Hochwasser in Niedersachsen

... und dann kommt es doch viel schlimmer

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Foto: Für die Altstadt von Hitzacker sind die rasch steigenden Pegelstände der Elbe eine massive Bedrohung.

Hitzacker - Dramatische Lage an der Elbe: In Hitzacker wird die Altstadt evakuiert. Die rasch steigenden Pegelstände sind eine massive Bedrohung.HAZ-Reporter Christian Link ist vor Ort und berichtet aus dem Hochwassergebiet.

Niemand hatte sich Illusionen gemacht. Es war klar, dass es passieren würde. Irgendwann in den nächsten Tagen. Aber dass es so schnell gehen würden, das hatten die Menschen in Hitzacker, dem idyllischen Städtchen an der Elbe, nicht erwartet. Seit gestern jedoch steht fest: Das Hochwasser wird Hitzacker doch früher treffen als zuletzt vorhergesagt – früher und heftiger.

Bis zum Sonntagmorgen war der Wasserstand in nur 24 Stunden um mehr als einen Meter gestiegen. „Die Strömungsgeschwindigkeit ist extrem hoch, deswegen wird der Scheitel anderthalb Tage früher eintreffen als angenommen“, sagte gestern der Sprecher der Einsatzkräfte, Mirko Tügel. Am Abend schon registrierten sie einen neuen Rekordstand: 7,71 Meter. Bereits in der Nacht zu Dienstag könnte der Pegel die Acht-Meter-Marke überschreiten. Im schlimmsten Fall soll das Wasser bis zu 8,45 Meter hoch stehen.

Es ist wohl ein Zeichen der Verzweiflung, wenn Hitackers Bürgermeister Holger Mertins versucht, der Lage auch etwas Gutes abzugewinnen: „Ich hoffe, dass das Hochwasser so schnell, wie es kommt, auch wieder geht“, sagt er. Die Stimmung im Ort sei sehr angespannt. „Bei jedem Hochwasser gibt es höhere Pegelstände – das ist immer wieder bedrückend“, sagt er.

HAZ-Reporter Christian Link berichtet aus den Hochwassergebieten.

Quelle: Burmeister

Mertins gehört zu den rund 280 Bewohnern der Altstadtinsel, die gestern ihre Häuser räumen mussten. Als klar war, wie schnell der Pegelstand steigt, hatten die Behörden die Evakuierung angeordnet. Bis 20 Uhr mussten sie mit ihren Sachen in ein Ausweichquartier gezogen sein – ebenso wie rund 400 Bürger im elbabwärts gelegenen Lauenburg, die dafür allerdings bis heute Morgen Zeit bekamen.

Mertins zieht nun für ein paar Tage in ein Ferienhaus vor der Altstadt. „Wir haben schon alle Sachen hochgestellt. Jetzt baue ich noch den Brenner für die Heizung aus, damit da kein Wasser reinläuft“, sagt er am Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt haben schon viele Altstadtbewohner den gesperrten Bereich verlassen. Nur die wenigsten haben noch ein paar letzte Handgriffe zu erledigen.

Zu ihnen gehört Familie Burmester. „Wir müssen noch alles abdichten, damit kein Schlamm reinkommt“, sagt Mutter Kristin, während sie Tochter Freda zum Auto trägt. Zunächst wolle sie aber die Einjährige und ihre dreijährige Schwester Nila zu den Großeltern bringen. Die Kleinen müssen seit Stunden in der leer geräumten Wohnung ausharren. Die Großeltern wohnen ebenfalls in Hitzacker, aber da, wo das Hochwasser nicht hinkommen kann.

Die Familie würde auch gerne das Wasser aus dem Haus aussperren, doch dagegen könnten selbst Sandsäcke und Plastikplanen nicht wirklich helfen. In der Wohnung im Erdgeschoss haben sie daher andere Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Möbelstücke stehen auf Getränkekisten, die unteren Küchenschränke sind ausgeräumt. Alle Teppiche wurden vorsorglich weggepackt.

Svea Krüger hat ebenfalls schon Möbel geschleppt. Allerdings nicht ihre eigenen. Familie Krüger wohnt in Hitzacker „auf dem Berg“. Vor dem Hochwasser ist ihr Wohnhaus deswegen sicher, nicht aber der evangelische Kindergarten, den ihre Söhne Johannes und Henry besuchen. Die Kita in der Altstadt wurde deswegen bereits von Dienstag bis Donnerstag geräumt.

Eltern und Mitarbeiter hatten den Kindergarten frühzeitig auf das Hochwasser vorbereitet. „Am Mittwoch hat man uns noch einen Vogel gezeigt, als wir nach einem Notstromaggregat gefragt haben“, sagt Krüger. Dabei habe schon zur Wochenmitte festgestanden: „Wir werden so oder so von Wasser überflutet. Das Grundwasser kommt auf jeden Fall in den Kindergarten.“ Sie erwartet deswegen schwere Schäden. „Wir konnten die Holzfußböden ja nicht abreißen, und auch die Küche lässt sich nicht komplett abbauen“, sagt sie.

Hitzacker – bedrohtes Idyll

Die Altstadt von Hitzacker wird von Elbe und Jeetzel umflossen. Die sonst idyllische Insellage wurde dem Städtchen im Landkreis Lüchow-Dannenberg bei Hochwasser immer wieder zum Verhängnis. Lange hatte das denkmalgeschützte Hitzacker keine Deiche. Im August 2002 und im April 2006 stand die gesamte Altstadt unter Wasser, danach wurden umfangreiche Schutzmaßnahmen beschlossen.

Eine Hochwasserschutzmauer schützt jetzt die Altstadt vor neuen Überflutungen aus der Elbe. Die Mauer kann um mobile Schutzwände aus Stahl aufgestockt werden. Klagen von Anwohnern dagegen hatten keinen Erfolg. An der Mündung der Jeetzel in die Elbe direkt an der Altstadt wurde ein Sperrwerk gebaut, das beide Flüsse notfalls komplett voneinander trennen kann und verhindern soll, dass Elbwasser in die Jeetzel drängt. Außerdem entstand ein Schöpfwerk, das Hochwasser aus der Jeetzel in die Elbe pumpen kann, wenn das Sperrwerk bei Hochwasser geschlossen ist.

Hitzacker ist eine 5000-Seelen-Kommune mit einem der nördlichsten Weinberge Deutschlands, sie wurde erstmals 1203 urkundlich erwähnt. Heute spielt der Tourismus dort eine wichtige Rolle.

Die 280 Evakuierten sind offenbar gut untergekommen. „Wir haben schon unseren Wohnwagen angeboten, aber es sind schon alle versorgt“, sagt Krüger. Jutta von dem Busche hat einen befreundeten Arzt aufgenommen. „Wir hatten noch eine Etage in unsere Haus frei, da richtet er nun seine Praxis ein“, erzählt sie. Nach zwei Überflutungen in den vergangenen Jahren seien alle Stadtbewohner mit den Nerven fertig. Ihre Hoffnungen ruhen auf der neuen Hochwasserschutzmauer. Sie wurde nach den letzten schweren Hochwassern errichtet, 8,90 Meter ist sie hoch.

Früher, sagt sie, habe sie die Anlage in einer charmanten Kleinstadt wie Hitzacker für zu groß empfunden. Mittlerweile hat sie ihre Meinung geändert. „Wenn man die Wassermassen sieht, wird einem auch ganz anders“, sagt sie.

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