Ölunfall in Ostfriesland

Die unterschätzte Gefahr von Etzel

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Foto: Wasserläufe sind über Kilometer mit Öl verunreinigt.

Hannover - Was lief schief in der zuständigen Landesbehörde? Das Ausmaß des Ölunglücks in Ostfriesland ist offenbar tagelang als Lappalie eingestuft worden.

Die Folgen des Ölembargos von 1973 sind in Ostfriesland noch heute zu besichtigen. Im Kreis Wittmund, in ausgespülten Hohlräumen eines riesigen Salzstocks, lagert die Bundesrohölreserve – sie wurde von 1974 bis 1981 aufgebaut und soll im Notfall sicherstellen, dass der deutsche Bedarf an Benzin und Heizöl für 90 Tage gedeckt werden kann. Was passiert, wenn bei der Lagerung geschlampt wird, ist derzeit ebenfalls an der Küste zu sehen: Wasserläufe sind über Kilometer mit Öl verunreinigt, das Gefieder von Vögeln ist verschmutzt, Hunderte freiwillige Helfer von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk kämpfen seit Sonntag gegen Öl, das aus dem Kavernenspeicher ausgelaufen ist.

40 000 Liter sollen ausgetreten sein, das räumt der Betreiber IVG Caverns ein, ein Tochterunternehmen des insolventen Immobilienfinanzierers IVG in Bonn. Fünf Tage, nachdem das Leck eines Entlüftungsventils zufällig entdeckt worden war, scheint die Lage vorerst im Griff. Eine Verschmutzung des Wattenmeeres konnte um Haaresbreite verhindert werden. Dafür mehren sich die Stimmen, die dem Betreiber der Kavernen und der zuständigen Landesbehörde Versäumnisse im Umgang mit der Ölpest vorwerfen. Am Freitag hat die örtliche Bürgerinitiative Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Aurich gegen die IVG Caverns erstattet und auch gegen das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG). Die Bürgerinitiative Lebensqualität Horsten-Etzel-Marx wirft dem Kavernenbetreiber Umweltstraftaten vor, dem LBEG die Verletzung seiner Aufsichtspflichten. Wie kann es sein, fragt die BI, dass so viel Öl unbemerkt ausläuft?

„Vorschriften wurden nicht eingehalten“

Das LBEG hätte die Anlage nicht genehmigen dürfen, behaupten die Umweltschützer. Angeblich gibt es keine Videoüberwachung und keinen ständigen Wachdienst. Ein Fahrradfahrer hat den Unfall am Sonntag zufällig bemerkt. Seit mindestens 20 Stunden stand das Ventil da schon offen. Ein Alarmsystem, das das Einsickern des Öls aus einer Überlaufwanne in die Gewässer hätte verhindern sollen, ist angeblich nicht vorhanden. „Das legt den begründeten Verdacht nahe, dass geltende Vorschriften bei der Genehmigung nicht eingehalten wurden“, sagt BI-Sprecher Andreas Rudolph.

Die Sprecher des LBEG und des Kavernenbetreibers sagen dagegen so gut wie nichts. Fragt man nach bei der Behörde, bekommt man ausweichende Antworten. Es gibt keine Informationen zu eigenen Erkenntnissen der zuständigen Ermittlungsbehörde. Dass 40 000 Liter Öl ausgetreten sein sollen, ist eine Angabe des Betreibers. Ebenso, dass das Ventil 20 Stunden lang offen stand. Die Kontrolleure machen sich die Aussagen des Unternehmens zu eigen. Dabei gibt es Zweifel an der Darstellung. Unbestätigte Gerüchte, die im LBEG bekannt sind, besagen, dass es bereits am Donnerstag vergangener Woche Hinweise auf das offen stehende Ventil gab. Sie sollen von der IVG ignoriert worden sein. Mehrfache Nachfragen beim Unternehmen blieben unbeantwortet. Fragt man im LBEG nach konkreten Ermittlungsschritten, hört man von den Experten nur, dass der behördeninterne Meldeweg eingehalten wurde.

Das Ausmaß des Unglücks wurde unterschätzt

Offenbar hat das Landesamt die Ausmaße des Unglücks am Sonntag noch unterschätzt. Ein paar Tropfen Öl sind ausgelaufen – so war die Haltung im LBEG noch, als am Montagmorgen in den Zeitungen schon von einer Ölpest die Rede war. Ein 400 000 Euro teures Messfahrzeug, vollgestopft mit Technik zur Überwachung des Bodens und des Grundwassers, stand bis Freitag ungenutzt auf dem Hof des LBEG. Erst gestern wurde es nach Etzel geschickt, wo ein Trinkwasserreservat unmittelbar an den Kavernenspeicher grenzt. Die Sorge um die Wasserversorgung im nahe gelegenen Wilhelmshaven kam früh auf.

Für das LBEG stand die „Schadensbekämpfung in Oberflächengewässern“ im Vordergrund. Erst jetzt gehe es „im Zuge der laufenden Ermittlungen auch darum, den Zustand von Grundwasser und Boden zu überprüfen“.Dem Vernehmen nach soll Wirtschaftsminister Olaf Lies alles andere als zufrieden sein mit der Arbeit der ihm unterstellten Behörde. Das Umweltdrama spielt sich in seinem Wahlkreis ab. Der SPD-Politiker zeigt seine Unzufriedenheit darum auch öffentlich – allerdings nur durch die Blume. Als Lies am Donnerstag den Einsatz der Helfer vor Ort lobte, erwähnte er seine eigene Behörde mit keinem Wort. Umweltminister Stefan Wenzel handhabte das am selben Tag ganz anders. Der Grüne würdigte den Einsatz des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft mit freundlichen Worten. Minister Lies ist heute in Etzel. Er wird begleitet von Mitarbeitern aus dem Ministerium. Auf Begleitung von Experten des LBEG legt Lies offenbar keinen Wert.

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