Akademisierung von Gesundheitsberufen

Unis sollen Physiotherapeuten ausbilden

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Immer komplexer: Physiotherapeut bei der Arbeit.

Hannover - Das niedersächsische Wissenschaftsministerium prüft, die Ausbildung zu bestimmten Gesundheitsberufen künftig an Universitäten oder Fachhochschulen zu verlagern. Derzeit werde ausgelotet, welchen konkreten Bedarf es für akademisch ausgebildete Fachkräfte bei den Trägern von Pflege- und Gesundheitseinrichtungen gebe.

Das sagte Gabriele Heinen-Kljajic der HAZ. Die Wissenschaftsministerin stellte gestern gemeinsam mit Sozialministerin Cornelia Rundt und Wirtschaftsminister Olaf Lies den „Masterplan Soziale Gesundheitswirtschaft“ vor. Die Landesregierung will die Gesundheitsbranche, in der in Niedersachsen mehr als 450 000 Menschen arbeiten, ressortübergreifend fördern und vernetzen.

„Berufe wie der des Physiotherapeuten werden immer komplexer“, sagte Heinen-Kljajic weiter. Da sei es gerechtfertigt zu hinterfragen, ob jenseits des klassischen Medizinstudiums auch andere Felder aus der Gesundheitswirtschaft an Hochschulen unterrichtet werden sollten. Der Wissenschaftsrat hatte bereits im Jahr 2012 empfohlen, Gesundheitsberufe zumindest zum Teil zu akademisieren. „Wir nähern uns dem Thema an, loten den Bedarf und die Möglichkeiten einer Teil-Akademisierung aus und stimmen uns mit den Hochschulen darüber ab“, erklärte die Ministerin. Zu diesem Zweck habe das Wissenschaftsministerium eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, in der unter anderem Vertreter der Hochschulen und Fachhochschulen sowie der medizinischen Fakultäten mitarbeiten. „Ob und wann ein akademischer Abschluss nötig ist, wird im Einzelfall – in Abstimmung mit Kosten- und Leistungsträgern – zu prüfen sein“, betonte Heinen-Kljajic.

Kritik kam von Unternehmerseite. „Ich befürchte, dass uns dann etwa Pflegekräfte am Bett fehlen“, sagte die Unternehmerin Jasmin Arbabian-Vogel, die einen interkulturellen Sozialdienst mit 80 Mitarbeitern in Hannover führt. „Wer studiert, strebt in andere Bereiche des Gesundheitswesens, etwa in die Verwaltung.“ Zudem ändere sich mit einer Hochschulausbildung auch der Zugang zu diesen Berufen. „Für die Altenpflege genügt momentan noch der Realschulabschluss“, sagt Arbabian-Vogel. Dies reiche bei einem Studium nicht mehr aus. Dem Versuch, Fachkräfte zu rekrutieren, stünde eine solche Entwicklung im Weg, sagte Arbabian-Vogel. Der Gesundheitsexperte Josef Hilbert hingegen hält die Akademisierung der Gesundheitsberufe „für nicht mehr aufzuhalten“. Er plädierte dafür, die Studiengänge so auszurichten, dass der „Dienst am Bett“ nicht vergessen wird.

Mit dem Masterplan „Soziale Gesundheitswirtschaft“ will die Landesregierung die Branche angesichts des demografischen Wandels und des Mangels an Fachkräften fördern. Sozialministerin Cornelia Rundt betonte, dass dabei nicht Wachstum um jeden Preis das Ziel sein dürfe. Arbeitsbedingungen sowie Gesundheits- und Pflegeleistungen müssten zum Wohle der Bürger gestaltet werden, sagte Rundt weiter. Die Branche stehe vor gewaltigen Herausforderungen. In Niedersachsen leben derzeit 275 000 pflegebedürftige Menschen. 2020 seien es voraussichtlich bereits 310 000. Bis 2050 werde die Zahl auf 480 000 Patienten ansteigen.

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