Boston

Tschetschenische Spur im US-Terroranschlag schreckt Russland auf

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Schwer bewaffnete Polizei ist in Boston im Einsatz.

Moskau - Die wegen des Blutbads in Boston Verdächtigten sollen aus dem früheren russischen Kriegsgebiet Tschetschenien stammen. Der Nordkaukasus gilt als Brutstelle des Terrors.

Nach dem Blutbad bei dem Marathon in Boston richten sich die Blicke schlagartig auf Russland. Die Terror-Verdächtigen Tamerlan und Dschochar Zarnajew, zwei Brüder einer Flüchtlingsfamilie, sollen aus dem früheren russischen Kriegsgebiet Tschetschenien stammen. Es handelt sich um jene Konfliktregion im Nordkaukasus, die bis heute von Terroristen umkämpft ist. Immer wieder haben radikale Islamisten angekündigt, ihren bisher meist auf Russland begrenzten Terror zu internationalisieren.

Kremlchef Wladimir Putin, der US-Präsident Barack Obama Hilfe bei den Ermittlungen angeboten hatte, sei über die aktuellen Vorgänge im Bilde, heißt es in Moskau. Putins Sprecher Dmitri Peskow betonte aber, dass zu prüfen sei, ob es wirklich eine tschetschenische Spur gebe. Deshalb ist auch die Frage offen, ob der Kampf der Islamisten um ein von Moskau unabhängiges Kaukasus-Emirat das Motiv für den Anschlag in den USA gewesen sein könnte.

Erste Hinweise, dass die Zarnajew-Brüder auf Russlands „offene Wunde“ aufmerksam machen wollten, gibt es in den sozialen Netzwerken im Internet, die beide benutzten. Ein Kommentator des kremlkritischen Radiosenders Echo Moskwy entschuldigte sich sogar am Freitag bei den Amerikanern dafür, dass Russland seinen Terror nun sogar in die USA exportiere.

Die tschetschenische Führung wies solche Vorwürfe aber umgehend zurück. Er habe sich schon daran gewöhnt, dass die Tschetschenen für alles Unheil auf der Welt verantwortlich gemacht würden - „sogar für Tsunamis“, ätzte Putins treuer tschetschenischer Statthalter Ramsan Kadyrow. Der Anschlag sei allein „die Schuld der amerikanischen Geheimdienste“, sagte Kadyrow der Staatsagentur Itar-Tass.

Sein Sprecher Alwi Karimow hatte zuvor betont, dass die beschuldigten Brüder offenkundig im Kindesalter in die USA übergesiedelt und dort ausgebildet worden seien. Ihren Kontakt zu Tschetschenien hätten sie seit Jahren verloren. Gleichwohl weisen Experten immer wieder darauf hin, dass sich die Islamisten längst über das Internet bestens organisierten. Demnach gelten besonders auch junge Menschen als anfällig für religiöse Häscher.

Auch der Terrorverdächtige Dschochar war demnach Anhänger solcher tschetschenischen Gruppen. Ob die insgesamt vier Kinder der Familie möglicherweise durch die Flüchtlingserfahrung mit Stationen auch in Zentralasien traumatisiert sein können, müssen die Ermittler klären. Medien zeichneten jedenfalls das Bild einer gehetzten Kindheit.

In der tschetschenischen Nachbarrepublik Dagestan wies Ansor Zarnajew, der sich der Agentur Interfax zufolge als Vater der Brüder ausgab, die Vorwürfe zurück. „Meine Kinder können keiner Fliege etwas antun“, sagte er in Machatschkala, wo er bei Verwandten wohne. Er habe nach dem Anschlag in Boston mit beiden telefoniert, ob sie verletzt seien, sagte er. Medien zufolge wurde er von russischen Sicherheitskräften verhört.

Das von russischen Behörden als extremistisch verbotene Internetportal kavkazcenter.com nannte die Verdächtigen „merkwürdige Terroristen“. Während Dschochar auf seiner Internetseite als Ziele „Geld und Karriere“ angebe, habe sein getöteter Bruder davon geträumt, für die USA bei den Olympischen Spielen als Boxer anzutreten - solange Tschetschenien kein souveräner Staat sei.

Ein Mann, der sich in US-Medien als Onkel der mutmaßlichen Täter ausgab, distanzierte sich von den beiden. „Was sie taten, ist eine Schande“, schrie er am Freitagmorgen in die Mikrofone zahlreicher Journalisten vor seinem Haus. „Sie haben es nicht geschafft, sich ein Leben aufzubauen und hassten deshalb alle anderen“, sagte Ruslan Tsarni. Jemand habe die beiden Jungen wohl radikalisiert.

dpa

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