Persönlichkeitsentwicklung

Unterrichtsfach Glück zieht in Niedersachsens Schulen ein

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Foto: Auch der behutsam geübte Stockkampf kann Glücksgefühle auslösen: Schülerinnen in Göttingen üben ihn.

Göttingen - Wo Glück und Mathe zusammengehören: Nur an wenigen Schulen in Niedersachsen gibt es ein Angebot, das die Persönlichkeit stärken soll.

Susanne Pflüger hebt die Arme schützend vors Gesicht, sie weicht vor den Stockschlägen der Schülerin zurück, geht in die Knie, kauert schließlich am Boden, den Kopf unter den Händen vergraben. In diesem Moment hört Edwina auf. „Ich kann das nicht mehr“, sagt die 17-Jährige und lässt den Stock in ihrer Hand sinken. Am Rand stehen ihre Mitschülerinnen.

Echte Erfolgserlebnisse kennen die wenigsten von ihnen. Die Mädchen haben keinen oder einen schlechten Hauptschulabschluss. Einige sind so oft sitzen geblieben, dass sie aus der allgemeinen Schulpflicht herausgefallen, aber ohne Abschluss geblieben sind.

In der Berufsbildenden Schule Ritterplan in Göttingen lernen sie seit zwei Jahren wieder Fuß zu fassen. Im Unterricht und im Leben überhaupt. Seit vergangenen September haben sie Glück, regelmäßig zwei Stunden in der Woche, als Schulfach bei Lehrerin Susanne Pflüger. Glück und Schule – geht das überhaupt? Für diese Schülerinnen war diese Kombination früher kaum vorstellbar. „Eigentlich müsste das Fach Persönlichkeitsentwicklung heißen“, sagt Pflüger, „aber das klingt ja furchtbar.“ Viele Schüler hielten sich für Versager, sagen Pflüger (52) und ihre Kollegin Elke Tippe (59), die an der BBS Ritterplan für die Berufseinstiegsklasse zuständig ist. „Die denken, sie haben so einen Stempel auf der Stirn, auf dem steht: ,Ich bin bekloppt.‘“ Die Lehrerinnen fragen nicht nach den Defiziten, sondern nach den Stärken. „Wenn Schüler sagen können, ich habe Glück, klingt das doch viel netter“, findet Tippe. Denn Glück und Erfolg hatten Mädchen wie Edwina bisher im Leben eher selten.

„Mach weiter, los“, feuern einige Mitschülerinnen sie im Stockkampf an. Edwina aber macht nichts. Sie steht einfach nur da. Es gibt Mädchen in der Klasse, die Edwinas Verhalten nicht verstehen. Für manche war es früher durchaus normal, Konflikte mit Fäusten auszutragen. In der Schule – beim Stockkampf mit Susanne Pflüger – lernen sie, dass Frust nicht unbedingt zerstörerisch wirken muss, sondern auch positive Energie freisetzen kann. Was aussieht wie Sportunterricht, den die 15 Schülerinnen in der ehemaligen Werkstatt zwischen Boxsack und Hantelbank haben, ist also „Glück“.

Im normalen Schulalltag empfinden nur wenige Kinder wirkliches Glück. Das gilt für Berufsschulen genauso wie für Grundschulen und Gymnasien. Nur beim Zahnarzt seien sie unglücklicher als in der Schule, hatten österreichische Kinder im Alter zwischen neun und 13 Jahren in einer Studie angegeben. Glücklich seien sie dagegen in den Ferien und zu Hause bei ihren Familien.

Das kann nicht so bleiben, fand der Heidelberger Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert und entwickelte mit einem Expertenteam das Schulfach Glück, das seit 2007 auch tatsächlich unterrichtet wird. Es findet sich mittlerweile an 100 Schulen in Deutschland, auch an einigen in Niedersachsen, vor allem im Süden des Landes. In Hannover noch nicht. In fünf Modulen erfahren die Schüler „Freude am Leben“, „Freude an der eigenen Leistung“, „Körper in Bewegung“, „Körper als Ausdrucksmittel“ und „seelisches Wohlbefinden“.

„Das befreit die Seele“, sagt Elif (17) nach zwei Stunden Stockkampf. „Es ist eine schöne Abwechslung, und man muss nicht an den Alltag denken“, betont die gleichaltrige Fatmira. „Es sind schöne Erinnerungen, die gut tun.“ Beyza findet, dass „Glück“ auch selbstbewusst macht. Es sei eine Zeit der Reife, beschreibt Lehrerin Pflüger die Auswirkungen des Fachs. Wer „Glück“ hat, kann besser lernen. Das bestätigen auch die Fünftklässler am Göttinger Felix-Klein-Gymnasium, die von Monika Fahrenbach unterrichtet werden. Thomas (11) sitzt auf einem Stuhl in der Mitte. Die anderen Kinder in der Glücksforscher-Arbeitsgemeinschaft stehen im Kreis um ihn herum und sagen ihm, was sie besonders an ihm mögen. „Du bist witzig“, ruft einer. „Du kannst gut zuhören“, meint ein anderer. Thomas lächelt. Das sind Streicheleinheiten für die Kinderseele. „Warme Dusche“ heißt die Übung. Der Übergang auf die weiterführende Schule sei nach der 4. Klasse nicht einfach, sagt Lehrerin Fahrenbach. Arbeiten, Tests, Zensuren, Leistungsdruck – einfach mal spielen sei oft nicht mehr drin. Das verkürzte Abitur verstärke dies noch. „Glück ist Persönlichkeitsbildung“, sagt Klaus Juraschek, Rektor des Felix-Klein-Gymnasiums. „Das hätten alle Schulen bitter nötig.“

Neues Lernen

Ernst Fritz-Schubert, Leiter der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg, hat zusammen mit dem Bildungsforscher Wolfgang Knörzer und dem früheren Hockey-Profi Bernhard Peters das Schulfach Glück konzipiert, das dort an der Berufsfachschule und an dem Wirtschaftsgymnasium bereits seit 2007 unterrichtet wird. Damit sollen Lebenskompetenz und Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden. Durch Rollenspiele, Konzentrationsübungen, Sport und Musik bekommen Schüler Selbstvertrauen und übernehmen Verantwortung. Sie lernen ihre Stärken und Schwächen kennen, sprechen über Lebensziele und ihre Gefühle, erhalten Anerkennung. Noten gibt es meistens nicht.

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