Einzelhandel

Treffen an der Dorftheke

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„Was hätten Sie denn gerne?“ Der Dorfladen in Otersen bietet neben regionalen Produkten ein Vollsortiment an.

Hannover - In vielen Orten gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten mehr. Eine Gegenbewegung sind die Dorfläden.Rund 200 gibt es in ganz Deutschland. In Niedersachsen sind es fünf, sechs weitere sind in der Gründungsphase. Die Dorfläden sind ein Erfolgsmodell und präsentieren sich derzeit auf der Grünen Woche in Berlin.

Es heißt, man sollte die Kirche im Dorf lassen, den Laden aber auch, wünschen sich viele. Doch Letzteres wird immer schwieriger. Das Kaufhaus um die Ecke kennen viele Dorfbewohner nur noch aus früheren Zeiten oder gar aus Erzählungen. Gab es in den siebziger Jahren bundesweit noch 160 000 Lebensmitteleinzelhändler, so sind es heute nur knapp 40 000, die dafür umso größer sind. Einkaufszentren verdrängen die kleinen Händler vor Ort.

Eine Gegenbewegung dazu sind die Dorfläden, die von Bürgern organisiert und betrieben werden. Etwa 200 solcher Tante-Emma-Läden gibt es mittlerweile in Deutschland, ein Hauptteil davon in Bayern, etwa 100. Genauere Zahlen liegen nicht vor, auch nicht dazu, wie viele kleine Einzelhändler vor Ort noch durchhalten. In Niedersachsen sind im Dorfladen-Netzwerk etwa fünf Bürgerläden aufgeführt, sechs neue sind noch in der Planungsphase.

Und Planung ist wichtig. Ohne sie kann ein gut gemeintes Projekt auch böse enden - in der Pleite. Für Beratung und Hilfestellung gibt es deshalb das bundesweit organisierte Dorfladen-Netzwerk.

Auf der Grünen Woche, die derzeit in Berlin läuft, stellt das Netzwerk auf Einladung des Bundeslandwirtschaftsministeriums ihre Konzepte vor, gibt Erfahrungen weiter. Auch vier Dorfläden aus Niedersachsen kommen dort zum Zuge.

Ganz vorne mit dabei das Geschäft mit Café aus Otersen im Landkreis Verden. Günter Lühning ist Sprecher des Netzwerkes und hat vor 13 Jahren den Dorfladen mitgegründet. Mittlerweile leben im Ort wieder 510 Menschen, es waren schon einmal nur knapp 400.

„Die Hauptgründe für den Zuwachs sind, dass es hier noch einen Kindergarten gibt - und dass man hier den Dorfladen hat“, sagt Lühning. Der Bankmitarbeiter ist auf der Grünen Woche dabei, erklärt in Vorträgen, dass zur Gründung eines Ladens viel wirtschaftlicher Sachverstand und weniger Dorfromantik gehört.

In der 1100 Einwohner zählenden Gemeinde Rhade im Landkreis Rotenburg wird derzeit ein Dorfladen aufgebaut. Zu einer Versammlung, zu der der Gemeinderat eingeladen hatte, konnte Bürgermeister Thomas Czekalla 120 Bürger begrüßen. Ein Verein wurde gegründet, die Gemeinde hat die zwangsversteigerte ehemalige Dorfgaststätte günstig erworben. „Innerhalb von zwei Monaten haben wir 60 000 Euro Startkapital zusammenbekommen“, erklärt der Bürgermeister stolz. Zuschüsse aus einem Dorferneuerungsprojekt kommen noch hinzu. In Rhade hofft man nun, dass der Laden bis zum Ende des Jahres steht.

Auch in Bolzum, einem Ortsteil von Sehnde, haben die Bürger Initiative gezeigt. Denn neben einer Gärtnerei, einer Bankfiliale, einem Kiosk und einer Fellhandlung gibt es keine Möglichkeit mehr, im Ort einzukaufen. Bis heute haben 100 Haushalte aus Bolzum und Wehmingen schriftlich ihre Absicht erklärt, einen oder mehrere Genossenschaftsanteile à 300 Euro zeichnen zu lassen. Viele Bewohner möchten den Laden durch ehrenamtliche Arbeit unterstützen. Sie wollen einen Lieferdienst für ältere Bewohner einrichten, beim Erstellen von Webseiten oder beim Regaleinräumen mithelfen.

Unterstützung bekommt die Bürgerinitiative von drei Studentinnen der Universität Hannover, die eine Befragung unter den Bewohnern gemacht haben. So wünschen sich die Bolzumer mit dem Laden auch eine Lottoannahmestelle, Apothekendienstleistungen sowie einen allgemeinen Treffpunkt.

In Leese im Landkreis Nienburg gibt es immerhin noch zwei Fleischer und drei Bäckereien. Aber kein Lebensmittelgeschäft. Vor über einem Jahr hat der letzte verbliebene Markt aus Altersgründen des Inhabers geschlossen. Nun arbeiten Bürger und Gemeinde an einem Ladenkonzept.

Die passende Immobilie steht in der Ortsmitte, es fehlt noch das Startkapital von 40 000 Euro. Die 1700 Bürger sind aufgerufen, Anteilsscheine zu erwerben. Ein Schein soll 100 Euro kosten. „Der Dorfladen soll aber keine Konkurrenz zu den Bäckereien und Schlachtern vor Ort sein“, sagt Rolf Bodermann von der Samtgemeinde Mittelweser. Er betreut das Projekt in der Verwaltung.

Einen etwas anderen Weg hat man im Nachbarland eingeschlagen. Schleswig-Holstein versucht, mit dem „Markt-Treff“-Konzept die Dorfläden auf eine breite Basis zu stellen. Mittlerweile gibt es 30 solcher Treffs, die alles Mögliche - von der Post bis zur Reinigung - vereinen. Meist übernehmen die Gemeinden 45 Prozent der Investitionskosten und bieten oftmals günstige Pachtkonditionen an.

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