Auschwitz-Prozess in Lüneburg

Die Überlebende und der SS-Mann

+
„Hello, Herr Oskar Gröning“: Eva Kor hat das Vernichtungslager überlebt, ihre Schwestern nicht. Sie verlangt Antworten vom Angeklagten.

Lüneburg - Er sei ein "armer kleiner Unteroffizier gewesen", sagt der angeklagte SS-Mann Oskar Gröning im Lüneburger Auschwitz-Prozess. Trotzdem reicht ihm eine Überlebende des Massenmords im Gerichtssaal die Hand - als Akt der Selbstheilung und der Selbstbefreiung, wie sie sagt.

Die Anrede ist natürlich ein Problem. Wie, bitte, soll man jemanden ansprechen, der vielleicht mitgeholfen hat, die eigenen Eltern zu ermorden? Der mit schuld daran sein soll, dass die eigenen Schwestern in den Gaskammern starben, mit gerade mal zwölf und 14 Jahren? Eva Kor hat sich für die schwierigste Variante entschieden - für die versöhnliche. „Hello, Herr Oskar Gröning“, liest sie vor. Dann sieht sie zu ihm hinüber. Zu dem Mann, der angeklagt ist, mindestens 300 000 Morde mit ermöglicht zu haben.

Es ist der zweite Tag des Auschwitz-Prozesses gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg, und spätestens jetzt wird dann wohl jedem im Saal klar, dass dies weit mehr ist als ein normales Strafverfahren. Natürlich, es gibt einen Angeklagten, den 93-jährigen Gröning, von 1942 bis 1944 als SS-Unterscharführer in Auschwitz. Es gibt den Staatsanwalt, Jens Lehmann aus Hannover, der überzeugt ist, dass Gröning einen Beitrag zur Tötungsmaschinerie geleistet hat. Und es gibt einen Vorsitzenden Richter, Franz Kompisch, der an diesem Tag immer wieder auf die Einhaltung der Strafprozessordnung pocht.

Aber es gibt eben auch 55 Nebenkläger. Alle sind Angehörige von Opfern, viele sind Überlebende von Auschwitz. Sie alle wollen sehen, dass die deutsche Justiz etwas gelernt hat. Einige wollen ihre Geschichte erzählen. Einige wollen Fragen stellen. Und manche wollen auch alles zusammen. So wie Eva Kor.

Aus Eva wurde A-7063

Auf einen Rollator gestützt geht sie mit langsamen kurzen Schritten zum Zeugentisch, eine kleingewachsene Frau von 81 Jahren, und beginnt. Sie erzählt, wie sie im Mai 1944 mit ihrer Familie aus Ungarn nach Auschwitz deportiert wurde. Sie berichtet, wie sie von ihren Eltern und den beiden älteren Schwestern an der Rampe getrennt wurde und dass sie sie nie wiedergesehen hat. Und sie schildert, wie sie und ihre Zwillingsschwester Miriam in eine Baracke geführt wurden, wo SS-Männer schon die Tätowiernadel erhitzten. Eva wehrte sich. „Ich entschied mich, ihnen so viele Schwierigkeiten zu machen, wie ich das mit meinen zehn Jahren nur konnte.“ Aber am Ende war der Widerstand vergeblich. Aus Eva wurde A-7063. Die Ziffern prangen noch heute dunkelblau auf ihrem Arm.

Eva und Miriam gehörten zu jenen Zwillingspaaren, die der „Arzt“ Josef Mengele für seine mörderischen Experimente missbrauchte. Eva Kor erinnert sich an fünf Injektionen in ihren rechten Arm. Sie bekommt hohes Fieber, ihre Arme und Beine schwellen an, rote Punkte bedecken ihren Körper. „Sie hat nur noch zwei Wochen zu leben“, habe Mengele bei ihrem Anblick gesagt. „Aber ich weigerte mich zu sterben.“ Als ihre Beine versagen, kriecht sie zum Wasserhahn, um etwas trinken zu können. Und am Ende ist Eva tatsächlich stärker als jedes Gift, das in sie gespritzt wurde. Auch ihre Schwester Miriam überlebt. Aber sie sind die Ausnahme. Rund 1500 Zwillingspaare benutzte Mengele für seine Experimente. Nur 180 erlebten die Befreiung.

Es ist ein kaum erträglicher Bericht des ganz alltäglichen Grauens von Auschwitz, den die 81-Jährige hier vor dieses Gericht bringt. Aber es ist nicht klar, ob er Oskar Gröning erreicht. Zusammengesunken, unbewegt sitzt er zwischen seinen Anwälten. Vielleicht versteht er Eva Kor nicht, akustisch. Die Frage, ob ihn das Leid der Opfer berührt - sie bleibt auch an diesem Tag offen.

„Moralisch mitschuldig“, so hatte sich Gröning am Tag zuvor bezeichnet, von „Reue und Demut“ hatte er gesprochen. Aber es bleibt auch am zweiten Tag schwierig, größere Spuren von Mitgefühl in seinen Sätzen zu entdecken. Zu den Abläufen an der Rampe zum Beispiel sagt er, sie hätten die Türen des nächsten Zugs immer erst aufgemacht, wenn die Häftlinge davor „versorgt“ waren. Er sagt tatsächlich „versorgt“. Es bedeutet: in die Gaskammern geschickt.

„Bitte helfen Sie mir!“

Und doch dürfte es für die Ankläger nicht einfach werden, Gröning die Beihilfe zum Massenmord tatsächlich nachzuweisen, so viel ist schon am zweiten Tag klar. Seine Hauptaufgabe war es, als eine Art Buchhalter das Geld der Häftlinge zu zählen und zu verbuchen. Entscheidend für eine Verurteilung dürfte sein, wie oft er 1944 an der Rampe die Ankunft der Opfer mit beaufsichtigte. Er selbst beteuert jedoch, nur dreimal an der Rampe Dienst gehabt zu haben - und das auch nur als Vertretung, „wenn ein Kamerad mal Besuch von seiner Frau hatte oder ins Theater wollte“. Es ist diese Spannung zwischen Banalität und Grauen, die Zuhörer hier immer wieder an den Rand der Fassungslosigkeit bringt.

Eva Kor jedoch hat Gröning vergeben. So sagt sie es. Es ist ihre Entscheidung, sich nicht mit Hass und Hader zu beschweren. Aber ein paar Fragen hätte sie dann doch noch an ihn. „Was denken Sie über meine Vergebung? Kannten Sie Mengele? Wussten Sie von seinen Experimenten? Bitte helfen Sie mir!“ Gröning, so scheint es, würde gern antworten. Aber er darf nicht. Es wäre gegen die Ordnung des Prozesses. „70 Jahre später bin ich hier, weil ich nicht aufgegeben habe“, sagt Eva Kor am Ende ihrer Erklärung. Zuhörer klatschen. Aber auch das verbittet sich Richter Kompisch. Beifall darf es nicht geben. Auch wenn dies viel mehr ist als ein Strafprozess.

Kommentare