Drama auf dem Eis

Touristen treiben auf Eisscholle ins Meer

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Foto: Das Unternehmen Arctic Kingdom bietet Reisenden an, auf dem Eis im Polarmeer zu zelten.

Ottawa - Das hatten die Touristen, die eine Abenteuerreise in die Arktis gebucht hatten, nicht erwartet – ein wirkliches Abenteuer: Etwa 20 Touristen und ihre Reiseleiter trieben auf einer Eisscholle, die vom Festland abgebrochen war, langsam durch die Admiralty-Bucht in der Nähe der Gemeinde Arctic Bay.

Die kanadische Armee versorgte sie von der Luft aus mit Hilfsgütern, bevor die Natur zu Hilfe kam: Der Wind drehte sich und trieb die Eisscholle wieder an Land. „Keine Verletzungen und die Reisenden sind in guter Stimmung“, berichtete das kanadische Unternehmen Arctic Kingdom am Mittwoch auf seiner Website, kurz nach Bekanntwerden der Rettung der Touristen. Alle 20 Reisenden und Mitarbeiter seien an Land. Arctic Kingdom, das auf Reisen in die Arktis spezialisiert ist, hatte diese Reise durch die legendäre Nordwestpassage angeboten.

Dazu gehörte auch der Aufenthalt in einem Camp auf dem Eis nördlich von Arctic Bay, einer kleinen Gemeinde an der Nordspitze der Baffin-Insel. Die Abenteurer übernachten in Zelthütten auf dem Eis. Baffin Island und die vorgelagerte Bylot-Insel mit ihren Meerengen, der Admiralty Inlet und dem Eclipse Sound, sind als Paradies für Vögel, Walrosse, Wale und Eisbären bekannt. Hier liegt auch der Sirmilik-Nationalpark.

Der Ausflug verlief aber anders als geplant, als offenbar am frühen Dienstagmorgen – in der Hohen Arktis nördlich des Polarkreises ist es jetzt 24 Stunden hell – die Eisfläche am Rande des offenen Meeres abbrach und langsam mit den Touristen und ihren Reiseleitern davontrieb. Nach Angaben von Arctic Kingdom ist die Eisscholle fünf Kilometer groß, in kanadischen Medien war aber auch die Rede von einer 50 Kilometer langen Eisfläche. Gegen 7 Uhr ging bei der RCMP die Information ein, dass sich das Eis etwa 40 Kilometer von Arctic Bay entfernt gelöst hatte.

Ein Hercules-Flugzeug der kanadischen Streitkräfte in Winnipeg wurde nach Norden geschickt und erreichte die etwa 2000 Kilometer nördlich liegende Region am Nachmittag. Die Rettungskräfte „konnten das Gebiet und die Leute auf der Eisscholle lokalisieren und konnten Überlebensausrüstung abwerfen“, berichtete Major Steve Neta von der Royal Canadian Air Force nach Angaben kanadischer Medien. Unter anderem wurden Rettungsinseln abgeworfen. Nach Angaben von Arctic Kingdom verlangsamten die Gezeiten die Bewegung des Eises, was die Ortung der Gestrandeten erleichterte. Zugleich wurden von Neufundland aus Hubschrauber in den Norden geschickt, die bei der Bergung helfen sollten.

Die Abenteurer hatten Glück. Nach etwa 24 Stunden auf dem Eis trieben der Wind und die Gezeitenströmung das riesige Eisstück an die Küste. Die Havaristen konnten an Land gehen. Ob sie dabei von Militär oder Rettungsdiensten unterstützt wurden, war zunächst nicht bekannt. An Land warteten sie, versorgt mit Lebensmitteln, auf Hubschrauber, die sie nach Arctic Bay zurückbringen sollten.

Nicht nur die Touristen wurden vom Bruch des Eises überrascht. Auch zehn Jäger aus Arctic Bay, die offenbar auf Waljagd waren, befanden sich auf dem Eis. Walfleisch, vor allem von Belugawalen, ist ein wichtiger Bestandteil der Nahrung der Inuit im hohen Norden. Das Stück, auf dem sie standen, brach von der großen Eisscholle ab und trieb dem Land entgegen. Sie konnten sich aus eigener Kraft an Land retten.

Die weiten Distanzen und der Mangel an Notfallausrüstung in den kleinen Gemeinden, die keine Straßenverbindung in den Süden haben, machen alle Bergungsaktionen in der Arktis zu einer logistischen Herausforderung. Der Zwischenfall zeigt, welche Probleme entstehen könnten, wenn sich angesichts des wachsenden Schiffsverkehrs in der Arktis einmal ein schwereres Schiffsunglück ereignen sollte.

Von Gerd Braune

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