weitersuchen.“ Hundeführer Sean Satterlee flüstert seinem Golden Retriever wieder und wieder ins Ohr: „Find mir die Kleinen, find die Kinder für mich.“ Die Kleinen, die Kinder: Ihr Tod ist die alles in den Schatten stellende Tragödie inmitten der Zerstörung von Moore.

Alle wussten, dass der Tornado kommt. Und alle dachten, dass sie alles richtig machen. Es ist Tornado-Saison im Mittleren Westen der USA, wie jedes Jahr von April bis Juni. „Tornado Alley“ heißt der Landstrich rund um Oklahoma City, weil er am häufigsten von besonders zerstörerischen Wirbelstürmen heimgesucht wird. Man weiß hier, wie die Warnzeichen zu lesen sind – die pastellfarbenen Wolken, der fast grünliche Horizont –, man hört genau hin, wenn das Radio automatisch von Dudelmusik zur Unwetterwarnstation schaltet, man weiß, was im Fall des Falles zu tun ist. Man weiß nur nie, bis zum letzten Moment nicht, wo genau der Wirbel des Tornados auf den Boden treffen wird.

Deshalb muss man kurz entschlossen sein, wenn es soweit ist. 16 Minuten Vorwarnung haben die Behörden den Menschen in Moore, einer 55 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Oklahoma Citys, am Montag geben können. 16 Minuten, in denen die Lehrer der beiden nah beieinander gelegenen Grundschulen des Ortes beschlossen haben, die Kinder nicht nach Hause zu schicken, sondern sie bei sich zu behalten. Eine Flotte von windanfälligen gelben Schulbussen mit ein paar Hundert Kindern an Bord mitten in einem Wirbelsturm? Eine Horrorvorstellung.

Also bleiben alle in der Schule, hocken sich in fensterlosen Räumen unter Tische oder in Wandschränke, legen ihre Hände schützend über den Kopf. Das ist normaler Drill hier. Wenn sie zu Hause wären, würden sie im Sturmkeller sitzen, den manches Haus hat. Die Schule hat keinen.

Dann fällt der Sturm wie ein Monster über die Grundschüler von Moore her. 40 Minuten lang tobt er durch die kleine Stadt, mit einer Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometern schleudert er Häuser, Lastwagen, Pferde durch die Luft, hinterlässt einen 32 Kilometer langen und drei Kilometer breiten Korridor der Verwüstung. Mittendrin in diesem Korridor: die Plaza Tower Elementary School und die Briarwood Elementary School.

Die Plaza Tower Elementary wird zur Todesfalle. 75 Kinder und Lehrer haben sich hier verschanzt. Der Tornado hat das Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Neun Kinder sind tot. Mindestens neun. Manche soll der Sturm in den schuleigenen Swimmingpool geschleudert und unter Wasser gedrückt haben.

Eine Lehrerin wird schwer verletzt geborgen, die drei Kinder, die sie mit ihrem Körper geschützt hat, sind unversehrt. Blutende Erwachsene rennen mit weinenden Kindern im Arm davon. Mit bloßen Händen graben sich die Retter durch den Schutt. Auf einen bizarr ordentlichen Haufen stapeln sie Rucksäcke, Hefte, Kuscheltiere. Eine Mutter schluchzt in eine Fernsehkamera. „Ich kann Dylan nicht finden“, sagt sie. Dylan ist ihr Junge. Es herrscht Chaos in der Stadt. Auch ein Krankenhaus ist zerstört.

Feuerwehrchef Poindexter will sie alle finden, die toten Kinder und vielleicht noch ein lebendes, unbedingt, noch in dieser Nacht, in der der Mond besonders hell auf Moore scheint, als wolle er den Rettern bei der Suche helfen. „Es liegen wohl noch drei Tote unter den Trümmern“, sagt Poindexter, „wir wissen nicht, ob es Erwachsene oder Kinder sind.“

Nicht weit entfernt versucht Pastor Jack Poe auf einem Parkplatz, verängstigten und verärgerten Eltern Trost zu spenden. Sie wissen nicht, ob ihre Söhne und Töchter leben, tot sind oder verletzt. Am Dienstag wird immer noch eine unbestimmte Zahl von Kindern vermisst.

Das schlimmste ist, sagt Poe, dass er ihnen nichts vom Tod eines Kindes sagen darf, selbst wenn er es weiß. Der Datenschutz verbietet es. Bis der Gerichtsmediziner die Identität der kleinen Leichen zweifelsfrei bestätigt hat. „Dein Herz bricht“, sagt der 72-jährige, „du siehst in ihre Augen, du siehst ihren Schmerz, du weißt die Wahrheit und musst sie für dich behalten.“

Als Polizeigeistlicher war Poe nach dem Bombenattentat von Oklahoma City im April 1995 im Einsatz. Er war auch als Kaplan dabei, als Moore schon einmal von einem verheerenden Tornado getroffen wurde, am 3. Mai 1999. „Aber dies“, sagt der alte Mann, „dieses ist die größte Katastrophe. Du hast es hier mit Kindern zu tun.“

Hannoveranerin rettet sich durch Glück – und Wissen

Manche junge Menschen lernen in einem Austauschjahr im wahrsten Sinne des Wortes fürs Leben. Auch Wiebke Siemann, 26-jährige Jura-Studentin aus Hannover, derzeit in Oklahoma zu Besuch bei ihrer besten Freundin. Als Schülerin hat Wiebke ein Jahr in Nebraska verbracht, ebenfalls im Mittleren Westen, ebenfalls regelmäßig von Tornados heimgesucht. „Sturmübung, das gehörte zum Schulalltag“, erinnert sie sich. Am Montag erinnerte sie sich auch an das, was ihr damals über Warnzeichen gesagt wurde: die Verfärbung der Wolken, des Himmels, „alles wie in Pastell“.

So war sie wenig überrascht, als es im Autoradio hieß: Tornado baut sich nördlich von Norman auf, genau dort, wo sie gerade war. Sie fuhr nur etwas schneller. Bis der Sprecher zwei Minuten später schrie: „Oh mein Gott, er ist schon da, suchen Sie Schutz – jetzt!“ In dem Moment, sagt Wiebke, habe sie sich nicht mehr um Verkehrsregeln geschert, sei zu ihrer Freundin gerast, rein ins Haus und ab ins fensterlose Bad. Der Tornado ist dann doch nicht nach Norman gekommen. Glück gehabt. Aber auch das richtige Wissen.

Eric Adler/sus

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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