Bremens liberales Bestattungsrecht

Über den Tod hinaus

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Bremen - Nach dem Beschluss der Bremischen Bürgerschaft darf die Asche von Toten ab 1. Januar 2015 auch auf Privatgrundstücken oder besonders ausgewiesenen öffentlichen Flächen verstreut werden, wenn der Verstorbene dies zu Lebzeiten schriftlich so verfügt hat. In Niedersachsen wird es dafür keine Erlaubnis geben.

Kurz vor Totensonntag hat die Bremische Bürgerschaft endgültig das liberalste Bestattungsrecht Deutschlands beschlossen. Ab 1. Januar 2015 darf die Asche von Toten auch auf Privatgrundstücken oder besonders ausgewiesenen öffentlichen Flächen verstreut werden, wenn der Verstorbene dies zu Lebzeiten schriftlich so verfügt hat. In Niedersachsen wird es für ein solches Verfahren auch weiterhin keine Erlaubnis geben, betonte ein Sprecher des Sozialministeriums am Freitag.

Aber auch hier gibt es, vor allem seitens der Grünen, Vorstöße für eine Liberalisierung des Bestattungsrechts. Langfristig könnte das Modell, das am Donnerstagabend vom Bremer Landesparlament mit den Stimmen der rot-grünen Regierungskoalition und der Linken beschlossen wurde, durchaus Schule machen. Auch in Nordrhein-Westfalen ist es schon heute erlaubt, Asche außerhalb von Friedhöfen zu verstreuen - aber nur, wenn der Beisetzungsort „dauerhaft öffentlich zugänglich“ ist. Zumindest zu bestimmten Zeiten müsse der private Garten also auch „für die ungeliebte Schwiegermutter“ offen stehen, wie eine Sprecherin des zuständigen Gesundheitsministeriums in Düsseldorf erläuterte. In Bremen gibt es keine solche Einschränkung. Hier muss lediglich der Verstorbene zu Lebzeiten in einer schriftlichen Verfügung den genauen „Verstreuungsort“ festlegen und eine „Person für die Totenfürsorge“ bestimmen, die laut Gesetzesbegründung „bei der Beisetzungszeremonie einen pietätvollen Rahmen sicherzustellen“ hat. Damit nicht Nachbarn beeinträchtigt werden, soll ein Verstreuen der Asche bei starkem Wind unterbleiben. Die Neuregelung gilt nur für Verstorbene mit letztem Hauptwohnsitz in Bremen. Dadurch soll ein „Asche-Tourismus“ aus anderen, strenger regulierten Bundesländern verhindert werden, wie es in der Gesetzesbegründung weiter heißt.

Zunächst wollte die Bremer Koalition Hinterbliebenen auch erlauben, Urnen zwei Jahre lang zu Hause aufzubewahren und sie erst danach beizusetzen. Wegen juristischer Bedenken und nach zahlreichen Protesten gegen die „Urne auf dem Kaminsims“ wurde dieser Punkt aber am Ende gestrichen.

Mit der Neuregelung, die jetzt in zweiter Lesung ohne Debatte beschlossen wurde, will Bremen die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen über den Tod hinaus stärken. Viele Menschen empfänden heute den Friedhofszwang als Bevormundung, hatte die Initiatorin der Reform, die Grünen-Abgeordnete Maike Schaefer, bei der ersten Lesung gesagt. Manche würden ihre verstorbenen Angehörigen im Ausland einäschern lassen und sie dann heimlich zurück nach Deutschland holen, um sie hier an einem selbst gewählten Ort zu bestatten. Das sei unwürdig und liege „im Graubereich der Legalität“. Die Neuregelung mache es möglich, ganz legal „den letzten Wunsch der Verstorbenen nach einem schönen Platz außerhalb von Friedhöfen“ zu erfüllen, sagte die Grüne.

Die CDU-Opposition hatte dagegen erklärt: „Der tote Mensch gehört nicht sich selbst“. Jeder Hinterbliebene müsse die Möglichkeit haben, an einem öffentlichen, besonderen Ort um ihn zu trauern. Künftig bestehe die Gefahr, dass Asche sogar auf Hunde- oder Obstwiesen ausgebracht werde. Bremen könne sich nicht leisten, eine „Urnenpolizei“ einzuführen, die das Ausstreuen überwache. Daher drohe eine unkontrollierte Freigabe der Asche, und das sei unwürdig. Der zuständige Bau- und Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) wies darauf hin, dass der vom Verstorbenen zu Lebzeiten benannte „Totenfürsorgeberechtigte“ spätestens zwei Wochen nach dem Verstreuen eidesstattlich versichern müsse, dass alles ordnungsgemäß abgelaufen sei.

Eckhard Stengel

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