Islam in Dresden

Überfremdungsfantasie wegen 4000 Moslems

Dresden - Das Feindbild der Pegida in Dresden ist der radikale Islam, doch sie gehen in einer Stadt auf die Straße, in der es kaum Muslime gibt. Ein Besuch bei den 0,1 Prozent — den Muslimen.

Durch den Lautsprecher findet die Stimme des Imams den Weg in den zweiten Stock. Brigitte Mittag richtet ihren Blick in die Zimmerecke rechts neben der Tür. Dorthin, wo Mekka liegt, 4000 Kilometer von Dresden entfernt. Ihr silbergraues Haar hat die 73-Jährige komplett mit einem roten Tuch bedeckt. „Allahu Akbar“, hebt die Stimme an. Mittag beugt sich vor, die Handflächen liegen auf ihren Oberschenkeln. Das Freitagsgebet hat begonnen.

Hier sind sie also: Die 0,1 Prozent der Bevölkerung Dresdens, die dem muslimischen Glauben angehören. Jene Menschen, die jeden Montag seit elf Wochen die Überfremdungsfantasien von Tausenden, mittlerweile Zehntausenden Pegida-Demonstranten in Wallungen bringen. Obwohl Ostdeutschland so etwas wie die Terra incognita der deutschen Muslime ist: Von den 4,5 Millionen, die schätzungsweise in Deutschland leben, wohnen nur zwischen 20.000 und 30.000 in den neuen Bundesländern, Berlin einmal ausgenommen.

4000 Muslime in Sachsen

In Sachsen sind es laut Innenminister Markus Ulbig etwa 4000 Gläubige. In Dresden sind viele davon Studierende an der Technischen Universität, die nicht unbedingt in die Moschee gehen. Zusammengenommen haben die drei Moscheegemeinden weit weniger als tausend Mitglieder.

Nach dem Gebet zieht Mittag mit einem Kamm ihren Pony gerade, legt dann das Tuch wieder darüber, sodass nur die Haarspitzen zu sehen sind. Das Islamische Zentrum, in dem sie jeden Freitag betet, ist ein fader Backsteinbau mit zugigem Treppenhaus zwischen dem Bahndamm Richtung Radebeul und der Elbe, Autohäusern und Datschen. „Ich bin eine gebürtige Dresdenerin“, sagt Mittag in feinstem Sächsisch.

Mit dem Islam ist sie durch den Beruf ihres Mannes in Berührung gekommen. Der hatte zu DDR-Zeiten in arabischen Ländern gearbeitet. Nach seinem Tod fand sie im Islam eine neue Heimat. 2001 hat sie die Schahada gesprochen, die Worte des muslimischen Glaubensbekenntnisses, und ist seitdem Muslima.

Frustration über „die da oben“

Es ist überflüssig zu sagen, dass Frau Mittag nicht auf der Seite des „Islamischen Staats“ steht. Sie will es trotzdem sagen. Eine freundliche, ältere Dame, die sich von Terroristen im Nahen Osten distanziert, das ist die erste Begegnung mit Muslimen in Sachsen. Und dann sagt Brigitte Mittag noch etwas: „Ich will diese Pegida-Leute nicht verurteilen. Wissen Sie, ich kann sie ja sogar ein wenig verstehen. Sie haben ihr Vertrauen in die Politik verloren, und viele junge Leute sind arbeitslos.“ Sie sei eben auch Dresdenerin und wisse, wie die Frustration über „die da oben“ seit Jahren wachse.

Aber der Hass auf die Muslime? Ihr Kopftuch lege sie mittlerweile ab, wenn sie in Dresden unterwegs sei, sagt sie: „Man muss ja nicht provozieren.“

Andere Dresdener Muslime können nicht derart in der Masse der Sachsen untergehen. Khaldun Al Saadi hat die schwarzen Haare und den dunklen Teint von seinem Vater geerbt, der aus dem Jemen stammt.

Der einzige Moslem weit und breit

„Ich war immer derjenige, der ,von woandersher‘ kam“, sagt der 24-jährige Sprecher des Islamischen Zentrums. Dabei ist er in Chemnitz zur Welt gekommen, im Jahr der Wiedervereinigung. „Wir wohnten in Limbach-Oberfrohna, ich war der einzige Moslem weit und breit. Ich war immer ein Einzelkämpfer“, sagt Al Saadi. „So geht es vielen Muslimen hier: Dir steht niemand bei, wenn dich wieder jemand fragt, warum ‚die‘ Muslime dies oder das getan haben.“

Bevor man nun aber über Gefühle der Dresdener Muslime zu den Pegida-Demonstrationen erzählen will, muss man sich noch an ein anderes Ereignis erinnern: den Mord an Marwa el-Sherbini. Im Juli 2009 wurde die junge Ägypterin von dem Russlanddeutschen Alex Wiens im Amtsgericht Dresden erstochen — schwanger und vor den Augen ihres Sohnes Mustafa. Es ging um ein kleineres Delikt, der Angeklagte hatte el-Sherbini auf einem Spielplatz beschimpft. Nach ihrer Aussage im Berufungsverfahren ging Wiens mit einem Messer auf sie los. Der Fall el-Sherbini ist für viele Dresdener Muslime zum Symbol geworden.

Daneben aber braucht Sachsen vielleicht vor allem eins: mehr Begegnung mit Muslimen. „Sachsen macht bereits etwas für die Vermittlung, aber der Bedarf ist viel größer“, sagt In Am Sayad Mahmood. Sie ist Bildungsreferentin für christlich-islamischen Dialog im ökumenischen Informationszentrum Dresden. Etwa einmal pro Woche reist sie mit ihrem Islamkoffer durchs Land. 500-mal in den letzten elf Jahren war sie in Schulklassen und Kirchengemeinden. Im Gepäck: mehrere Korane, Miniaturmoscheen, Gebetsteppich und -kette und ein Schaubild mit den Varianten des Kopftuchs. „Eine der meistgestellten Fragen ist, wie viele Kopftücher ich besitze“, sagt sie und lacht. „Das kommt gleich nach Zwangsheirat und Händeabhacken.“

Mahmood kann unzählige Geschichten erzählen über die „ersten Begegnungen“. Am letzten Montag gab es wieder so eine. Mahmood stand auf dem Striezelmarkt und gab dem ZDF ein Interview. Aus dem Augenwinkel sah sie eine Gruppe von acht Leuten, die aufmerksam zuhörten. Als die Crew abgezogen war, kam die Gruppe auf sie zu. „Das waren Pegida-Demonstranten, die aus München angereist waren“, sagt Mahmood. „Sie meinten: ,Sie haben sehr gut gesprochen. Wenn alle Muslime so wären wie Sie, gäbe es keine Probleme.‘ Die müssen endlich begreifen: Wir sind schon lange keine Gäste mehr.“

Von Ann-Kathrin Seidel

Muslimische Bevölkerung

In ganz Deutschland leben etwa 4,5 Millionen Muslime, rund 5 Prozent der Bevölkerung.6,5 Prozent der Bevölkerung , etwa 249000 Muslime, leben in Berlin. In Sachsen sind es rund 4000, etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung.Quelle: Bundesamt für Statistik

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