Hilfe auch aus Deutschland

Tötet Ebola Millionen? Die Welt ist gewarnt

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Missionar und Mediziner: Kent Brantly.

- US-Forscher schlagen Alarm: Wenn nichts geschieht, verdoppelt sich die Zahl der Infizierten alle 20 Tage. Bereits Anfang 2015 hätte das todbringende Virus dann 1,4 Millionen Menschen befallen.

Amerikas Center for Disease Control (CDC), das nationale Zentrum zur Bekämpfung von Krankheiten, ist kein besonders einladender Ort. Eine spürbare Anspannung liegt über dem Gelände im Stadtteil Druid Hills in Georgia. Die 15 000 Menschen, die hier arbeiten, müssen täglich durch mehrere Sicherheitsschleusen, der Zutritt ist streng verboten, und das betrifft nur den äußeren Ring. Tief im Inneren des CDC mit seiner Vielzahl von Filteranlagen, Schornsteinen und fabrikartigen Strukturen befinden sich die Bio-Labors der höchsten Gefahrenstufe. Unbefugte, die hier nächtens über die Flure wandern, müssen fürchten, vom Sicherheitspersonal ohne Vorwarnung erschossen zu werden. Denn aus den hier lagernden todbringenden Viren und ihren DNA-Sequenzen könnten High-Tech-Terroristen theoretisch Biowaffen formen, mit denen die gesamte Menschheit als Geisel genommen werden könnte.

Die Regierung in Washington investiert seit Jahren Milliardenbeträge in die Virenforschung. Denn egal, ob es eines Tages um einen natürlichen Ausbruch eines Erregers geht oder um Terror: Immer wieder haben Wissenschaftler es den Politikern in Hearings und Kongressausschüssen hinter verschlossenen Türen eingebimst: Das Überleben nicht nur der USA, sondern der gesamten Menschheit könnte eines Tages am richtigen Verständnis von Viren hängen.

Schon der französische Biologe und Chemiker Louis Pasteur warnte im 19. Jahrhundert seine menschlichen Artgenossen vor der großen Gefährdung durch Kleinstorganismen: „Die Mikroben werden das letzte Wort haben.“

Die alte Sorge von Pasteur hat neue Aktualität gewonnen: Die afrikanischen Staaten bekommen den jüngsten Ausbruch von Ebola nicht in den Griff. Nie zuvor zog eine Infektionswelle mit Ebola so weite Kreise. Forscher vom CDC ließen soeben die jüngsten Daten aus Westafrika durch ihre Computersimulationen rauschen - und blickten auf alarmierende Zahlen: Wenn alles so weiter geht wie bisher, wird sich die Zahl der Erkrankten alle 20 Tage weiter verdoppeln.

Schon Anfang 2015 sei dann mit 1,4 Millionen Infizierten zu rechnen. Die Forscher im CDC um Martin Meltzer räumen ein, dass dies eine „eher pessimistische Variante“ ist. Doch schon bei früheren Ausbrüchen lagen die CDC-Leute oft richtig mit der Annahme, dass die tatsächliche Zahl der Infizierten viel höher liegt, als es die unzulänglich ausgestatteten staatlichen Stellen aus den afrikanischen Ländern meldeten.

Der amerikanische Arzt Meltzer weiß, wovon er redet; er hat Medizin nicht nur an der Cornell-Universität im Staat New York, sondern auch in Simbabwe studiert. Auch deutsche Experten wie Thomas Strecker, Virologe an der Universität Marburg, halten Kenntnisse über die konkreten Umstände in Afrika für unentbehrlich - nicht nur bei Einschätzung der Lage, sondern auch beim Entwurf von Gegenstrategien.

„Man hat das Gefühl, dass man in zwei unterschiedlichen Welten arbeitet“, sagt Strecker, der jüngst aus Guéckédou in Guinea zurückgekehrt ist. In der afrikanischen Kleinstadt arbeitete Strecker freiwillig in einem mobilen EU-Labor mit, an dem die Universität Marburg beteiligt ist.

Die Begegnung der beiden Welten sieht dann häufig so aus: Hochbezahlte Spezialisten aus der Nordhalbkugel untersuchen in Spezialanzügen das Blut von möglicherweise infizierten armen Afrikanern. Diese wiederum haben oft Angst, flüchten sich Aberglauben, Isolation - und Gewalt.

Ein gedeihlicher Nord-Süd-Dialog wird daraus naturgemäß nicht. In Liberia etwa sind in den vergangenen Tagen beim Versuch der Behörden, ganze Stadtteile unter Quarantäne zu stellen, bereits Schüsse gefallen.

Immerhin aber haben die westafrikanischen Staaten die anfängliche Inaktivität überwunden. Auch die internationale Hilfe rollt an. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Dinge sich am Ende günstiger entwickeln könnten als wir es gerade prognostiziert haben“, sagt CDC-Direktor Dr. Thomas Frieden. Wichtig sei aber, dass die Regierungen der Erde den Hinweis ernstnehmen, dass sich ohne massive Gegenmaßnahmen das Virus tatsächlich weiter multipliziert. Biologen deuten auf einen Wettlauf zwischen Virus und Humanmedizin: Schaffen es die Behörden und die Ärzte, die Ausbreitung des Virus rechtzeitig einzudämmen - oder brechen schon zuvor die staatlichen Strukturen Westafrikas komplett zusammen?

US-Präsident Barack Obama hat versprochen, 3000 Soldaten zu entsenden und 17 provisorische Kliniken aufzubauen, jede mit 100 Betten. Doch niemand weiß genau, wann und wo diese neuen Einrichtungen entstehen werden - und wer darin arbeiten soll. Ist am Ende doch alles zu spät und ist es zu wenig?

Die Forschung an Impfstoffen hilft den jetzt Infizierten wenig. Forscher in den USA und an der britischen Universität Oxford suchen bereits Freiwillige für Experimente mit Ebola-DNA an Menschen. In Affen konnte eine körpereigene Abwehr bereits mit Erfolg in Gang gebracht werden. Doch die Produktion eines Impfstoffs in großen Mengen könnte, selbst bei Abkürzung aller sonst vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren, frühestens in einigen Monaten anlaufen.

Experten empfehlen bis auf weiteres eine konservative, eindämmende Strategie: Kranke müssen identifiziert und von den Gesunden ferngehalten werden. Tote müssen ein sicheres Begräbnis („safe burial“) bekommen, idealerweise nach Desinfektion des Leichnams.

Ideale Krankenpfleger könnten jene zehn bis 30 Prozent der Bevölkerung sein, die Ebola überlebt haben und nun immun dagegen sind. In den sechziger Jahren ist es den Behörden in Afrika gelungen, auf diese Art einen großen Ausbruch von Pockenerregern in den Griff zu bekommen. CDC-Strategen erinnern auch daran, dass seinerzeit finanzielle Hilfen einen überraschend großen und segensreichen Effekt hatten: Helfer gaben Familien, die die Pocken hatten, Geld und Nahrungsmittel - damit musste niemand aus dem Haus gehen und betteln oder auf den Lebensmittelmärkten den Erreger verbreiten.

Mehr Wohlstand bedeutet immer auch mehr Gesundheit und mehr Sicherheit. Diese alte, in aller Welt geltende Weisheit wird jetzt gerade wieder neu entdeckt.

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