Südosteuropa

Überschwemmung trifft Millionen Menschen

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„Das ist die totale Verwüstung, es sieht vom Hubschrauber wie ein Meer aus“

Belgrad/Prag - Das Jahrhunderthochwasser sorgt für Chaos in Südosteuropa. In vielen Regionen werden Erdrutsche gemeldet. Hunderte Einwohner mussten aus ihren überfluteten Häusern evakuiert werden, Tausende sind ohne Strom.

Tagelanger sintflutartiger Regen hat auf dem Balkan zu einem Jahrhunderthochwasser geführt. Weit über eine Million Einwohner der armen Länder in Südosteuropa sind von den Überschwemmungen betroffen. In vielen Regionen werden Erdrutsche gemeldet. Hunderte Einwohner mussten aus ihren überfluteten Häusern evakuiert werden, Tausende sind ohne Strom. Die Zahl der Toten hat sich auf mindestens 44 erhöht.

Die Regierung in Serbien hat landesweiten Notstand ausgerufen. Bei der Bewältigung der Katastrophe wurden die EU, die russische und die slowenische Regierung um Hilfe gebeten, meldet der staatliche Sender RTS. Straßen, Schienen und Brücken wurden überschwemmt, mehrere 100 000 Haushalte sind ohne Strom. Schulen wurden geschlossen. Die Hauptverkehrswege von Belgrad Richtung Montenegro und Südostserbien wurden gesperrt. „Unser Land erlebt die größte Wasserkatastrophe in der Geschichte Serbiens“, sagte Ministerpräsident Aleksandar Vucic in Belgrad. „Es ist mehr Regen an einem Tag gefallen als in vier Monaten.“ Bislang gehen die Behörden von 16 Toten aus.

Im Nachbarland Bosnien-Herzegowina forderten die Fluten bislang 27 Menschenleben. „Das sind die heftigsten Regenfälle in Bosnien seit Beginn der Aufzeichnungen 1894“, sagte Zeljko Majstorovic, Meteorologe in Sarajewo. Teilweise seien 150 Litern pro Quadratmeter innerhalb von zwei Tagen gefallen. Nach mehr als zwei Tagen drangen Rettungskräfte in die bosnische Stadt Samac vor. „Das ist die totale Verwüstung, es sieht vom Hubschrauber wie ein Meer aus“, sagte Bürgermeister Savo Minic der Nachrichtenagentur Fena. Die Evakuierung verlaufe chaotisch.

In beiden Ländern stieg die Gefahr von Erdrutschen. Schlammlawinen zerstörten am Sonnabend nach Angaben der bosnischen Behörden das Dorf Olovo und machten acht Hauptstraßen unbefahrbar. Im Westen von Serbien zerstörten Erdrutsche Dutzende Häuser in Krupanj und umliegenden Dörfern. Die Regierung will das Ausmaß der Schäden am Mittwoch abschätzen. Ministerpräsident Aleksandar Vucic bezifferte den finanziellen Schaden allein durch die Überflutung der Grube von Kolubara, des größten Kohlebergwerks von Serbien, auf 100 Millionen Euro.

Deutschland hat beiden Ländern Unterstützung angeboten, wie das Auswärtige Amt in Berlin am Samstagabend mitteilte. Experten des Technischen Hilfswerks (THW) seien bereits in Serbien eingetroffen, weitere Hilfsmaßnahmen würden koordiniert.

In Tschechien scheint die Hochwasser-Gefahr inzwischen gebannt. In Spindlermühle im Riesengebirge, wo an der Elbe in der Nacht zu Sonntag noch die höchste Alarmstufe ausgerufen wurde, gingen die Pegelstände allmählich zurück. Es werde erwartet, dass sie sich an allen Flüssen stabilisierten, teilte das Amt für Meteorologie und Hydrologie in Prag am Sonntag mit. Auch in den südpolnischen Hochwassergebieten besserte sich die Situation an der Weichsel und ihren Zuflüssen. „Die Lage stabilisiert sich“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr am Sonnabend der Nachrichtenagentur PAP. Dennoch entspannte sich in Ost- und Mitteleuropa die Lage am Sonntag leicht. Die Pegelstände vieler Flüsse stiegen nicht mehr oder fielen örtlich sogar. Nun begann die gezielte Suche nach Todesopfern.

Britta Matzen und Thomas Brey

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